Welche Staaten werden schwächer, welche stärker aus der Coronakrise hervorgehen?

Längst wird öffentlich über die Fragen gesprochen, wie unterschiedlich die Staaten der Coronakrise begegnen – China, die USA, europäische Staaten und die EU als Ganze , wie auch benachteiligte Regionen und Staaten bspw. Afrikas – und eben auch darüber, wer mehr oder weniger Erfolge dabei haben wird,  welche Bedeutung  solche Unterschiede für ihr zukünftiges Gewicht in der Weltpolitik  haben werden.

Offensichtlich betreibt gerade China, sehr wahrscheinlich der Ursprungsraum der Pandemie, mittlerweile eine Propaganda, es habe diese weitaus erfolgreicher als alle anderen bekämpft und leiste nunmehr mit seinen Erfahrungen und seiner eminenten wirtschaftlichen Kraft der übrigen Welt Hilfe. Diese schaffe es, so die in China verbreitete Meinung, nicht aus eigener Kraft und werde China zu großem Dank verpflichtet sein. Der Einsatz der Coronaproblematik zur Förderung geopolitischer Hegemoniepläne liegt hier auf der Hand.

In den USA steigt nicht nur die Zahl der Infektionen und Todesfälle jetzt rasch, man weiß nicht, wie weit noch in den nächsten Wochen; es scheint vor allem wirtschaftlich noch deutlich holpriger zu laufen als bspw. in Deutschland mit seinen Sozialsystemen. Wenn aber die ökonomischen Daten in USA plötzlich steil nach unten gehen, kann das Trump gefährden, der bisher immer damit geprotzt hat, dass es mehr Geld in den Taschen gebe. Wenn Trump kippt, werden die USA noch erratischer und international unzuverlässiger als bisher schon, sie werden weiter Einfluss verlieren (das Vorstehende ist natürlich kein Plädoyer für den Verbleib dieser Figur im Amt).

China bemüht sich um Ausnutzung der Schwäche der USA und auch der Schwächeerscheinungen in der EU. Ich gehe aber davon aus, dass man in der EU das Hochplateau der medizinischen Probleme bald verlassen wird und dass die gesammelte Finanzierungskraft die EU-Ökonomie einigermaßen flott hält. Die EU wird dann dafür anerkannt werden, dass sie trotz aller Panikmache und anfänglicher Verwirrung es wieder einmal geschafft hat, sich zu einigen und  ihre Bevölkerungen mit begrenzten Verlusten – im Vergleich mit anderen –durch die Krise geschleust zu haben.

Eine der wichtigen Fragen auch für die EU wird der Umgang mit den internationalen Interventionen Chinas und auch mit der chinesischen Ökonomie sein, von der insbesondere die deutsche stark abhängt. China ist bei alledem ein großer Unsicherheitsfaktor. Weder ist bekannt, ob es gegen die Seuche nun verlässlich abgesichert ist, ob sie nicht erneut auftreten kann, noch ob  seine Verlässlichkeit für die globalen Lieferketten nun wieder gegeben ist. Wenn die Seuche erneut auftritt, könnte es im Innern heftige Unruhe geben. Wird dann im Südchinesischen Meer militärisch zugeschlagen? Und das internationale Kapital wird sich aus China zurückziehen, wenn auch nicht auf einen Schlag, weil die Produktionszuverlässigkeit endgültig perdu ist.

Ein wichtiger, ganz andersartiger Aspekt ist die internationale Solidarität mit den von Krankheit, Tod und ökonomischem Zusammenbruch betroffenen Ländern und Regionen, die am wenigsten dem entgegenzusetzen haben, d.h. Afrika etc. Auch China muss in diese Überlegung einbezogen werden. Der Widerwille gegen das chinesische Hegemonialstreben ist eine Sache, die Solidarität mit dem chinesischen Volk eine andere.

Die Pandemie macht nun auf andere Weise deutlich, dass wir ein Weltsystem mit einer Vernetztheit und einer Interdependenz wie noch nie zuvor haben. Das kommt im Bewusstsein von mehr Menschen jetzt an als zuvor. Nicht nur die gebräuchlichsten Industrieerzeugnisse wie Automobile oder Handys hängen ab vom Zustand der Gesundheitssysteme und der ökonomischen Systeme im Allgemeinen, sondern auch Elementares wie Lebensmittel – diese  z.B. vom Funktionieren von Transportsystemen.

Wenn eine Pandemie in entwickelten Ländern rasch Hunderttausende Leben kosten kann, kann  man der Frage kaum ausweichen, wieviele Millionen sie nun in den armen Ländern kostet, warum diese so arm sind und soziale und medizinische Hilfen für die größten Teile der Bevölkerungen nicht existent sind, mit allen Rückwirkungen auf die Lage der entwickelteren Länder. (Bei Influenza war und ist man zwar ähnlich stark betroffen, aber nicht so sensibel für die politischen Umstände, aus diversen Gründen; diese wachsende Sensibilität ist ein Positivum der aktuellen Entwicklung).

Dies ist kein Aufruf zu mehr Spenden, obwohl die, in den richtigen Händen und an die richtigen Adressen weitergeleitet, nicht Nichts sind. Es geht vielmehr darum, mehr Verständnis für die geschichtlichen, politischen und kulturellen Gründe der extremen Gegensätzlichkeiten zu erarbeiten. Warum gibt es diese krassen Unterschiede, was wären reale Möglichkeiten für die entwickelteren Gesellschaften, mitzuhelfen, diese Strukturen zum Besseren zu wenden….?

Es gibt eine Tendenz, unter dem Druck der oben angedeuteten Komplexität viele Aspekte derselben von sich weg zu schieben, die Gefährdungen der Demokratie bspw. oder die Lage in Afrika, und sich damit einzurichten, dass man vor Ort individuell ja eine Menge falsch oder richtig machen könne und sich daher auf die „Nachbarschaft“ konzentrieren sollte; die Weltfragen könne man nur schlecht erfassen und noch weniger darin etwas bewegen.

Wenn wir dieser Tendenz entgegenarbeiten, könnte dies unserer physischen Gesundheit nützen – und vor allem unsere mentale stärken.


 

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Ich verspreche jede sachlich irgendwie relevante Zuschrift dann im Anhang zu dem betr. Beitrag zu veröffentlichen, auch wenn sie mit meinen Ansichten garnicht übereinstimmen kann.

 

 

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Notizen zur Notwendigkeit von Kompromissen in der Finanzpolitik der EU

Die Coronakrise aktualisiert jetzt heftig die Notwendigkeiten der Europäischen Union, ihre nationalen Wirtschaftssysteme, auch ihre Gesundheitssysteme, und die europäische Finanzpolitik besser abzustimmen und Europa für die kommenden raueren Zeiten in der Weltpolitik fitter zu machen.

Von „mehr Solidarität“ zwischen den Mitgliedern der EU zu sprechen, trifft das Problem nicht so recht, denn die Beziehungen  der Staaten entwickeln sich ja anders als bspw. die zwischen Gruppen von Menschen. Menschengruppen können sich auf eine Weise miteinander verbinden, die Solidarität genannt wird, bspw. im Fall von  Streikenden,  oder wenn man durch ein gemeinsames Unglück betroffen ist, das man gemeinsam durchstehen und überwinden muss. Solidarität zeigt sich u.U. auch zwischen räumlich und sozial weit entfernten Menschen, bspw. wenn ein Streik von fern unterstützt wird, oder wenn von einem Erdbeben Betroffene von Nichtbetroffenen auch aus anderen Ländern unterstützt werden.

Zwischen den Staaten Europas bzw. der EU herrschen prinzipiell Beziehungen  der Konkurrenz. Jeder kämpft bspw. um wirtschaftliche Vorteile, die leicht zu Lasten anderer Mitglieder der EU gehen können; man kämpft um Einfluss und Positionen in den Machtorganen; man versucht  unfreundliche Eingriffe in die Angelegenheiten von Partnerländern etc. Diese permanenten Kämpfe untereinander, deren Ursachen noch lange bestehen werden, bzw. für die es ständig neue Gründe geben wird, unterliegen allerdings mittlerweile einem Dämpfungsfaktor, genannt EU: die Beteiligten wissen, oder lassen sich daran erinnern, dass es für alle zumindest längerfristig vorteilhafter ist politisch zusammenzubleiben, an wichtige Fragen konsultativ heranzugehen und Kompromisse zu finden, um in der Weltpolitik genügend Masse und Kraft einsetzen zu können. Man kann keinen der zahllosen Streitpunkte sich so  verselbständigen lassen, dass er das Zusammengehen in wichtigen Fragen verhindern würde.

 

Noch zu einem weiteren problematischen Ausdruck eine Bemerkung vorweg “Coronakrise“. Es handelt sich  genauer gesagt, mehr als um die Rettung der Erkrankten und der Gesunden, um die enormen zusätzlichen wirtschaftlichen Probleme, die durch die Coronapolitik der verschiedenen europäischen Regierungen jetzt entstehen. Vielleicht sind bestimmte politische Maßnahmen momentan kaum zu vermeiden, vielleicht aber auch durch bestimmte nicht-medizinische Interessen verstärkt, über die nicht gern geredet wird. Das soll aber hier nicht das Thema sein.

Jetzt zu einem der Hauptreibungspunkte in der EU, jedenfalls nach Meinung der üblichen Medien:

Ich denke, dass der Süden und der Norden Europas mehr Rücksicht aufeinander nehmen müssen, dass mehr wechselseitiges Verständnis für die jeweiligen Schwächen und Stärken gesucht werden muss. Darauf aufbauend können auch neue Lösungen für die politischen Bereiche gesucht werden, in denen das Zusammenwirken aller oder auch von Untergruppen  vorteilhaft ist, bspw. in der Finanzpolitik, weiter dann auch in der Wirtschaftspolitik, in der Sozialpolitik, in der Gesundheitspolitik.

Es scheinen seit langem immer wieder die sehr unterschiedlich geprägten Lebensauffassungen und die unterschiedlichen Wege der wirtschaftlichen Existenzsicherung  und –verbesserung im Süden und im Norden in Konflikt zu geraten. Sie sind in vielen Jahrhunderten Geschichte und Kulturgeschichte entstanden.

Ein beliebter Vorwurf an den Süden, insbesondere an Italien, lautet in etwa, dass man dort (im kapitalistischen Sinne) weniger effizient sei, unbedenklich Schulden auf Schulden türme, wenn die Wirtschaftskraft eben chronisch nicht mitkomme, und man die „reicheren“ Länder im Norden, namentlich Deutschland, dann zum Mit-Garanten einer untragbaren Schuldenlast degradieren wolle.

In der entgegengesetzten Richtung sind Hinweise darauf nicht völlig erfunden, dass Deutschland bisher eher als Profiteur struktureller südlicher Schwächen geglänzt habe denn als Mitarbeiter an deren Besserung.

Im Süden, insbesondere in Italien, aber auch in Griechenland, gibt es anscheinend Meinungsmacher genug, die die hausgemachten Probleme nicht recht in den Blick nehmen wollen und stattdessen behaupten, das vergleichsweise schuldenscheue Deutschland sei der eigentliche Urheber der Misere südlicher EU-Mitglieder, weil es sich weigere, im erforderlichen Umfang deren weitere Verschuldung und die weitere Verschuldung der EU als Ganze mit zu tragen.

Ich denke, dass man auf Dauer nicht auf dieser Argumentationsebene verbleiben kann, auch wenn in beiden gegensätzlichen Positionen eine Menge Wahrheiten stecken mögen. Wenn Italien bspw. die ewigen Probleme des unterentwickelten, mafiotischen und abgehängten Südens, und zwar in erster Linien  wegen der in Privilegien und Korruption erlahmten herrschenden Kreise des Landes, nicht angehen kann, sie vielmehr mit unproduktiv versickernden Staatsmillliarden Jahrzehnt um Jahrzehnt zudeckt und konserviert – und dann von der EU verlangt, dass sie für die entsprechende mangelnde Solidität der italienischen Staatshaushalte einspringt, dann ist das wohl nicht oder nur zum geringsten Teil auf Deutschland  zurückzuführen.

Wenn aber Deutschland  seinerseits, wie im Falle der Rettung Griechenlands, die Maßnahmen wesentlich mit verantwortet, mit denen die Forderungen der europäischen Finanzinstitutionen, Banken, Staatshaushalte etc. auf Sicherung ihrer Kredite befriedigt, die griechischen Oligarchen gerettet, weiterhin von jeder Verpflichtung gegenüber dem eigenen Staat freigestellt und eine große Masse von einfacheren Bürgern in skandalöse Existenzsorgen gestürzt werden, dann liegt der Vorwurf einer asozialen Austeritätspolitik an die Adresse Deutschlands auf der Hand (wobei Deutschland  natürlich nicht alleine verantwortlich war, sondern im Verein mit den anderen beteiligten Machtzentren der EU, des IWF genannt werden muss). Italienische Politiker beklagen sich derzeit zusätzlich darüber, dass auch ihr Staat Opfer für die sog. Griechenland-Rettung gebracht habe, aber nun, wo er selbst große finanzielle Schwierigkeiten habe, keine Hilfe erwarten könne, wegen der deutschen Vorbehalte gegen gemeinschaftliche Schulden der EU etc.

Man sollte vielleicht eine andere Ebene versuchen, die etwa so definiert werden könnte: Süden wie Norden Europas sind durch ihre jeweiligen Stärken wie Schwächen untrennbar verbunden, und es kommt darauf an, die Schwächen beider Seiten mit mehr gegenseitigem Verständnis und Solidarität zu bekämpfen. Es geht um mehr als den nächsten Kompromiss unter dem Druck einer alarmierenden Situation.

Hier könnte man zahllose Beispiele anführen. Deutschland bspw. war früher und ist auch heute nicht etwa finanziell blutendes Opfer italienischer oder griechischer Misswirtschaft, sondern im Gegenteil ein großer Profiteur südlicher Schwächen. Die industriellen Schwächen des Südens bspw. waren über Jahrzehnte für viele deutsche Unternehmen ein günstiger Boden, ihre Exporte dorthin zu steigern. Der europäische Binnenmarkt hat diese Möglichkeiten sicher noch vermehrt und garantiert. Überhaupt ist der europäische Binnenmarkt einer der Hauptantriebe für die relativ gute Konjunktur Deutschlands in den letzten Jahrzehnten gewesen.

Der deutsche ökonomische Egoismus, das Desinteresse am Gedeihen der Anderen, die Mentalität der Alleingänge (z.B. in der Energiepolitik) sind abstoßend.

Umgekehrt können die großen Schuldenmacher im Süden von Glück sagen, dass mit dem – bislang noch  – industriell starken Deutschland und anderen Nordstaaten (und mit deren im internationalen Vergleich geringeren Staatsverschuldung) immer noch ein starker Anker existiert hat für den Euro und die Finanzierung der europäischen Haushalte, der die Finanzströme mit ermöglicht hat. Sie sollten nicht zu sehr darauf drängen, dass die Reste finanzpolitischer Vorsicht, die sich im Norden noch zeigen, auch noch geschleift werden.

Aufgrund der unterschiedlichen nationalen geschichtlichen Hintergründe, der unterschiedlichen Kulturen und Massenmentalitäten werden die Unterschiede in kapitalistischer Effektivität, in kapitalistischer und staatlicher Organisiertheit und auch in der Verlässlichkeit der Staatsapparate und der politischen Repräsentanz noch lange sich bemerkbar machen.  In dieser Hinsicht kann der Süden Einiges sich abschauen – der Norden aber kann sich auch Einiges in anderer Hinsicht abschauen.  Man sagt z.B., dass die Nachbarschaftlichkeit im Süden, die informelle Solidarität in kleineren Gemeinschaften ein großer Vorzug seien. Man kann auch im Süden hart arbeiten, aber die Neigung, die eigene Existenz durch Arbeitseffektivität zu definieren, ist geringer; das bewahrt vor manchen Verkrampfungen.

Es gibt allerdings in der Tat italienische Missstände, die das ganze Land und die EU mit herunterziehen. Markantes Beispiel: die enorme Rolle der Organisierten Kriminalität in Italien und von dort ausstrahlend in andere Länder. Sie ist ein Schandfleck für die ganze EU. Offensichtlich ist der italienische Staat noch nie seit 1945 in der Lage gewesen, gegen dieses Phänomen wirksam vorzugehen, und weil das sich offensichtlich nicht ändert, ist die EU  nicht nur aufgerufen, sondern verpflichtet, in Zusammenarbeit mit den dazu fähigen Kräften Italiens, hier aktiv zu werden und einzugreifen. Für die Zeit nach Corona steht nicht nur eine von der EU unterstützte Verbesserung des italienischen  Gesundheitswesens an, sondern auch diese seit Jahrzehnten verschleppte Aufgabe. (Am Rande vermerkt: Als die USA im 2. Weltkrieg im Süden, in Sizilien landeten, um von hier aus das Land den italienischen und deutschen Faschisten abzunehmen, reinstallierten sie die dortige Mafia, die zuvor unter Mussolini ihre Macht weitgehend verloren hatte, als einen ihrer Bundesgenossen bei der Errichtung US-freundlicher Machtstrukturen. Ein weiteres spotlight: eine langjährige graue Eminenz der italienische Politik, der DC-Politiker und mehrfache Ministerpräsident G. Andreotti mit seinen guten Mafiakontakten und ihrer Nutzung für politische Zwecke).

Auf der anderen Seite hat Italien der übrigen EU und der Welt viel Positives beizusteuern. Die kulturellen Traditionen Italiens sind bis heute von großer Bedeutung. Durch die Jahrhunderte der Neuzeit hindurch hat Italien auf vielen wissenschaftlichen Gebieten, in verschiedenen Kunstgattungen und auch industriell immer wieder Welt-Spitzenleistungen hervorgebracht, auch wenn der italienische Staat, der erst im 19. Jahrhundert mehr schlecht als recht zusammengezimmert wurde, als solcher von Korruption, zeitweiligem Faschismus, Mafien, Klerikalismus und Klientelismus strukturell schwer beeinträchtigt war und noch immer ist.

Der deutsche Standardvorwurf einer exzessiven Schuldenwirtschaft an die italienische Adresse ist ziemlich hohl und zeugt von Arroganz. Denn die deutsche Ökonomie seit der Wiederherstellung der Einheit 1990 ff. ist  keineswegs durchgängig so solide und vorbildlich, wie sie sich selbst gern hinstellt. Damit sie in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt so konkurrenzfähig sich entwickeln konnte, hat der deutsche Staat sich, nicht unähnlich anderen europäischen Staaten, hoch verschuldet. Im Prinzip ist er in derselben Lage: die Schulden sind längst so hoch, dass sie auf normalem Weg, durch die eigene Wirtschaftskraft, nie mehr getilgt werden können. Deutschland ist zwar bisher trotz dieser Tatsache noch immer etwas kreditwürdiger als andere – und das kultivieren deutsche Regierungen mit allen Kräften -, weil er im Vergleich mit anderen eben nicht ganz so dicht am Staatsbankrott steht und weil die wirtschaftliche Basis größer und leistungsfähiger ist als die irgendeines anderen Landes der EU.  Wie aber seine Renten in den nächsten Jahrzehnten finanziert werden sollen – um nur ein Beispiel zu nennen – ist gleichfalls völlig unklar, vielleicht sogar unsicherer als anderswo; was hier bisher Sozialstaat hieß und zur deutschen Effektivität zentral beigetragen hat, ist ein Auslaufmodell, wenn nicht heftigste Umbauten stattfinden.

Zur Überheblichkeit im europäischen Rahmen besteht nicht der geringste Grund.

Die Lösungen können nur gemeinsam gesucht werden. Nur in der gemeinsamen ökonomischen Sanierung und Konsolidierung können Auswege liegen. Dabei kann eine große Rolle spielen, dass mit der EU der weltgrößte Binnenmarkt existiert, der interne Riesenkräfte besitzt. Was steht im Wege, dass man EU-gemeinschaftlich, in ganz anderem Stil und ganz anderen Dimensionen als bisher, bspw. die schweren Defizite in Infrastrukturen, namentlich auch im Bildungsbereich angeht und  dafür die gemeinschaftlichen Ressourcen (die sind, wie gesagt, immens) mobilisiert? Was steht im Wege, dass man EU-gemeinschaftlich, vorausgesetzt die legitimierten politischen Kräfte Italiens wollen das ebenfalls, mit Ideen, fähigen Menschen, Kapital etc. aus der Gemeinschaft in großem Umfang beginnt, sich den jahrhundertelang verschleppten Modernitätsdefiziten des italienische Südens zu widmen? In einem solchen Falle dürfte man gespannt darauf schauen, wie sich verschiedene Kräfte, z.B. auch die katholische Kirche, vor allem aber die prinzipiellen Anwälte der Kraftlosigkeit der EU wie die USA und Russland, und wie sich die dort zentrierten internationalen Gangsterorganisationen dazu verhalten werden.

Ich bin nicht in der Lage, die unterschiedlichen jetzt vorgebrachten Vorschläge und die gerade geschlossenen Kompromisse für eine gemeinsamere Finanz- und Haushaltspolitik der EU zu beurteilen. Dass aber auf diesen Gebieten jetzt Neues und Größeres entstehen muss, und dass es komplementär mehr demokratischer Kontrolle bedarf über die Politik, die in Brüssel konzipiert wird, scheint mir unbestreitbar.

In Deutschland ist nach meinen Eindrücken ein größerer Teil der Bevölkerung sich bewusst, dass man die europäische Einheit entwickeln muss, dass die eigene Existenz davon abhängt, als dies bspw. in Italien der Fall zu sein scheint. Wenn in Italien politische Schaumschläger wie Salvini, die Lega, die Fünf Sterne, wenn politische und kulturelle Hohepriester der Verdummung wie Berlusconi die Klappen so groß aufreißen können wie das derzeit der Fall zu sein scheint, dann muss die europäische und insbesondere die deutsche Politik mit Verständnis und Kompromissbereitschaft gegenüber den italienischen Schwierigkeiten reagieren, die EU muss aber auch klarmachen, dass bestimmte Schwächen des italienischen Systems nicht tolerabel sind, und sie muss eine viel aktivere Aufklärung in der italienischen Bevölkerung  betreiben über deren Angewiesenheit, über aller Europäer Angewiesenheit auf die Bewahrung und Entwicklung der Gemeinsamkeit in Ökonomie und Politik.


 

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Großbritannien, die rape clause, Oberschichten-Asozialität und Brexit

In den letzten Tagen wurde ich auf ein Detail der britischen Politik, genauer der Politik der sog. Tories, mit ihrem jetzigen PM Boris Johnson, aufmerksam gemacht, die sog. rape clause. Sie betrifft in einer unglaublich asozialen Art und Weise  Familien mit mehr als zwei Kindern.

Im Jahre 2016 wurde unter der Tory-Regierung von Theresa May verfügt, dass Familien mit mehr als zwei Kindern für das dritte und ggf. weitere Kinder kein „tax credit“ mehr zu gewähren sei. Was so genannt wird, entspricht wohl im Effekt in etwa dem hier gebräuchlichen Kindergeld und beläuft sich im optimalen Fall auf etwas über 3000 € pro Jahr und Kind. (Wegen der unterschiedlichen rechtlichen Strukturen der Sozialsysteme sind Kindergeld und tax credit wahrscheinlich nicht völlig vergleichbar, ich will und kann hier aber die Unterschiede nicht recherchieren. Die Regelung wurde übernommen in die neue Systematik des „universal credit“).

Es handelt sich um eine direkte staatliche Bestrafung der Familien für die „Frechheit“, mehr als zwei Kinder zu haben; im Prinzip, wenn auch nicht in der Härte und Intensität vergleichbar mit der berüchtigten Ein-Kind-Politik der chinesischen Machthaber seit deren Rückkehr zum Kapitalismus (diese Politik war eine der ersten einschneidenden Maßnahmen unter Deng Xiao-ping, dem prokapitalistischen Nachfolger Mao Zedongs).

Was dieser Gemeinheit aber noch eine zusätzliche Quälerei der Mütter (oder in manchen Fällen beider Elternteile) hinzufügt, ist die sog. rape clause,  zu übersetzen etwa mit „Vergewaltigungs-Vorbehalt“. Wenn nämlich eine betroffene Mutter angibt, das oder die Kinder, die über die Zweizahl hinausgehen, seien durch eine Vergewaltigung gezeugt, dann kann sie für diese Kinder weiterhin den tax credit beanspruchen.  Sie braucht dazu allerdings eine Beglaubigung einer Person aus Sozialdiensten o. ä.  – die diesbezügliche Regelung scheint nicht genau ausgearbeitet worden zu sein.

Welche Probleme, welche Torturen für eine Mutter in den meisten Fällen damit verbunden sind, wenn sie eine Vergewaltigung als Ursache ihrer Mutterschaft nachweisen soll, will ich hier nicht im Einzelnen formulieren.

Die gegenwärtige Tory-Regierung unter Boris Johnson hat im März 2020 ausdrücklich eine Streichung der rape clause abgelehnt.

 

Die Oberschichten des Vereinigten Königreichs, jedenfalls soweit sie die Tory-Regierungen unterstützen, sind durch und durch asoziale und zynische Cliquen, was durch dieses Detail einmal mehr belegt wird (s.a. meinen Hinweis auf die geschichtliche Studie von Werner Rügemer über diese Schicht und ihre Politiker in Form von Tories und New Labour). Europa kann froh sein, dass sie sich mit dem Brexit selbst rauskatapultiert haben. Die EU hat genug eigene Probleme mit arroganten und asozialen reichen Schichten, mit Korruption, Mafien etc., da kann sie besser drangehen, wenn sie diese Sorte von Briten nicht auch noch institutionell am Hals hat. Der Impuls bei vielen Bürgern dies- und jenseits des Kanals allerdings, Kontakte und Freundschaften aufrechtzuerhalten und vielleicht sogar zu intensivieren in Zeiten des Brexit, ist natürlich zu begrüßen.


 

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Geopolitik mittels Corona – am Beispiel China-EU

 

Es sind vorerst nur ein paar Hinweise in den offiziellen Medien. „Wird China jetzt die Weltmacht Nummer eins?“, und zwar mittels des weltweiten Durcheinanders im Zeichen von Corona,  so fragt man bspw. in der „FAZ“.

Immerhin werden jetzt verschiedene politische Dimensionen der Krise, die man mit „Corona“ jetzt verschärft hat, schon etwas klarer benannt.

In meinen vorigen posts hatte ich auf einige davon hingewiesen. Hier möchte ich geopolitische Aspekte benennen.

In China knüpfe man jetzt an das Verhalten des Heinsberger Landrats  Stephan Pusch (CDU) an, um das eigene Land als kommenden Retter der Menschheit zu feiern, heißt es in dem „FAZ“-Beitrag.

Pusch  hatte sich im Namen seines von Infektionen betroffenen Kreises an Chinas Staatschef Xi gewendet, dieser möge Ausrüstung und Experten schicken, die eigene Landesregierung bekomme das nicht gebacken.

Puschs Aktion sei in China supergut angekommen.

Die Fragen und Überlegungen der FAZ-Redakteure zielen angesichts chinesischer Aufwallungen von Überlegenheitsgefühlen auf Vergleiche zwischen den Stärken und Schwächen Chinas und der USA. Ausführlich geht man auf schwere Fehler ein, die dem chinesischen Systems selbst in der ersten Entwicklungsphase der Pandemie (Wuhan) seit Dez. 2019 offenbar vorgehalten werden können. Daraus könne man eine Verantwortung Chinas für die weltweite Ausbreitung des Virus ableiten. Auch seien tiefgehende Zweifel an der Solidität und Kraft der chinesischen Ökonomie angebracht, die jetzigen beispiellosen Einbrüche zu überwinden.

Mit den USA gehen diese Redakteure bei weitem nicht so streng ins Gericht.

Aber andere weisen darauf hin, dass jetzt die USA erst anfingen, in Krisenabgründe zu blicken. Das Gesundheitssystem ist bekanntlich höchst lückenhaft, große Teile der Bevölkerung haben keine Mittel, um sich ärztliche Leistungen zu kaufen. Es heißt, die Einbrüche in der ohnehin wackeligen und großenteils auf prekären Arbeitsverhältnissen fußenden Ökonomie kündigten bereits Massenarbeitslosigkeit an.

Ich bin seit längerem der Meinung, dass es nicht richtig ist, die Rivalität zwischen den beiden Möchtegern-Weltmächten USA und China zu behandeln ohne gleichzeitig der Bedeutung und Entwicklung der EU großes Gewicht beizumessen.

An der Oberfläche zeigt sich schon längst mancher Hinweis, dass weder China noch die USA bereit sind, sich mit einer weiteren Konsolidierung der EU abzufinden. Das ist dort kein Nebenthema, sondern strukturell für die eigene Stellung in der Welt. Die EU muss damit rechnen, dass sich politische Schwierigkeiten aus diesen Quellen jetzt noch verstärken werden.

Wie jetzt in manchen Verlautbarungen aus China offenbar getönt wird, die Corona-Krise werde eine neue, von China ausgehende „Seidenstraße der Gesundheit“ ins Leben rufen, die die längst angestrebte ökonomisch-politische „Neue Seidenstraße“ ergänze und ihr neues Leben einhauche, ist so peinlich, dass man sich fragt, ob die Verantwortlichen überhaupt einigermaßen realistische Vorstellungen über internationale Beziehungen haben.

Unter „Neue Seidenstraße“ versteht man in China die Entwicklung der Dominanz Chinas über große Teile Asiens (z. T. auch Afrikas) als Brücke nach Europa, das nach und nach immer stärker mit der chinesischen Ökonomie zu verschmelzen sei. Europa ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Idee, und seine zukünftige Rolle gegenüber China wäre die eines Subalternen.

Aber in der Tat gibt es auch in der EU viele mental beschränkte und in ihren eigenen Angelegenheiten versagende Politiker, die von China mit finanziellen Zuwendungen, Hilfslieferungen, Investitionen gekauft werden können, nicht erst seit heute, und dementsprechend als Elemente der Spaltung Europas funktionalisierbar sind. Italien scheint auf diesem Gebiet seit langem einer der schwächsten Punkte Europas zu sein.

Die Spaltungsarbeit Chinas ist ernst zu nehmen und zu bekämpfen.

Die führende Rolle der USA beim Brexit und die seinerzeit laut ausposaunten Absichten, der EU den Rest geben zu wollen, kennzeichnen die grundsätzliche Haltung der USA recht gut, auch wenn derzeit von dort nicht so offen weitergemacht wird.

Die EU muss in ihrer internationalen Politik nicht nur auf eine Menge tatsächlicher Schwächen achten – hier sind vor allem die militärische Schwäche zu nennen, ferner die ständige Selbst-Aufreibung wegen Streitereien um alle möglichen nationalen Sonderinteressen und wegen aller möglichen nationalen Blödheiten, schließlich auch wegen finanzkapitalistischer und ökologistischer Auswüchse.

Sie muss auch klarere Vorstellungen ihrer Potentiale entwickeln.

Derzeit kann in der internationalen Entwicklung, die von den USA und China stark gekennzeichnet ist, keiner dieser beiden ohne die EU. Die EU ist nicht nur der größte kapitalistische Binnenmarkt der Welt – ohne den bspw. China einen großen Teil seiner Absatzmöglichkeiten verlieren würde -, sie ist auch von der Kreativität auf wissenschaftlichen, kulturellen und auch direkt ökonomischen Gebieten her nicht so schwach wie sie oft hingestellt wird. Das politische System weist im Vergleich mit den beiden anderen Machtzentren noch eher gewisse Elemente von Demokratie auf.

Von solchen Potentialen zehren die „Supermächte“ erheblich mit. Die Abhängigkeiten der USA und Chinas von Europa sind strukturelle Grundtatsachen der Geopolitik.

Die Coronapanik akzentuiert derzeit massiv die inneren und internationalen Probleme der EU. In dieser Entwicklung ist es umso dringender, den europäischen Zusammenhalt zu verbessern und sich der eigenen Stärken bewusster zu werden. Aus der Lage folgt allerdings auch sehr klar, dass mit Arroganz, überspannten weltweiten Ansprüchen und weiterer Entdemokratisierung nach innen, wie sie typischerweise die kapitalistischen Möchtegern-Supermächte produzieren – aber nicht nur sie -, nichts zu gewinnen ist. Allerdings auch nichts mit  fatalen Gewohnheiten der Andienung an vermeintlich Stärkere, wie man das bspw. bei deutschen Konzernleitungen gegenüber China öfters beobachten kann, die anscheinend nicht weiter denken können als an ihre nächste Bilanz.

Die europäische Ökonomie ist auf die Art von Globalisierung, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, mit Deutschland-China als einer der Hauptachsen, nicht unbedingt angewiesen.

Auch in der Corona-Krise im engeren medizinischen Sinn und im weiteren Verlauf der weltweiten ökonomischen Verwerfungen, die zu erwarten sind (sie waren ja schon vor Corona zu erwarten, wenn auch vielleicht in anderen Formen), spielen die Fragen der europäischen Konsolidierung nach innen eine große Rolle. Auch die Fragen einer internationalen Politik der EU, die sich gegenüber den USA wie auch gegenüber China besser behaupten muss als bisher, werden deutlicher. Zu diesem Zweck muss sie auch Fähigkeiten internationaler Solidarität mit Schwächeren entwickeln, insofern und so weit man sich das überhaupt angesichts einer solchen kapitalistischen Machtgruppe, wie die EU eine ist, vorstellen kann.


 

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