Bildung, Schule, Corona und der Digitalisierungswahn a la Silicon Valley

Ausführlicher kritischer Artikel von Andreas von Westphalen über die an Idiotie grenzenden Anstrengungen von Silicon Valley, Schule und Bildung digital zu automatisieren.  Diese Art von Gesellschaftsumbau unter der  Corona-Flagge muss entschieden bekämpft werden.

Übrigens: die bisherigen Ergebnisse einiger Wochen  digitalen Ersatzbetriebs der Schulen auch in unserem Land sind deprimierend. Das kann fast jeder bestätigen, der selbst Kinder hat oder auch anders ihre Entwicklung  verfolgen kann. Schluss mit der Deprivation der Kinder und Jugendlichen!

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Weitere Hinweise auf unzulängliche epidemie-statistische Grundlagen der Schließungspolitik. Zerstörung von Bildung und Erziehung

Die Statistiken des RKI sind offenbar mehr als mangelhaft, wie neben vielen anderen Autoren vom Fach auch von F. Nill in diesem ausführlichen Beitrag auf „Telepolis“ v. 15.5.20 gezeigt wird.

Die mE. gesellschaftspolitisch entscheidende Frage, ob die auf das RKI-gestützten zentralen politischen Entscheidungen, die Schul- und Kita-Schließungen (weniger wichtig: die – mittlerweile gelockerten – Geschäfte- und Betriebsschließungen) überhaupt einen wesentlichen Einfluss auf den Rückgang der Corona-Infektionen ausgeübt haben, beantwortet Nill hier so:

„Rechnet man noch die Inkubationszeit von 5-6 Tagen ein, so lässt sich nur schwerlich argumentieren, dass die Schul- und Kindergartenschließungen noch maßgeblich zur Trendumkehr beigetragen hätten. Zudem ist aus heutiger Sicht aus dem Verlauf der Kurve nach dem 23.03. kein signifikanter Einfluss durch den Lockdown erkennbar.“

Zum wissenschaftlichen Stand der RKI-Statistiken erlaubt sich Nill die folgende niederschmetternde Bemerkung:

„Zusammenfassung

Gemessen am Stand des Möglichen muss man leider verzweifelt feststellen, dass Deutschland und das RKI sich in Sachen Corona Daten offenbar noch auf dem Niveau der IT-technischen Rauchzeichenverständigung bewegen. Hier lediglich mit hochwissenschaftlichen Statistik-Methoden wie Imputing und Yesterday-Casting dagegen zu halten, ehrt zwar die beteiligten Wissenschaftler, geht aber leider an der Wurzel des Übels vorbei.

Angesichts dieser Erkenntnisse bleibt es absolut unbegreiflich, warum in Deutschland problemlos Epidemie Gesetze zur Einschränkung verfassungsmäßiger Grundrechte beschlossen werden können, die Politik aber gleichzeitig nicht in der Lage ist, Voraussetzungen für eine zentrale Corona-Datenerfassung auch auf regionaler Ebene auf den Weg zu bringen. Oberstes Ziel neben der Gesundheitsvorsorge muss es doch sein, möglichst in Echtzeit valide Daten für Entscheidungsträger wie auch die Öffentlichkeit bereitzustellen.“

Vor allem die politischen Maßnahmen im Erziehungs- und Schulbereich müssen mE viel stärker überprüft und – meine ich  – dringend korrigiert werden.

Es machen sich viel zu wenige Leute Gedanken darüber, welche Folgen für die allgemeine Entwicklung  von Kindern und Jugendlichen deren fast komplette Abtrennung von Erziehern und Lehrern und auch von ihren Altersgenossen und dem gesamten realen Leben der Kitas und Schulen haben wird. Die digitalen Ersatzmaßnahmen können nicht annähernd diese Deprivationen ersetzen. Im Gegenteil: sie verstärken einen negativen Grundtrend, Digitales – was immer auf Bildschirmen und Lautsprechern präsentiert wird – stärker zur Kenntnis zu nehmen als das primäre Leben in Natur und Gesellschaft.

Über digitale Medien ist es zwar wie nie zuvor möglich und auch unverzichtbar, Aspekte der Realität einzufangen, Menschen damit zu informieren, zu unterrichten und zu bilden; ebenso ist es allerdings möglich und wird massiv praktiziert, die Realität zu verzerren, einseitig darzustellen und auf vielfältige Weise die Konsumenten der digitalen „Welt“ zu beeinflussen, zu fehlinformieren, zu drängeln, zu lenken und zu verführen. Wir können nicht darüber hinwegsehen, wir dürfen es nicht weiterhin unterschätzen, wie von mächtigen Konzernen, bspw. des Silicon Valley, von Regierungen wie der Chinas, ganz bewusst und mit enormer Macht an der immer stärkeren Verwandlung der Realität in digitale Halbrealitäten, an der Verwandlung der Menschen in Konsumenten derselben, Abhängige und Verwaltbare betrieben wird.

Die digitale Trennscheibe, die derzeit eingezogen wird und Kinder und Schüler vom lebendigen Umgang mit den Erziehungspersonen und den anderen Kindern und Schülern absperrt, geht in eine ganz ähnliche Richtung.

Es geht keineswegs nur darum, dass die  Digitalisierungfirmen, die Verkäufer von Geräten und Programmen jetzt durch die politischen Maßnahmen der Regierung mit enormen Umsatz- und Gewinnsteigerungen beschenkt werden. Das wäre sogar im Rahmen des herrschenden kapitalistischen Systems nicht viel mehr als das Übliche, wenn eben der Bedarf an bestimmten Produkten plötzlich steigt und Extraprofite gemacht werden können, die man nicht verbieten kann.

Es geht um etwas ganz Anderes: wir können nicht wollen, dass unser Nachwuchs nicht nur verlockt, sondern nunmehr auch staatlich gezwungen wird, in der Bildung noch mehr als bisher schon das Surrogat, den unzulänglichen Ersatz zu konsumieren. Wenn der „Stoff“ nur noch als Lernhäppchen, an Bildschirm und Arbeitsblatt vereinzelt, oder in  bessergestellten Familien vielleicht mit Unterstützung der Eltern, geschluckt werden muss, bleibt sowieso weniger „hängen“. Schule und Kita sind vor allem auch soziale Prozesse, innerhalb derer eben auch gelernt wird; wenn Erziehungspersonen Ausstrahlung und Kompetenz haben und die im – oft unvorhersehbaren und nicht regelbaren, oft subtilen und spontanen – Umgang zur Geltung bringen, wenn sie auf die Individualitäten der Kinder und Jugendlichen eingehen können, dann wird gut gelernt. Das kann kein Bildschirm, kein noch so gutes Lernprogramm ersetzen. Außerdem lernt man vieles eben auch von den Mitschülern etc.

Es gibt leider seit langem einen erheblichen Einfluss von primitiven kapitalistischen Interessen auf das deutsche Bildungssystem, das einmal das beste der Welt war, die meisten Talente entwickelt hat und, wenngleich bei weitem nicht sozial und egalitär genug, doch weit sozialer und egalitärer als das bspw. der Briten, der US-Amerikaner oder auch der Franzosen war. Solche Qualitäten hat man in der vergangenen Jahrzehnten bereits „erfolgreich“ zu erheblichen Teilen ruiniert. Das Bildungssystem soll billiger werden, es soll mehr abprüfbare Fertigkeiten vermitteln, die auf dem „Arbeitsmarkt“ von bestimmten Interessen gefragt werden. Die Ideologie, dass Schule und Hochschule sozusagen Theken seien, an denen sich die Auszubildenden die nährenden Häppchen abholen, die sie später dann zur Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt befähigen, hat schon viel zerstört. In diesem Sinne bieten Schulschließungen und die Öffnung digitaler Lernkanäle nunmehr enorme Rationalisierungs- und Gewinnsteigerungsschübe, die man, wenn man Augen hat, jetzt voll am Werk sehen kann.

Warum noch so viele teure Lehrer, Schulgebäude etc. finanzieren – so dürften mittlerweile viele unserer – oft weniger kultivierten – Politiker denken -, wenn große Teile davon durch digitale Lernprozesse abgelöst werden können?

Ich habe durchaus den – natürlich verschwörungstheoretischen – Verdacht, dass hinter dem Fanatismus, mit dem jetzt der Staat das Schulwesen umformt, noch ganz andere Triebkräfte am Werk sind als die Furcht vor einer Pandemie. Die blamablen Leistungen auf dem Gebiet der Pandemie-Statistik, wie sie inzwischen viele öffentliche Beiträge aufgedeckt haben (nicht nur der zitierte Beitrag von F. Nill), und die Fragwürdigkeit der politischen Konsequenzen, die sich auf solche miserablen Statistiken berufen, weisen durchaus auch in diese Richtung.

Auf einer höheren Ebene spielt sich allerdings noch Grundsätzlicheres und Gefährlicheres ab, nämlich die Entsozialisierung, die Entvitalisierung, die Enthumanisierung der Erziehung und der Bildung. Ich behaupte, dass bestimmte Spitzen des internationalen Kapitalismus wie z.B. bestimmte Giganten des Silicon Valley oder antidemokratische autoritäre politische Strömungen, die in vielen Ländern der Welt das Sagen haben, bspw. in China, ganz bewusst in diese Richtung drängen. Ich will andererseits der Mehrheit unserer europäischen Politiker die Befürwortung solcher Entwicklungen nicht unterstellen, wahrscheinlich würden sie Derartiges auch ablehnen, wenn die Gesellschaft sie in diesbezügliche Diskussionen verwickeln würde. Aber dazu müsste diese Diskussion überhaupt erst einmal anfangen.

 

 

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Ich verspreche jede sachlich irgendwie relevante Zuschrift dann im Anhang zu dem betr. Beitrag zu veröffentlichen, auch wenn sie mit meinen Ansichten garnicht übereinstimmen kann.

 

 

 

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Lichtblicke aus Deutschland im Jahre 09 pC*

Markus Fostner trat nach draußen und blickte kurz zum wolkenlosen Himmel auf. Die Tür seines smarthomes emittierte einen satten Schließungsklang – musikalisch abgestimmt mit den sanften Reibungsgeräuschen der aufgehenden Türen von Garage und SUV. Erst gestern waren hier neue Variationen der akustischen Erlebnisse programmiert worden; der soundmaster war sogar vor Ort erschienen, um die optimale Einbettung der Klänge in die Tageszeit, in Wind- und Umgebungsgeräusche zu kontrollieren. Ja, ein netter Kerl, der Familie schon seit den Zeiten verbunden, als er noch versuchte, dem Kleinen das Geigenspiel beizubringen.

Mittlerweile hatte er diesen Beruf weitgehend aufgeben müssen, umgeschult bot er nun einem weiten Kundenkreis solche Wellness-Akustikprogramme  an. Seitdem immer wieder lockdowns aufgetreten waren, in denen auch Instrumental- und Gesangsunterricht nur noch über digitale Medien erlaubt war, hatten die meisten Schüler das Interesse vollends verloren; sie mussten ohnehin den Großteil ihrer schulischen Aktivitäten täglich mehrere Stunden lang an Bildschirmen absolvieren und hatten dann die Nase mehr als voll von dieser Art der Kommunikation.

Markus setzte sich auf den Fahrersitz und beantwortete die Anfrage, mit welchen Graden von Autonomie bzw. Fahrer-Eingriffen das Fahrzeug heute unterwegs sein sollte, mit einem mürrischen „egal“. Pro forma legte er die Hände an das Lenkrad, die Türen schlossen sich, das Fahrzeug bog aus der Garteneinfahrt nach rechts in die Straße und meldete, dass es die Tour 26f gewählt habe. Das bedeutete eineinhalb Stunden gemischte Straßen mit Höchstgeschwindigkeiten von 95 km/h, einem geschätzten Stromverbrauch von einem Fünftel der Akkukapazität und einem Zwischenstop, der noch gewählt werden konnte.

Von sich aus wäre er heute nicht losgefahren, aber er hatte vor drei Jahren einen Mustervertrag über die Gestellung eines neuen Modells unterschrieben, der ihn verpflichtete, im Jahr eine bestimmte Kilometerleistung zu erbringen und dabei so und so viel grünen Strom zu verbrauchen. Es hatte sich in der Praxis dann so eingeschliffen, dass er meist dreimal pro Woche das Gerät bewegte, ohne eigentlich das Haus verlassen zu müssen. Ganz frei wählen konnte er die Zeiten und die Routen nicht, weil das Verkehrsgeschehen seit der Installation der Kretschmann/Daimlerschen PKW-Mautsysteme zentral reguliert wurde. Aber Markus hatte verstanden, dass auch er kleine Einbußen an Individualität akzeptieren musste, weil nur so der Kern der deutschen Wirtschaft, die Autoindustrie und die Überwachungselektronik, weiterhin mit stabilen Profitraten betrieben werden konnten.

Der Wagen verlangsamte und steuerte autonom einen kleinen Parkplatz am Rande der Bundesstraße 299 an. Auf dem Bildschirm erschien ein Hinweis: „in Ihrem eigenen Interesse legen Sie bitte eine kleine Beruhigungs- und Meditationspause ein, die passenden mentalen Übungen werden Ihnen gleich angezeigt.“ Was war geschehen? Ach ja, er hatte seine innere Unruhe und Unzufriedenheit wohl wieder nicht ganz beherrschen können und sein Implantat hatte die entsprechenden Daten aus seinen Nerven und seinem Herz-Kreislaufsystem an den lokalen Server gefunkt.

Seit Corona 2020 und zwei weiteren Viruswellen in den Jahren 2022 und 2025 hatte der deutsche Bundestag nicht nur Jens Spahn zum Kanzler gewählt (und Karl Lauterbach zum Ehrenvorsitzenden einer eigentlich nicht mehr so recht noch existierenden SPD ernannt), sondern mit mehreren weiteren Pandemiegesetzen die Gesundheit der Bevölkerung ineins mit einem reibungslosen Weiterbetrieb der deutschen Ökonomie sichergestellt.

Mittlerweile waren fast alle Bürger mit Implantaten versehen, die ständig die Basisdaten ihrer gesundheitlichen und teilweise auch ihrer mentalen Befindlichkeiten in die großen Serverstationen einspeisten, wo die entsprechenden Algorithmen die Verarbeitung leisteten. So konnten Anzeichen für Störungen, bspw. durch Infektionen, aber auch durch emotionale Regungen bei den Bürgern rasch festgestellt und sofortige Abhilfen organisiert werden. Quarantänen, Verbote zu Kontakten mit ganz bestimmten Mitbürgern, die Auswahl von Aufenthaltsorten etc., Auflagen, sich bestimmten Untersuchungen zu unterziehen und bestimmte Therapien zu akzeptieren waren nun weitgehend durch diese automatischen Programme organisiert. Ihre strenge Objektivität und ihre soziale Gerechtigkeit wurden von internationalen Konsortien garantiert, in die im nationalen Rahmen in erster Linien das Robert-Koch-Institut und  das Gesundheitsministerium, im internationalen Rahmen die Bill und Melinda Gates Stiftung (BMGF), Google, SAP und eine Reihe von startups eingebunden waren, die im  Jahre 2020 noch nicht existiert hatten.

Eine Beteiligung der chinesischen Behörden war derzeit noch immer offiziell umstritten, musste aber längst aufgrund der engen Verflechtungen der deutschen Industrie mit China als untergründig wirksam unterstellt werden. Außerdem hatte China mittlerweile die Hochachtung der deutschen Politiker erarbeitet durch seine bereits länger erprobten und mit Zustimmung großer Teile der dortigen Bevölkerung arbeitenden Programme zu deren umfassender Überwachung und Steuerung.

Zwar war es auch zu neuen Problemen gekommen, z.B. weil die meisten Menschen keine Lust mehr zu sexuellen Aktivitäten hatten im Bewusstsein, dass ihre Erregungskurven von irgendwelchen Bürokraten eingesehen und sogar mitgesteuert werden könnten. Deshalb setzten die Regierungen verstärkt auf Programme der asexuellen, genetisch optimierenden Nachwuchsproduktion; auch hier gab es schon vielversprechende Vorarbeiten aus dem Silicon Valley und aus China, und auch auf diesem Gebiet war bereits eine fantasievolle startup-Szene in Fahrt gekommen.

Skurrilerweise hatten die Behörden und die Justiz  in Deutschland für einige Zeit pC es fast toleriert, wenn Omas in ihren SUVs immer wieder einmal Opas am Rollator umgemäht hatten, wahrscheinlich weil man  insgeheim hoffte, auch auf diesem Wege den Altersüberhangs etwas zu reduzieren. Auch aus bestimmten meinungsschaffenden Kreisen hatte man hören können, es handele sich eh nur um alte weiße Männer…. Doch konnte man auf solchen Wegen viel mehr als ärgerliche Einzelfälle nicht erreichen und die Praktiken kamen in Verruf.

Der Altersüberhang wuchs weiter, im Gegenteil, auch aus anderen Gründen. Was sich einstweilen jeder Kontrolle entzog, war außer dem latenten Sexualstreik bspw. auch die massenhafte illegale Auswanderung junger Menschen, z.B. nach Russland, nach Sibirien, nach Afrika und teilweise auch auf den amerikanischen Kontinent. Sie schienen die dortige relative Gesetzlosigkeit höher zu schätzen als die neue europäische Regelwelt. Selbst um den Preis hoher Korruption und der endemischen shoot-outs waren diese unzivilisierten Gegenden solchen Abenteurern anscheinend attraktiver! Welche Unvernunft.

Aufs große Ganze gesehen war aber doch mittlerweile mehr Ruhe und Planungssicherheit geschaffen worden; weshalb denn aber solche zuwiderlaufenden organischen Reaktionen wie bei Markus, die zur Unterbrechung seiner Fahrt geführt hatten und ihm dadurch erst eigentlich in ihrem störenden Charakter bewusst gemacht worden waren?

Er war nicht in der Lage, seine Überlegungen auf dieses Problem zu konzentrieren, denn sein Fahrzeug straffte erneut die Gurte und setzt sich wieder in Bewegung, während auf dem Bildschirm verlockende Angebote von demnächst am Wege liegenden kleinen Bars erschienen und wohlige Klänge seine Stimmung mit unwiderstehlicher sanfter Gewalt ins Positive drehten.

Als Markus zwei Stunden später im homeoffice erschien – er war Leiter der Kreditabteilung einer regionalen Bank – zeigte ihm der Bildschirm mehrere neue Papiere an, die er in den nächsten Wochen lesen sollte, wie auch andere Kollegen in halbwegs verantwortungsvollen Positionen. Es ging darin um tiefergehende sozialtheoretische Fragen – eigentlich nicht sein Bildungshintergrund als Bankpraktiker – wie z.B. nach dem Verhältnis der sog. Marktwirtschaft zu den Aktivitäten von Zentralbanken mit ihren Möglichkeiten der Kreditausweitung ohne Rücksicht auf Verschuldungsgrade; es ging um Fragen wie: ist staatlich geplante, durch Gesetze und Geldzuteilungen gestaltete Ökonomie so etwas wie Sozialismus? Kann und soll es gesellschaftliche Kontrollen darüber geben, dass nicht die einen maßlos profitieren und die große Mehrheit „ärmer wird“? So war es ihr ja bereits im Jahre Null pC prophezeit worden war, damals mit dem Hinweis auf die Gewalt der Viren.

Wird bei weitgehender Entkräftung des Prinzips: ‚Geld für Leistung‘ die Kreativität der Menschen und die Produktivität der Ökonomie steigen, fallen oder was?

Markus konnte sich aus seiner Studienzeit an weltanschaulich heiße Debatten mit solchen Themen erinnern, nun wurden sie ihm von seinem eigenen Vorstand gestellt.

Er seufzte und rief zunächst einmal andere Seiten auf, fühlte aber, dass es erneut schwere Unruhen geben würde, wenn die politisch Verantwortlichen nicht derartige Fragen in den Griff bekämen.  Seine eigene innere Unruhe begann sich wieder zu melden; anders als in der Freizeit durfte er aber während des homeoffice die Übermittlung seiner individuellen Befindlichkeiten an das RKI etc. filtern. Er gab den entsprechenden Befehl ein….

 

 

 

*pC ist die Abkürzung für „postCorona“. Gemeint ist ein neues, meist noch spielerisch gebrauchtes Schema der Einteilung historischer Epochen. Man meint damit auszudrücken, dass seit dem Jahr 2020 bisheriger Zeitrechnung „nichts mehr war wie zuvor“. 09pC bedeutet nach alter Zeitrechnung etwa das Jahr 2030.

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Gravierende Ausweitung der Datenschnüffelei durch die Bundesregierung droht

Die Bundesregierung arbeitet unverdrossen weiter an gravierender Ausweitung der Datenschnüffelei. Ein Gesetzentwurf von Spahn könnte bereits nächste Wochen ohne Gegenwehr von Lambrecht (Justizministerin, SPD), gegen den  offenen Protest des Bundes-Datenschutzbeauftragten Kelber durchs Parlament gebracht werden. Der Chefredakteur von  „telepolis“, Florian Rötzer, schlägt Alarm.

Anscheinend hat die Merkel-Regierung noch nicht gemerkt, dass sie mit der Politik der Grundrechte-Schleifung, die angeblich wegen  „Corona“ betrieben wird, massenhaften Widerstand hervorrufen wird. Jetzt wird es spannend.

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Entmenschlichung in zentralen gesellschaftlichen Bereichen –  z.B. Schule und Sport:  Nebeneffekt oder auch bewusstes Ziel in der Politik der Corona-Panik und der Kontaktsperren?

Während mediale Scheinwerfer seit Wochen die Problemchen des Fernsehfußballs und seiner Milliarden grell ausleuchten, interessieren sich die wenigsten Politiker und Medienleute für die massenhaften schweren Schäden, die die elementare körperlichen Aktivität, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, durch die Kontaktverbote erleidet. Das Miteinander, der körperliche Kontakt, der Wettkampf und alles mögliche Drumherum, vom Bolzplatz bis zum Leistungstraining, inner- und außerhalb der Vereine, sind fundamentale Faktoren der individuellen Gesundheit und des gesellschaftlichen Lernens. Wenn die jetzt für viele Monate verboten werden, sind die Schäden kaum abzusehen. (U.a. ein Beitrag des Sportmediziners Prof. Perikles Simon in der „FAZ“ v. 11.05.20 lenkt die Aufmerksamkeit auf diese Zusammenhänge.)

Ähnliches gilt für die weitgehende Digitalisierung des schulischen Lernens, die jetzt im Gang ist.

Zweifellos ist das deutsche Schulsystem bisher oft blamabel unterdigitalisiert, und auch wenn Schulen endlich einmal genügend mit tablets und whiteboards ausgestattet werden, fehlt es bei vielen Lehrern an Kenntnissen, an Fortbildungswillen, an Engagement, um aus dem zuvor vermissten Equipment pädagogische Funken zu schlagen. Aber unter Corona findet jetzt Schule weitgehend nur noch über Bildschirme und Kommunikationsprogramme statt (die auch oft noch schlecht genutzt werden),  und was damit auf Dauer angerichtet wird, ist viel schlimmer als die  Folgen von  Rückständigkeit im Gebrauch digitaler Medien.

Wenn man aus Lernen und Erziehung das persönliche Element jetzt im Zeichen „coronarer“ Digitalisierung weitgehend herausfiltert, die direkte Begegnung zwischen Schülern und Pädagogen, das Geschehen in der Gruppe, das situative  individuelle Eingehen auf Probleme und Stimmungen, dann dehumanisiert, devitalisiert und dis-effektiviert man Schule.  Lernen ist weit mehr als die Verabreichung von Lernpäckchen und die Kontrolle, wie sie abgearbeitet wurden. Pädagogen und Schulpolitiker, die diesem Missverständnis unterliegen, haben schon in den vergangenen Jahrzehnten vieles kaputtgemacht; aber was jetzt passiert, angeblich alternativlos wg. Corona, wird unsere Gesellschaft und Kultur im Mark treffen, sollte nicht bald ein Umschwung erreicht werden. Lernen und Bildung sind komplexe Vorgänge, in denen auf das Vorbild, die Inspiration, die von guten Lehrern und auch von den Beziehungen unter Schülern ausgehen, nicht verzichtet werden kann.

Dass die „Schwächeren“ mit dieser Art digitaler Schule wie sie jetzt erzwungen wird, noch weiter benachteiligt werden, liegt auf der Hand und wird da oder dort auch öffentlich eingestanden; aber die Dehumanisierung der Bildung trifft alle, auch die „Leistungsstärkeren“.

Viele Beobachter kritisieren seit langem Zweischneidigkeiten der digitalen Medien. Sie versprechen und gewähren in der Tat eine Informations- und Kontaktfülle, die ohne diese Medien nie erreichbar gewesen wäre; sie denaturieren aber auch, verzerren und verhindern sogar die elementaren realen Begegnungen zwischen den Menschen, zwischen den Menschen und der Natur und vielen gesellschaftlichen Dingen.

Es wird auch nicht erst seit heute kritisiert, dass die gegenwärtige Art der Digitalisierung vorangetrieben und in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen kontrolliert wird von kapitalistischen, auf Manipulation und Kontrolle des gesamten sozialen Lebens hinarbeitenden Superkonzernen wie denen des Silicon Valley. Wenn Menschen immer mehr „lernen“, die gefilterte und nicht selten auch verzerrte digitale Repräsentation von Natur und Gesellschaft für das Original zu nehmen und sich davon leiten zu lassen, wird das Herrschen und Profitmachen in der Tat noch viel leichter.

Es geht hier nicht nur darum, dass auf allen möglichen Kanälen in teilweise übelster Form Meinungsmache und gesellschaftliche Aufhetzung im Gange sind, sondern um etwas viel Grundsätzlicheres: die digitale Trennscheibe zwischen Mensch und Realität als kulturelle Prägung manipulierter Massen.

Als die Coronafrage explodierte, musste man von Anfang an nicht nur nach den medizinischen Problemen fragen, sondern auch nach massiven Profit- und Herrschaftsinteressen, die möglicherweise aus dem Hintergrund die öffentliche Dynamik der Sache beeinflussen.

Die Deformierungen, denen gerade die Jugend jetzt unterzogen wird, sollten auch als Fingerzeige in Richtung solcher Fragestellungen gewertet werden.


 

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Corona und die Versuche, mehr digitale Ausschnüffelung und Kontrolle zu erlangen

Detailreicher Beitrag über die Anmaßungen von Bill Gates und verschiedenen anderen Konzernen zur Etablierung umfassender internationaler digitaler Personenkontrolle, auch und gerade via Impfungen,  Entmachtung der Staaten, Corona etc.

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Ein chinesischer Philosoph ordnet die Welt – Zhao Tingyang und das Tianxia

Vorbemerkung

Vor wenigen Monaten erschien in deutscher Übersetzung ein Buch des chinesischen Philosophen Zhao Tingyang unter dem Titel „Alles unter dem Himmel – Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“. Das Original stammt aus dem Jahr 2016 und wurde von CITIC Press Beijing im Jahre 2016 herausgegeben. Der Verlag gehört zur CITIC Group, einer Investfirma im Eigentum des chinesischen Staates.

Die Worte „Alles unter dem Himmel“ sind die deutsche Übersetzung des chinesischen „Tianxia“. Zhao erläutert diesen wichtigen Begriff der chinesischen Weltanschauung und politischen Philosophie in seiner historischen Entstehung im 11. Jahrhundert vuZ, in seiner Weiterentwicklung in dreitausend Jahren weiterer chinesischer Geschichte und empfiehlt ihn der heutigen Welt. Es handele sich um ein Modell, das auf die heutige Zeit anwendbar sei und angewandt werden sollte als Ausweg aus der vom westlichen Kapitalismus und Imperialismus der Welt aufgezwungenen Chaotik und existentiellen Gefährdung.

Meiner Meinung nach sollte man sich intensiv mit einem derartigen Buch und natürlich auch mit weiteren weltanschaulichen und weltpolitischen Darlegungen aus China auseinandersetzen. Die chinesische Geschichte und die chinesische Kultur haben viele tausende Jahre Entwicklung hinter sich, bereits seit dem 2. Jahrtausend vuZ existieren dort Schrift und Anfänge geschichtlicher Aufzeichnungen, die Produktionsweisen und Gesellschaftsformen haben sich in vielfältigen, effektiven und erfindungsreichen Formen entwickelt.  China, das heute bevölkerungsreichste Land der Welt mit 1,4 Milliarden Einwohnern (etwa einem Fünftel der Weltbevölkerung), das Land, das nach einer höchst bemerkenswerten und im Westen oft kenntnislos denunzierten sozialistischen Phase etwa von 1949 bis 1978 sich inzwischen als kapitalistische Supermacht mit globalen hegemonialen Ansprüchen weiterentwickelt, hat der übrigen Welt im Guten wie im weniger Guten Bedeutendes zu sagen.

Ob Zhaos Buch dazu gehört, kann ich nicht beurteilen, aber es tritt zumindest selbst mit dem Anspruch auf, der heutigen Welt den notwendigen Umschwung zu besseren gesellschaftlichen Verhältnissen, zu weniger Chaos und mörderischer kapitalistischer Konkurrenz, zu mehr globaler Stabilität und wechselseitigem Respekt der Kulturen zu erklären. Ich vermute, dass ein derartiges Versprechen weltweit gerade unter den weniger Begünstigten der heutigen noch vom “Westen“ dominierten Weltordnung, und die sind die große Mehrheit der Weltbevölkerung, auf offene Ohren trifft. Aber auch in den bisher noch privilegierten Ländern des „Westens“ sollte man sich intensiv mit der kritischen Stoßrichtung gegen das eigene Erbe, die eigenen Privilegien und mit Alternativen beschäftigen, denn auch hier muss jeder halbwegs aufgeklärte Mensch gleichfalls davon ausgehen, dass sich Grundlegendes ändern muss.

Im Folgenden stelle ich einige Beobachtungen zusammen, zu denen mich die Lektüre von Zhaos Buch veranlasst hat. Es handelt sich nicht um eine kritische Rezension des gesamten, sehr inhaltsreichen Buches, sondern um das Herausgreifen einiger Punkte, an denen die Gegensätzlichkeit der Weltanschauungen besonders deutlich wird – oder jedenfalls  die Gegensätzlichkeit einer u.a. vom Konfuzianismus geprägten Weltanschauung, die Zhao zu vertreten sich bemüht, zu „westlichen“ Vorstellungen –  wie er sie versteht – und wie ich sie im Licht seiner Angriffe meinerseits zu verstehen mich bemühe.

Der Historiker Jürgen Osterhammel, der u.a. als Mitherausgeber des Projekts „Die Geschichte der Welt“ hervorgetreten ist, hat in der FAZ v. 31.3.2020 eine im Ton wohlwollende, aber inhaltlich deutlich kritische Rezension von Zhaos Buch veröffentlicht, die anregt, den Blick auf aktuelle politische Hintergründe zu richten. Meine eigenen Bemerkungen beanspruchen hingegen nicht entfernt fachwissenschaftlichen Rang, ich versuche lediglich die Art und Weise zu verstehen, in der Zhao selbst den Gegensatz zur westlichen Tradition formuliert und ihr ein positives Gegenbild entgegenzusetzen versucht. Letzteres allerdings, das muss ich vorweg nehmen, hat für mich wenig Gewinnendes.

Zhaos  Buch hat nach einer Einführung („Die Neudefinition des Politischen durch das Tianxia“)  drei umfangreiche Kapitel. Kapitel 1 befasst sich mit der Geschichte des Tianxia -Konzepts, Kap. 2 heißt „Das in China verborgene Tianxia “ und erläutert 3000 Jahre chinesischer Geschichte im Lichte des Konzepts, und Kap. 3 will die aktuelle Weltbedeutung des – anzupassenden – Konzepts erläutern. Den Abschluss bildet ein „Wörterbuch des neuen Tianxia “, in dem einige Schlüsselbegriffe quasi zum Nachschlagen nochmals beschrieben werden.

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch gliedert sich in folgende Abschnitte:

Abschnitt 1: Fragen zur Darstellung des Ursprungs des Tianxia-Konzepts in der Westlichen Zhou-Dynastie bei Konfuzius  und bei Zhao 

Abschnitt 2: Zhao empfiehlt einer ganzen Welt den zukünftigen Weg, zeigt aber auffallende Wissens- und Verständnismängel über Nichtchinesisches.

Abschnitt 3:  Die Anwendung des Tianxia auf die moderne Welt.

Tianxia  als neues Ordnungsprinzip der Welt gegenüber der westlichen Demokratie.

 „Volksseele“ als letztlicher Maßstab der Werte

 

 

 

Abschnitt 1: Fragen zur Darstellung des Ursprungs des Tianxia-Konzepts in der Westlichen Zhou-Dynastie bei Konfuzius  und bei Zhao  

In der Darstellung von Zhao  war das Konzept des Tianxia  in China von der Westlichen Zhou-Dynastie entwickelt worden und ermöglichte ihr seinerzeit, ihre damalige Welt zu einen und angeblich auch zu pazifizieren, im wesentlichen den Raum des nördlichen China und seine Nachbarregionen.

Die Westliche Zhou-Dynastie war eine seit etwa 1050 vuZ für einige Jahrhunderte in der Zentralchinesischen Ebene führende „Dynastie“, d.h. so etwas wie eine herrschende Sippe, jedenfalls ein Verwandtschaftsgeflecht, das unter den damaligen Verhältnissen  eine gewisse Zentralisierung unter seiner Führung zustande brachte. Über die Strukturen in Ökonomie und Moral konnte ich wenig finden, und Zhao interessiert sich anscheinend überhaupt nicht dafür. Der große Vorzug dieser Zentralisierung  laut Zhao  war, dass sie, freilich nach kriegerischer Eroberung des Raumes, nicht in erster Linie auf Zwang, sondern eher auf „freiwilliger“ Einordnung in ein System gegenseitigen Respekts, Lebenlassens und gemeinschaftlicher Riten beruhte, eben des Tianxia -Systems. Das System habe zur Inklusion Aller statt zur Bildung von Feindschaften gegenüber irgendwelchen  „Außen“ tendiert, eben dazu, „Alles unter dem Himmel“ gelten zu lassen.

Die tatsächlichen gesellschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse der damaligen Zeit scheinen bis heute nur wenig erforscht, abgesehen von den Verhältnissen auf der Ebene der politischen Herrschaft, die als eine Art Lehensystem unter einem zentralen Königtum beschrieben werden; die meisten Lehnsfürsten waren Mitglieder der königlichen Sippe.  Wie damals aber produziert wurde, wie bspw. die Lage der landwirtschaftlichen und handwerklichen Produzenten war, wird von Zhao gar nicht erst berührt. Solche Fragen scheinen Zhao nicht zu beunruhigen.

In der überaus positiven, die sozialen Fragen  der Zeit der Westlichen Zhou ausklammernden Darstellung folgt er kritiklos einer späteren historischen Persönlichkeit namens Konfuzius. Konfuzius lebte im 6. Jh. vuZ, mindestens hundert Jahre  nachdem die Westliche Zhou-Dynastie vollends zu einem unwichtigen zeremoniösen Relikt herabgesunken war, und es fragt sich, was er verlässlich über sie wusste; die Sinologie scheint immerhin wenig Zweifel daran  haben, dass für ihn die Orientierung an der Westlichen Zhou-Dynastie zentral war.  Dieser Denker des 6. Jh. vuZ war ein politischer Rufer in einer unruhigen und sich rasch entwickelnden chinesischen Wirklichkeit, der verlangte,  man solle sich auf die Verhältnisse und Lehren der Westlichen Zhou zurückbesinnen und versuchen, die – in der politischen Praxis aussterbenden – Strukturen dieser Vergangenheit wieder zu etablieren.

Dass Zhao den Konfuzius  kritiklos als ausschlaggebende Quelle über die Westliche Zhou-Dynastie behandelt, ist ein problematisches Verfahren. Ob bzw. in welchem Maße Konfuzius wirklich über diese Bescheid wusste, müsste zuvörderst geklärt werden. Diese Klärung würde ihrerseits ein gewisses Maß an heutiger wissenschaftlicher Erschließung der chinesischen Gesellschaft in der Zeit der Westlichen Zhou, während ihrer angenommenen Blütezeit (ca. 1050 bis 750 vuZ) voraussetzen. Und selbst wenn man heute zum Ergebnis kommen könnte, dass Konfuzius  im 6. Jh.  einige wesentliche Tatsachen der Epoche der Westlichen Zhou einigermaßen verlässlich wiedergeben konnte und wollte, müsste doch sein Antrieb, in seiner Zeit ein Zurück zu ihr durchzusetzen, kritisch beleuchtet werden. Immerhin scheint so viel bekannt zu sein, dass Konfuzius mit diesem Anliegen bereits zu Lebzeiten vehemente Kritik hervorgerufen hatte; diese Kritik wäre zu referieren und in ein heutiges wissenschaftliches Bild des Konfuzius einzuarbeiten.

Hat das Tianxia–Konzept denn überhaupt real in der chinesischen Geschichte eine derart einende und stabilisierende Wirkung gehabt, wie sie Zhao  ihm zuschreibt? Oder wäre es realistischer es herunterzustufen, bspw. es eher als eine – wenn auch immer wiederkehrende – Propagandaformel eines bestimmten Typs von Reaktionären und Ausbeutern anzusehen? Die Wiederkehr über 2 Jahrtausende hinweg ist ja nicht per se ein Qualitätsbeweis; wenn man im Auge behält, dass in der chinesischen Geschichte über Jahrtausende hinweg bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Beziehungen zwischen dem größten Teil der Bevölkerung, den bäuerlichen Massen und ihren Herrschern trotz vieler Wandlungen sich nicht fundamental verändert haben, könnte man mit einem gewissen Recht vermuten, dass auch zu allen Zeiten dieselben Typen von Reaktionären und Ausbeutern und dieselben Typen von Propaganda immer wieder auftreten.

Die Bauernmassen waren wohl schon unter der Westlichen Zhou-Dynastie und ihren Clanstrukturen eine unterdrückte Klasse; unter den späteren Systemen der Grundherrschaften und nach der Errichtung der zentralen Bürokratie der Kaiserreiche (221 vuZ bis 1910) änderte sich das nicht prinzipiell. Das soziale System Chinas war in diesem Hauptaspekt statisch und zyklisch. Die kaiserliche Dynastie an der Spitze konnte und musste zwar ausgetauscht werden, wenn sie wieder einmal „das Mandat des Himmels verloren“ hatte, oft im Zuge von Aufständen, aber die Herrschaftsform wurde dadurch reproduziert. Für Europäer, deren geschichtliches Selbstbild durch viel tiefer greifende soziale Umstürze und viel stärkeren Wandel der Klassen und der Herrschaftsformen geprägt ist, ist das hohe Maß an Statik, das China bis ins 20. Jh. hinein prägt, nicht ohne weiteres vorstellbar.

Anzunehmen, dass die konfuzianische, mit dem Tianxia -Konzept eng verbundene Propaganda  möglicherweise eher eine massenfeindliche, reaktionäre, aber nie von der Geschichte widerlegte bzw. überflüssig gemachte Grundkonstante  der Geschichte Chinas sei,  wäre etwas grundlegend Anderes als mit Zhao anzunehmen,  das Tianxia-Konzept sei der durchgängige, mal offener mal geheimer wirkende positive Grundtenor des politischen Systems.

Auch in der Geschichte Chinas können gewaltige umstürzlerische Kräfte, gesellschaftliche Kräfte, politische Bewegungen, revolutionäre Bewegungen beobachtet werden, die die ererbten und verteidigten und über Jahrtausende relativ stabilen Beziehungen und Ideologien in Frage stellen und ihnen zumindest gewisse Anpassungen abzwingen. Mit oder ohne solche potentiell revolutionierenden Kräfte erscheint die chinesische Geschichte unruhig, instabil und gewalttätig genug. Trotzdem ändert sich dort über die Jahrtausende strukturell letztlich viel weniger als in Europa seit den alten Griechen (mit einigem Recht könnte man die Hochkulturen Mesopotamiens und Ägyptens sogar auch zur Vorgeschichte der europäischen Kultur rechnen, und dann wird das Bild noch bunter und dynamischer).  Vielleicht liegt in China ein permanentes Überwiegen der Statik über die revolutionäre Dynamik, in Europa das Umgekehrte vor.

Wem würde es denn nun nützen, wenn entsprechend Zhaos Appell sich „der Westen“ zum chinesischen Typ der Entwicklung bzw. Wenigentwicklung, dem Überwiegen der Statik bekehren ließe?

Die Kritik Zhaos an einer ideologisch überhöhten und Konflikte noch verschärfenden „europäischen“ Individualitäts- und Konkurrenzmentalität enthält sicher viele treffende und notwendige Beobachtungen, z. B. betreffs sozialer Ungleichheit, Ausbeutung und politischen Kampfes aller gegen alle, insbesondere aller Staaten gegen alle anderen Staaten. Eine derartige fundamentale Kulturkritik könnte für große Teile der westlichen Bevölkerungen selbst,  und vor allem für die Bevölkerungen der zurückgebliebenen Teile der Welt  politisch attraktiv werden, indem  sie in Frage stellt, ob die enormen Opfer, die mit dem westlichen Grundmodell, dem Nicht-Tianxia, verbunden sind, notwendig sind und  ob sie denn vermieden werden könnten, bspw. unter einem Tianxia -System.

Doch welche Opfer bringt eine Gesellschaft unter einer Tianxia–Doktrin mit sich? Vorhersagen verbieten sich, aber der Blick in die chinesische Geschichte könnte zeigen, dass die sog. Statik, die angeblich eher in einem „allgemeinen“ Interesse liegt, nicht weniger oder sogar mehr Verluste fordert, an Menschenleben, an humaner Entfaltung.

Genug der Fragen nun zur chinesischen Geschichte und was Zhao darüber zu wissen behauptet: was weiß er über die westliche Welt?

 

Abschnitt 2: Zhao empfiehlt einer ganzen Welt den zukünftigen Weg, zeigt aber auffallende Wissens- und Verständnismängel über Nichtchinesisches.

Die Kenntnisse Zhaos über Europa, Geschichte und Denken, muten lückenhaft an, seine Meinungen willkürlich. (Bspw. S. 95, 125, 164)

Ein Beispiel:
Zhao  behandelt ( vor allem im 2. Kapitel) ausführlich das Phänomen „Spaltung und Einheit“, den Wechsel zwischen dem Nebeneinander  verschiedener historischer Teilstaaten, die der Etablierung des kaiserlichen Gesamtstaates 221 vuZ vorausgegangen sind, wie sie aber in der weiteren Entwicklungen auch  immer wieder aufgetreten sind, und den immer wieder neuen Zusammenschlüssen. Dieses Phänomen  sei ein „spezifisch chinesisches Problem“, finde sich aber auch in der europäischen Geschichte (164) . Auch wenn man ihm Zuverlässigkeit in dieser  Frage der chinesischen Geschichte zutrauen will, muss aber doch sein Vergleich mit der europäischen Widerspruch hervorrufen. „Zur Einheit führte dort  [in der europäischen Geschichte, wgr.] unter anderem die Bildung von Imperien, die Hauptursache für Spaltung bildeten die  Nationalitäten und die religiösen Fraktionen. Der Drang Europas nach Spaltung übertraf den Wunsch nach Einheit, einer der Gründe dafür ist, dass de Zentripetalkräfte der Nationen und der religiösen Ideen die Einigungskraft von Imperien überwogen. Das alte China kannte keinen Monotheismus, daher fehlte den unterschiedlichen Glaubensrichtungen das Verlangen, die anderen zu dominieren, und ermöglichte es ihnen, sich gegenseitig zu tolerieren. Es gab auch weder Nationalismus noch Rassismus,….“ (164f.)
Zhaos Annahme, Europa habe mehrere Imperien erlebt, überrascht. Wann gab es in Europa Imperien, die es wenigstens teilweise real geeint hätten, sodass dann Spaltungskräfte sich daran erfolgreich hätten abarbeiten können?
Hier kämen die folgenden in Frage:
– Das römische Imperium, das bis etwa 475 uZ im Westen Europas existierte und darüber hinaus noch – als immer noch großes Imperium – mehrere Jahrhunderte im Osten als Byzantinisches Reich sich fortsetzte; dessen geografische Dimension ist allerdings vor allem nicht-europäisch, sodass es nicht mit Kategorien wie „imperiale Einigung Europas und deren Spaltung“ angegangen werden könnte.
– Das von dem Frankenkönig Karl dem Großen (gest. 814) angestrebte erneuerte „Römische Reich“, das allerdings nie einen Grad von Ausdehnung und vor allem von Stabilität erreichte, angesichts dessen es starker Spaltungskräfte zu seinem Untergang bedurft hätte. Es wurde konzipiert, teilweise realisiert und zerfiel lange Zeit, bevor in Europa von Nationen die Rede sein konnte und bevor es mächtige religiöse Spaltungen gab. Im  Gegenteil konsolidierte sich unter ihm das Christentum als vereinheitlichende Macht, bspw. durch die Christianisierung der noch im Heidentum lebenden Stämme. Diese Vereinheitlichung des religiösen Glaubens setzte sich in den folgenden Jahrhunderten fort, als Karls politische Vereinheitlichung längst untergegangen war.
– Das mittelalterliche und formal noch bis 1806 sich fortsetzende „Heilige Römische Reich (deutscher Nation)“, das allerdings eher noch weniger als ein zur Einheit führendes Imperium über Europa betrachtet werden kann als das Karls.
Es ist völlig unangemessen, die „imperialen“ Ansprüche der deutschen Könige seit den Ottonen bis zu den Staufern mit der Realisierung auch nur eines partiellen Imperiums im europäischen Raum zu verwechseln.  Sie konnte nicht einmal in größeren Teilen Italiens stabile Regierungsmacht erlangen und (die Staufer) verbluteten letztlich an diesem Vorhaben. Die Opposition gegen sie hatte wiederum mit nationalen Gegenbewegungen oder religiöser Spaltung nichts oder kaum etwas zu tun. Es gab in Italien keine Nation oder Teilnationen, und die Einheit des westlichen Christentums war zur damaligen Zeit noch außer Frage.
Dieses „Heilige Römische Reich“ wird dann in der Neuzeit zunehmend zum Habsburgerreich, ein im Vergleich zu Europas Umfang nur sehr partielles, dynastisches Gebiet, das freilich zeitweise (zuletzt im 30jährigen Krieg 1618-48) , unter katholischem Allgemeinherrschaftsanspruch, erfolglos versuchte, sich protestantisch gewordene und politisch längst weitgehend verselbständigte Teilstaaten wieder zu unterwerfen.
Ausgehend von der Tatsache, dass es nur ein einziges Imperium in Europa gegeben hat, das römische, das sowohl Bestand über historisch relevante Zeiträume hatte wie auch eine tatsächliche politische und kulturelle Vereinheitlichung zuwege brachte und schließlich zerspalten wurde, fragt man sich nach der Beziehbarkeit der Zhaoschen Kategorien auf dieses römische Gebilde.
Waren denn „die Nationalitäten“  und die „religiösen Fraktionen“ tatsächlich die  Gründe oder wenigstens ein Teil der wirkungsvollen Gründe, dass dieses langlebige und tatsächliche Imperium der Römer zerspalten wurde? Schon die Formulierung dieser Frage bringt die Unangemessenheit des Zhaoschen Bildes von Europa zutage.  Es waren keine nach Nationalstaaten strebenden Nationalitäten, die in der Epoche der „Völkerwanderungen“ das römische Imperium auflösten und  zerteilten, sondern die wachsende Unfähigkeit des kaiserlichen Systems, das Territorium gegenüber den erobernden Barbaren, vor allem Germanen und Hunnen, zu verteidigen. Das gelang im Westen nicht, jedoch im Osten, sodass das römische Imperium als Ostkaisertum weiterlebte – aber nicht als Ergebnis einer Spaltung aufgrund nationaler und/oder religiöser Herrschaftsansprüche, sondern als Ergebnis einer von äußeren Kräften (den Germanen, Hunnen etc.) hervorgerufenen Reduzierung  des Territoriums.
War es nun die Zentripetalkraft einer religiösen Idee, die die Abspaltung des Ostens antrieb? Nein, denn das Christentum war dem zerfallenden Westen und dem sich erhaltenden Osten gemeinsam, es bildete im Gegenteil eine lange Zeit weiter bestehende und nicht wirkungslose Klammer der – politisch getrennte Wege gehenden – Teile, eine Klammer, die erst mit der späteren zunehmenden kulturellen und an die politischen Widersprüche gebundenen religiösen Differenzierung an Bedeutung verlor (z.B. im kirchlichen West-Ost-Schisma 1054).
Das von Karl angestrebte neuzugründende Heilige Römische Reich wurde niemals zu einem europäischen Imperium; vielleicht war es so etwas wie ein – sehr kurzlebiges – Imperium über Teile von Europa. In der Enkelgeneration Karls kam es bereits zu einer dynastischen Dreiteilung und der östliche Teil, aus dem sich im weiteren Deutschland herausbildete, trat ab dem 10. Jahrhundert weitgehend erfolglos als Erneuerer Karlscher imperialer Ambitionen auf;  die anderen Teile, das Mittelreich, zunächst Lotharingien genannt, und das Westreich, aus dem im weiteren Frankreich hervorgehen sollte, erbten meines Wissens die Karlsche Ambition von vornherein nicht.
Angesichts dieser dynastischen Dreiteilung fällt es sehr schwer, im Zhaoschen Sinne von  nationalistischen oder religiösen Antrieben zu sprechen. Zunehmend „deutsch“ geprägt, bildete der östliche Teil erst so etwas wie die Anfänge einer deutschen Nation heraus, indem er nach und nach die Stämme einte, die der späteren deutschen Nation vorausgingen; ebensowenig waren das Mittelreich (Lotharingien) und das Westreich zu dieser Zeit Nationen. Im Ostreich kam es dann zur Amalgamierung des von Karl ererbten Universalanspruchs mit führenden aristokratischen Gruppierungen dieser sich gerade erst herausbildenden deutschen Nation.
Wäre es nun angesichts dieser Entwicklung angemessen, der Zhaoschen Kategorisierung  zu folgen und die Nationalitäten und die religiösen Fraktionen als die Spaltungsfaktoren zu identifizieren, die die Karlschen Herrschaftsgebiete daran hinderten, ein einheitliches Imperium zu werden? Religiöse Fraktionen, d.h. verschiedene Glaubensrichtungen und –organisationen, kennt die Karlsche Zeit nicht. Es gab zwar noch Heidentum, dessen Träger sich aber im Verlauf der Jahrhunderte zu Christen wandelten und so die religiöse Einheit selbst mit beförderten, und innerhalb des Christentums entstanden zwar naturgemäß ständig neue Differenzen, die u.U. als Häresien ausdefiniert und ausgeschlossen wurden. Erst viel später kommt es zur Spaltung des Christentums in der Reformationszeit, die (da kann man Zhao  folgen) auch für politische Spaltungen starke Antriebe hervorbrachte – aber als dies geschah, nach 1517,  war ein imperialer Anspruch in Europa im Grunde fast erloschen, wenn auch das „„Heilige Römische Reich deutscher Nation“ noch formal existierte. Von tatsächlicher imperialer Führung  Europas zu sprechen, oder überhaupt von politischer Einheit Europas zu sprechen, ist angesichts der neuzeitlichen Geschichte hochgradig unangemessen. Man könnte daher auch nur verkrampft  davon sprechen, dass die Kirchenspaltung durch die Reformation(en) ein Imperium zerspalten hätten.
In den letzten vier Jahrhunderten kann man in Europa überhaupt nicht mehr, vielleicht mit der kurzlebigen Ausnahme der Napoleonischen Eroberungen, von imperialen Bestrebungen sprechen, die die Einheit des Kontinents zum Ziel gehabt hätten.

Fazit: der Mann hat keine Ahnung von europäischer Geschichte. Er versucht ihrer mittels der Grundkategorie Einheit-Spaltung, die er aus der chinesischen Geschichte ableitet und die dort anscheinend Substantielles trifft, analytisch Herr zu werden, bzw. sich als den Philosophen zu präsentieren, der über die richtigen Kategorien verfügt; doch weil er das Material kaum kennt, dessen Analyse präsentieren zu können er sich in Szene setzt, ist diese uninteressant. Sie dokumentiert vielleicht unfreiwillig einen Sinozentrismus, d.h. die Neigung, an fremde Verhältnisse mit einem Werkzeugkasten heranzugehen, der zwar an den reichen chinesischen, im Vergleich zur Weltfülle aber doch auch engen chinesischen Verhältnissen entwickelt wurde und für andere nicht passt.

Ich übergehe ansonsten das 2. Kapitel, in dem der Autor das Weiterwirken der Tianxia-Idee in der chinesischen Geschichte bis zum Zusammenbruch der letzten kaiserlichen Dynastie im Jahre 1910 nachzeichnen möchte.

 

Abschnitt 3:  Die Anwendung des Tianxia auf die moderne Welt.

Von allgemeinerem Interesse ist nun wieder das 3. Kapitel, das sich mit der Möglichkeit und der Notwendigkeit – in Zhaos Sicht – befasst, das Tianxia -Modell zur Lösung der Grundkonflikte der globalisierten Moderne anzuwenden.

Das 3. Kapitel macht einige Umwege, bevor Zhao die Frage direkt behandelt. Diese Umwege muss ich jedoch referieren, um den Gehalt der Schlussfolgerungen verständlicher zu machen.

Es beginnt mit einer merkwürdigen Erörterung des Themas „Weltgeschichte“. Hieraus einige Zitate:

„‘Weltgeschichte‘ ist ein fragwürdiger Begriff. Die Menschheit hat die ‚Welt als Welt‘ (eine Paraphrase zu Guanzis ‚ das Tianxia  als Tianxia ‘ ) noch nicht geschaffen, daher existiert die Welt als Welt noch nicht. Unter diesen Umständen ist ‚Weltgeschichte‘ eine irreführende Fiktion.“ (181)

„Die Welt .. ist noch keine durch das Weltinteresse definierte Welt, an der alle Menschen teilhaben können.“

Auf Antworten auf die Frage einer bewusst im Weltinteresse [was soll das sein?] und in Übereinstimmung damit politisch zu organisierenden Welt lässt Zhao zunächst noch etwas warten und befasst sich erst einmal mit der Welt-Geschichtsschreibung. Da die Welt – in seinem politischen Verständnis als Tianxia  – noch nicht existiere, habe es bisher auch keine Weltgeschichtsschreibung geben können, sondern nur von europäischen imperialistischen  Ausbeutungsinteressen geprägte „Narrative“.

„In der Vormoderne hatte jeder Ort seine eigene Geschichte. Die modernen Bewegungen des Kolonialismus, der Erschließung überseeischer Märkte und des Imperialismus verbanden scheinbar die verschiedenen Orte der Welt, die unterschiedlichen Historien … der einzelnen Orte wurden durch die europäische Geschichte zu einer ineinander verwobenen Geschichte zusammengesetzt, jedoch wurde daraus keine Weltgeschichte, sondern nur die Geschichte der Expansion von Europas Einfluss.“ (181)

Das ist Unsinn. Die internationale Geschichtswissenschaft, die europäische eingeschlossen, die US-amerikanische und einige andere Zweige haben nicht erst seit heute ganz andere Dinge geleistet als Weltgeschichte im europäischen expansionistischen Interesse zu verdrehen.

Aus diesen fragwürdigen Abqualifizierungen springt der Autor rasch wieder weg, zum Thema, wie die Globalisierung statt einer „Welt der Teilhabe aller“ eine „gescheiterte Welt“ produziere, Chaos, Verlust der Zukunft, unkontrollierbarer Zustand….

Zur fragwürdigen Methodik dieses Abschnitts gehört das mehrfache Springen von der Frage der faktischen politischen Welt-Einheit zur Frage der Welt-Geschichtsschreibung.

Meint Zhao , die Geschichtsschreibung bringe die reale Geschichte hervor? Folgt aus dem – für ihn feststehenden – Sachverhalt, dass eine eurozentristische, kolonialistische und imperialistische Geschichtsschreibung das gängige Basismodell der Weltgeschichte sei, die heutige Globalisierung?

Hier scheinen sich mehrere Widersprüche zu verknäulen.

  1. Einer davon betrifft das Verhältnis zwischen weltumwandelnder Aktivität, bspw. des früheren europäischen Kolonialismus, zum Geschichtsbewusstsein, oder allgemeiner den Vorstellungen über die Welt, bei seinen Akteuren.
  1. Ein weiterer wäre, wie die kolonialistischen Erfahrungen der Europäer wiederum deren Weltbewusstsein, im engeren Sinne deren Geschichtsideen und in noch engerem Sinne die Geschichtsschreibung Europas beeinflusst hätten.
  1. Ferner: wie haben der europäische Kolonialismus und Imperialismus die Weltvorstellungen, das Geschichtsbewusstsein, die Geschichtsschreibung der Kolonisierten beeinflusst?
  1. Gibt Zhao Konkretisierungen seines Postulats, dass man die Welt als Ganzes, als Souverän ihrer eigenen Entwicklung, bzw. die Menschen der Weltbevölkerung als gleichberechtigte Mitgestalter der Weltentwicklung zu sehen habe und die entsprechenden politischen Institutionen schaffen müsse? Wie kommt die Welt dazu, sich als Subjekt zu verstehen und souverän zu handeln?

Zu 1. und 2.:

Es gibt selbstverständlich engste Beziehungen zwischen mentalen Prägungen der europäischen ‚Welteroberer‘, Abenteurer, Forscher, Kolonisatoren, Imperialisten, der dahinter stehenden Staaten und Firmen etc. , und ihren Aktivitäten; ihre geschichtlichen, kulturellen und auch geografischen Vorstellungen bilden – wie auch immer – essentielle Komponenten ihrer Handlungen. Diese Vorstellungen aber zum entscheidenden Beweggrund zu erklären, etwa so als ob bestimmte vorwissenschaftliche, einseitige, abergläubische, eigensüchtige, rassistische etc. Ideen über Geschichte und Welt, m.a.W. eine mit solchen Mängeln behaftete Geschichtsschreibung,  diese Welterschließer auf die Meere, die Gebirge und durch die Dschungel getrieben hätten, das mutet doch eigenartig an. Wirtschaftliche Motive, Handelsinteressen, Interessen an der Ausbeutung von Mensch und Natur der außereuropäischen Welt, auch Wissens- und Forscherdrang, Christianisierungsimpulse etc. sind hier erstrangig im Spiel.

Bei Zhao  scheint hier eine Vorstellung die Feder zu leiten, die partikular-egoistische Geschichtsschreibung der europäischen Heimatländer bilde mit der realen Geschichte  der Globalisierung das entscheidende Wechselwirkungspaar. Eine derartige Vorstellung leidet unter einer Übergewichtung des Bewusstseins über das Sein.

Vielleicht spielt dabei eine kulturelle Tradition Chinas eine Rolle, nämlich dass Politik und Verwaltung des Kaiserreichs von Literatenbeamten geleistet wurden. Dies waren über mehr als ein Jahrtausend hin Menschen, die zwar die Geschichte des eigenen Landes aus dem staatlich abgeprüften gehorsamen Umgang mit einem bestimmten Kanon von Literatur des eigenen Landes kannten, aus absolut chinazentrierten Geschichtsdarstellungen und bestimmten weltanschaulichen, bspw. konfuzianischen Schriften, sonst aber auch nichts, und bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten tief von diesem spezifischen Geschichtsbewusstsein geprägt waren. Wenn Zhao  aber bei den westlichen Kolonialisten und Imperialisten eine diesem spezifisch chinesischen Verhältnis zwischen Geschichte schreiben und Geschichte machen analoge Intensität unterstellt, begeht er einen ähnlichen Fehler, wie er ihn dem Westen vorwirft, nämlich eigene kulturelle Automatismen für Weltgesetze zu halten.

In Europa ist das Verhältnis zwischen der realen Erkundung und Eroberung der Welt und ihrer wissenschaftlichen, geografischen und historischen Beschreibung kompliziert, jedenfalls aber anders als in China und anders, als es Zhao  hier den Europäern unterstellt.

Das hat mit dem andersartigen Verhältnis zwischen Wirtschaft, Politik etc. einer-, den Wissenschaften andererseits zu tun. Prinzipiell haben Wissenschaften in Europa größere Autonomie gegenüber Wirtschaft, Politik etc.. Es ist elementarer Bestandteil des europäischen kulturellen Selbstverständnisses spätestens seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, dass die Wissenschaften, auch die historischen, sich nach ihren eigenen Gesetzen entwickeln müssen und die zweifellos fast nie vermeidbaren Bindungen an Macht, Geld, Religion etc. aufgedeckt werden müssen. Solche  Bindungen bestehen nicht nur traditionellerweise, sie wachsen auch permanent neu, aber sie müssen auch permanent kritisch aufgedeckt und neutralisiert werden, sonst kann von Wissenschaft nicht die Rede sein – so etwa das Prinzip.

Die geografischen und historischen Wissenschaften Europas entwickeln sich seit dem Beginn der Neuzeit, eingeleitet durch die weltweiten Fahrten, Eroberungen und Handelsverbindungen zunächst der Spanier und Portugiesen, später der Niederländer und Engländer, in enger Verbindung mit der kolonisierenden und erobernden Praxis und sind dementsprechend von diesen materiellen Interessen zunächst stark geprägt; man erlebte dabei auch die Unterlegenheit der meisten Teile der Welt, zu denen man solche Beziehungen herstellt, zunächst vor allem in militärischer Beziehung, und entwickelt entsprechende Überlegenheitsattitüden, Rassismus etc., , religiösen Bekehrungseifer…

Doch das ist nicht das gesamte Bild.

Innerhalb der europäischen Wissenschaften entwickeln sich nämlich nach und nach auch Tendenzen, die Eigengesetzlichkeiten der außereuropäischen Welt, ihrer Gesellschaften und Kulturen zur Kenntnis zu nehmen, ihre Werte oder Teile derselben schätzen zu lernen und sie alle parallel zur eigenen Wirklichkeit wissenschaftlich zu erfassen. Ein Beispiel ist die Chinabegeisterung, die in der Aufklärungszeit manche europäische Gelehrte erfasst und zur Anerkennung geführt hat, dass dort eine hochstehende Kultur, eine der eigenen nicht unterlegene, allerdings auch andersartige Gesellschaft existiert. Von einer entsprechenden wertschätzenden Kenntnisnahme Europas, die sich in China damals quasi spiegelverkehrt entwickelt hätte, kann keine Rede sein. Dafür fehlten dort alle Grundlagen. Im 20. Jahrhundert hat in dieser Hinsicht allerdings  Änderung eingesetzt.

Ein grundlegender Zug der so sich fortbildenden europäischen Wissenschaften besteht in der historischen, geografischen und philologischen Erforschung prinzipiell aller zugänglich werdenden Zonen. Ein typischer Fall: Napoleon importiert bei seinem Zug nach Ägypten verschiedene Wissenschaftler, die Grundsteine der Ägyptologie legen und damit den Ägyptern selbst überhaupt erst die eigene Geschichte erschließen. Den kolonisierten Völkern bringt der europäische Kolonialismus nicht nur Ausbeutung und Hemmung, sondern auf der anderen Seite auch den Impuls und Werkzeuge zur Erschließung der eigenen Geschichtlichkeit, und damit Grundlagen der eigenen späteren antikolonialen Emanzipation. Anders als in China mit seinem ausgeprägten eigengeschichtlichen Bewusstsein ist Bewusstsein von Geschichte in Afrika, in Großteilen der islamisch geprägten Welt, auf dem amerikanischen Kontinent zu Beginn der Kolonisierungen nicht oder kaum vorhanden. Man kennt die eigene Geschichte nicht – außer in mythischen oder poetischen Formen; in Afrika vor allem aufgrund des allgemeinen kulturellen Niveaus nicht, in der islamischen Welt nicht aufgrund ihrer vom Klerus und den Dynastien schließlich erzwungenen Anti-Wissenschaftlichkeit und der damit verbundenen allgemeinen Stagnation.

Zhaos Kritik an der Verbindung der „europäischen“, d.h. implizit eigentlich auch der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft mit dem imperialistischen Egoismus trifft zu, aber sie erfasst eben bedeutende andere Seiten dieser Wissenschaft nicht. Es geht nicht nur darum, dass sie die entscheidende Initiatorin der möglichst vorurteils- und interessefreien Erfassung der außereuropäischen Welt ist und dieser damit erst entscheidende Impulse zur Herausbildung eines modernen Selbstbewusstseins vermittelt hat, sondern auch darum, dass in dieser Entwicklung durchaus und nicht erst seit der heutigen Globalisierungswelle immer wieder Normen sich entwickelt haben, eine Geschichte des Weltzusammenhangs unter strenger Abgrenzung von kolonialistischen Vorurteilen zustande zu bringen.

Zhao  behauptet, die „europäische“ Geschichtsschreibung bringe es nur zu einer Zusammensetzung der verschiedenen außereuropäischen „Geschichten“ als Geschichte der Expansion Europas. Das mag für Tendenzen früherer europäischer Weltgeschichtsschreibungen zutreffen, ist aber längst nicht mehr alleinbestimmend. Und vielleicht ist „Zusammensetzung“ zunächst unumgänglich, zumal in den außereuropäischen Geschichtsvorstellungen bisher weniger Drang zur wissenschaftlichen Bewusstmachung des Weltzusammenhangs festzustellen war (das gilt auch für China) als in den europäischen. Aber um ein Bewusstsein der Welt als historischer Einheit zu gewinnen, das ausreichend weit über die von Kolonialismus und Imperialismus hergestellte Einheit hinausgeht, dazu musste man nicht erst von Zhao  mit der Nase gestoßen werden auf Vorstellungen wie das Tianxia  der Westliche Zhou-Dynastie. Dieses Tianxia  wurde seinerzeit jedenfalls nur für deren innerchinesischen Herrschaftsbereich konzipiert, nicht für eine größere und andersartige Welt, und ob Tianxia – Prinzipien für diese  geeignet sein könnten, dafür bleibt Zhao  den Beweis schuldig.

Wie sollten Weltgeschichtsschreibung und politische Ordnung der Welt nun heute umgestaltet werden, wenn wir Zhao  fragen?

„Eine wirkliche Weltgeschichte muss eine Weltordnung als Ausgangspunkt haben und vom Zusammenleben der Menschen erzählen. Weltordnung kann nicht die Ordnung einer von irgendwelchen Hegemonialstaaten oder Bündnissen mächtiger Staaten beherrschten Welt sein, sondern nur die Ordnung einer Weltsouveränität, der das gemeinsame Wohl der Welt als Richtschnur dient – d.h. nicht Spielregeln, die ein Staat für die Welt aufstellt, sondern die von der Welt für sämtliche Staaten aufgestellt werden.“

Die kritische Wendung gegen eine Weltordnung, die von hegemonialen Mächten beherrscht wird, kann wohl jeder Leser mit vollziehen; aber wie soll „die Welt“ eine Ordnung für sämtliche Staaten einschl. der Hegemonialmächte aufstellen? Nach dem Muster der Westlichen Zhou-Dynastie? Zhao hebt an deren Entstehung, an der Entstehung der Tianxia -Idee hervor, dass die Zhou, aus einem relativ schwachen und am Rande liegenden Staat kommend, die chaotischen Verhältnisse der niedergehenden Shang nutzten, um sich deren Territorium anzueignen, nicht nur indem sie militärisch erfolgreich vorstießen, sondern vor allem indem sie die unzufriedenen bisherigen Untergebenen der Shang mit dem Versprechen künftiger relativer Gleichberechtigung und einer mehr ritualförmigen Anerkennung ihrer Ordnungsmacht für sich gewannen.

Die Analogie liegt auf der Hand: könnte das heutige China, bisher eher schwächerer Randstaat der ‘in Anarchie versinkenden Weltordnung‘, mit dem Versprechen eines neuen Tianxia , der Anerkennung aller nebeneinander und ihrer Wachstumsbedürfnisse je nach ihren eigenen Regeln, und einer eher formellen, kulturellen Oberhoheit die neue Weltordnung herbeiführen? (s. S. 188)

Tianxia  als neues Ordnungsprinzip der Welt gegenüber der westlichen Demokratie. „Volksseele“ als letztlicher Maßstab der Werte

Im Folgenden mache ich einige Bemerkungen zu Zhaos Erörterungen, auf welche Weise die heutige Welt gemäß Tianxia -Prinzipien umgestaltet werde könnte. Die Kritik an ungeeigneten Traditionen und Ideologien des Westens nimmt für Zhao dabei großen Raum ein.

Das Tianxia -System sei das „konzeptionelle Experiment“ einer Weltpolitik gewesen, die Vorankündigung einer Weltgeschichte (183). Woran liege es, dass „die Welt noch nicht zum Tianxia  werden konnte“? Im wesentlichen daran, dass Politik bisher nur in Staaten, nicht in einer Welt als politischem Subjekt  organisiert sei, dass Staaten prinzipiell gegeneinander stritten und nicht in der Lage seien, dauerhaft zu friedlichen und sicheren Regelungen untereinander zu kommen. Auch der mächtigste Einzelstaat könne in einer zerstrittenen und unkooperativen Welt nicht Sicherheit und Entwicklung garantieren. (183)

Der Kritik an internationalen Rivalitäten können wohl wiederum die meisten Leser zustimmen, doch wenn Zhao  im weiteren heutige globale Machtfaktoren (Finanz, neue Medien und „andere technologische Systeme“ , s. S. 222) als mögliche Vehikel eines neuen Tianxia  benennt, die zur Vermeidung größten Unheils ihrerseits einem spirituellen Tianxia  unterstellt werden müssten, das dann den allgemeinen Nutzen fördern werde, dann wird es schwieriger ihm zu folgen.

Zunächst wendet sich Zhao  aber früheren Ideen über die Weltordnung zu, um Tianxia davon positiv abzuheben.

Kant habe in seiner Schrift zum „ewigen Frieden“ die Vorstellungen, es könne zu einem Weltbürgertum, einer Weltrepublik kommen, verworfen und als höchstes realistischerweise anzustrebendes Ziel eine Föderation freier, d.h. republikanischer Staaten benannt.

Die heutige, seit Kants Zeit weiterbestehende und mit weiteren neueren Elementen angereicherte Unmöglichkeit, zu mehr als bloß regionalen Föderationen zwischen Staaten ähnlicher Kultur etc. (s. EU) zu kommen, wird dann von Zhao  ausgemalt und insbesondere mit der Frage von Zivilisationskonflikten (wie sie Huntington aufgeworfen habe) weiter aufgeladen. Auch die „Diskurstheorie“ (Habermas wird hier von Zhao  benannt) sei ungeeignet, weil völlig naiv. Carl Schmitt vertrete ein Freund-Feind-Denken. Dann kommt Rawls zur Sprache, der „modernen Neoimperialismus pur“ vertrete (194), und schließlich die UN, die aber kein Modell der Weltverwaltung seien, weil sie nicht über das System souveräner Staaten hinausgehen könnten – das für Zhao  die Quelle des internationalen Unfriedens und der Ausbeutung der Schwachen durch die Starken ist. (195)

Die „Grundlagen für die künftige Entwicklung eines Tianxia -Systems liegen in Zhaos Erwartungen vielmehr

„in den wirklich einflussreichen Mechanismen und Institutionen des globalen Finanzsystems, der Systeme der Hochtechnologie und den sozialen Medien“.(196)

„Die vorrangige Frage der künftigen Welt lautet aber natürlich, wie man die Logik politischen Handelns und die Art und Weise politischen Denkens ändert. Ohne eine geistige Revolution wird eine materielle Revolution die Welt nur in einen noch gefährlicheren Ort verwandeln.“ (196)

S. 235f. detailliert Zhao solche Vorstellungen. Zuvor hat er Kritik zurückgewiesen, sein Tianxia sei womöglich eine Pax Sinica. Das heutige China sei ein souveräner Staat, kein Tianxia , Argwohn gegenüber dem heutigen China könne daher keine Zweifel am Tianxia-System begründen. (235). [Allerdings hatte er zuvor sein ganzes zweites Kapitel unter der Überschrift „Das in China verborgene Tianxia “ geschrieben.]

Wem wird das Tianxia  der Zukunft gehören? fragt Zhao rhetorisch (235), um  jegliches Streben nach partikularem Nutzen streng zu verurteilen. Man solle nicht auf „‘irgendjemandes Tianxia ‘“ hoffen, diese Frage sei von der politischen Logik der Moderne inspiriert, die aber an Geltung verliere. In der politischen Logik der Moderne erscheine es „zwangsläufig, dass irgendein mächtiger Staat oder ein Volk im globalen Konkurrenzkampf obsiegen und eine von ihm dominierte Weltordnung etablieren wird.“ (235f.) Die Macht der politischen Entität Staat sei jedoch im Schwinden:

„Eine aufstrebende Macht neuen Typs, die systemische Macht, wird mittels globaler Systematisierung allmählich die Kontrollmacht und Dominanz der Staatenvielfalt ablösen. Dieser systemischen Macht wird vermutlich in Zukunft die reale politische Macht über die Welt gehören und die Staaten werden lediglich als ihre Agenten fungieren. Es ist nahezu auszuschließen, dass die künftige Welt zum System einer Hegemonialmacht wird, sie wird im Gegenteil das Ende der Hegemonialsysteme bedeuten. Daher – und hier betreten wir den Bereich der Spekulation – wird das neue Tianxia -System vermutlich eine auf die globalen Systeme gestützte Überwachungs- und Regulierungsmacht begründen, insbesondere zum Schutz und zur Regulierung des globalen Finanzsystems, das globalen gemeinsamen Internets und der von allen benutzten technologischen Systeme. Das antike Tianxia -System der Zhou-Dynastie ist ein netzförmiges System der Überwachung und Kontrolle der Vasallen- und Lehnstaaten durch den Staat des Monarchen. Gemäß der evolutionären Logik der Gene dieses Systems unter den Bedingungen der Globalisierung wird das neue Tianxia -System möglicherweise das Netzwerk der globalen Systeme durch eine Institution in gemeinsamem Weltbesitz überwachen und regulieren.“ (236)

Welcher Art nun diese geistige Revolution sein soll, bespricht Zhao  unter Hinzuziehung zahlreicher Kritiken an Prinzipien der Daseinskonkurrenz und ihrem religiösen Überbau, an kulturellen Konflikten, wie sie z.B. im Monotheismus angelegt seien. Diesen werden Prinzipien der Nutzenteilung und der religiösen Toleranz gegenübergestellt.

Welche Kategorien untersucht er hier?

Unter „Zwei Arten der Externalität: die natürliche und die konstruierte“ (196) schreibt Zhao, die Konflikte mit dem natürlichen Außen seien nicht zwangsläufig Konflikte auf Leben und Tod, sondern könnten durch Modelle der Nutzenteilung gemildert werden. Hobbes habe die hegemoniale Ordnung favorisiert, in der der Starke die Außenstehenden ihr unterwirft. Xunzi (ein konfuzianischer Denker des 3. Jahrhunderts vuZ) hingegen habe darauf gesetzt, Außenstehenden Vorteile durch Kooperation zu versprechen und sie damit zu internalisieren.

Beide Logiken existieren lt. Zhao  real gleichzeitig in der Welt, die Tendenz gehe aber  hin zu „wechselseitig referentiellem, teilbarem Wissen“ zwischen den Staaten. (198) Durch Zusammensetzungen kapitalistischer und sozialistischer Elemente  seien mittlerweile hybride Elemente entstanden, in USA, China, Europa. Man bewege sich allmählich auf eine „‘rationale‘ Art der Verteilung“ zu, und rationale Systeme ähnelten einander „immer partiell“. Kooperation wachse je mehr die Existenzprobleme zunähmen, während in nicht-existentiellen Problemfeldern sie verweigert werde. (198f.)

Während die aus Konflikten der „Daseinskonkurrenz“ entstehenden Konflikte in dieser Weise auszugleichen seien, werde es mit den „konstruierten“, in religiösen Formen ausgetragenen Konflikten schwerer:

„Die am schwersten zu schlichtenden, sogar unversöhnlichen Konflikte entstehen häufig aus kulturellen Konflikten, die mit der Daseinskonkurrenz in keinem direkten oder überhaupt keinem Zusammenhang stehen. Das erinnert an die Ansichten Huntingtons.“ (199)

An sich bedeuteten kulturelle Differenzen keine tödlichen Bedrohungen der eigenen Existenz. Sie gehörten nicht zur „natürliche Externalität“, könnten aber fallweise zu „konstruierter Externalität“  werden.

  „Wie es dazu kam, dass die Beziehungen zwischen den Kulturen in wechselseitige Feindseligkeit umschlugen, ist eine zu klärende Frage.“ (199)

Dabei nimmt Zhao das Christentum scharf ins Visier. Der Monotheismus des Christentums  – den Islam erwähnt Zhao nicht – wird folgender Kritik unterzogen: „Feindseligkeit gegenüber Fremdkulturen benötigt zumindest zwei Elemente der Abstoßung des Anderen: 1. Dogmatismus……2. Das Recht auf alleinige Verehrung“ (200) „Unter den zahlreichen Kulturen findet sich nur in monotheistischen Religionen die Forderung nach kulturellem Dogmatismus und alleiniger Verehrung.“ (200)

„Das Christentum ist die Grundlage dessen, was im Westen für die ‚universale Zivilisation‘ gehalten wird, und die wahre Ursache für die Entstehung kultureller Feindseligkeit.“ (200)

„Nachdem das Christentum die griechische Zivilisation unterworfen hatte, bildete der Westen eine Kampf-Logik der Identifizierung des Heidentums aus und betrachtete die Welt als kriegerische Stätte antagonistischer Widersprüche.“ (201)

„Im Namen der Mission, die Welt zu unterwerfen, vernichtete es die apriorische Integrität des Begriffs der ‚Welt‘. Die Welt verlor die ihr eigene Sakralität und wurde zum Kampfplatz der universalen Verwirklichung des Christentums. Mit anderen Worten, die Welt verlor ihren Subjekt-Charakter und wurde ausschließlich zum Objekt.“ (201)

„Die christliche Theologie wurde später in extensiver Weise für alle möglichen säkularisierten Varianten verwendet.“ (201)

„Mit Hilfe der theologischen Logik des Monotheismus eine politische Logik zu kreieren und davon ausgehend ein kulturelles Außen zu konstruieren, unversöhnliche Feindschaften zu anderen  Kulturen zu etablieren, zeugt von politischer Unreife. Nur Politik auf der Grundlage der Schaffung von Kompatibilität ist wahre Politik, Politik auf der Grundlage von Universalität dagegen ist bloße Herrschaft, Herrschaft ohne Politik.“  (201f.)

„Die Politik bedient sich zwar der Macht, aber Macht ist nicht ihr Ziel, ihr Ziel ist die Schaffung einer kompatiblen Daseinsordnung, die die Schöpfung wachsen und gedeihen lässt. Die Politik muss dem Himmel entsprechen, nicht einem Gott.“ (202)

Es folgt eine längere quasi-theologische Auslassung über Sakralität, die der spirituellen Welt jeder Kultur eigen sei (zu Sakralität auch 236-8). Zhaos Theologie bewegt sich im traditionellen halb-animistischen chinesischen Rahmen:

 „Eine spirituelle Welt besitzt ihre sakralen Berge und Flüsse, ihr sakrales Territorium, ihre sakrale Vegetation und zudem ihre historischen Erzählungen und Persönlichkeiten….Die jeder spirituellen Welt innewohnende Sakralität verleiht ihr eine unüberwindliche Transzendentalität.“ (202)

Anscheinend unternimmt Zhao  hier einen Versuch, die traditionelle chinesische Nicht-Transzendentalität in Transzendentalität umzudeuten.

„Der tiefe Sinn des vom Herzog von Zhou geschaffenen Systems der Riten und der Musik lag vermutlich darin, durch Ehrerbietung vor den Details des Lebens diesem und der Schöpfung der gesamten Welt Sakralität zu verleihen. Die Sakralität der Schöpfung ist nicht Gottes Werk, sondern entspringt der Ernsthaftigkeit des Lebens. …Respekt vor der Schöpfung bedeutet Respekt vor Himmel und Erde, das ist die Übereinstimmung des Dao des Menschen mit dem Dao des Himmels, daher besitzt das menschliche Leben Sakralität.“ (238)

Diese Gegenüberstellung ist mE doch kommentarbedürftig. In der christlichen Religion bedeutete Transzendenz, dass es eine göttliche bzw. himmlische Welt gibt, die der vorfindlichen Welt übergeordnet ist, auf sie einwirkt und die Menschen dazu verpflichtet, die vorfindliche Welt der himmlischen ähnlicher zu machen, die vorfindliche in Frage zu stellen und ihr ständige verbessernde Umwandlungen in Richtung auf eine göttliche Existenz angedeihen zu lassen. Dies ist vor allem eine ethische Doktrin.  Später, bei Kant, bedeutet Transzendenz, nach den letzten Voraussetzungen unseres Lebens zu fragen, nach Voraussetzungen und Grenzen unseres Erkennens, nach der Fundierung von ästhetischem Empfinden und Ethik. In der philosophischen Weiterentwicklung des 19.Jahrhunderts wird Transzendenz dann zunehmend abgeworfen, man wendet sich den positiven Wissenschaften und den sozialen Verbesserungen um der Menschen willen zu – aber der Impuls, der unbefriedigenden vorfindlichen Welt Vorstellungen einer besseren gegenüberzustellen und an deren Verwirklichung zu arbeiten, lebt quasi säkularisiert weiter.

Im chinesischen Denken scheinen sowohl die traditionelle religiöse Dimension, als welche im Westen Transzendentalität zunächst entwickelt worden war, wie auch die späteren säkulareren Fortsetzungen relativ schwächer entwickelt zu sein. Hier geht es, wie Zhao  das sehr deutlich ausdrückt, um die Sakralisierung des Bestehenden. Wenn diese als eine Art Ehrfurcht vor der Natur verstanden wird,  können es auch Nichtchinesen wahrscheinlich ganz gut mitvollziehen; wenn es aber dieser Sakralität darum ginge, Sozialordnungen der Permanenz von Oben-Unten-Verhältnissen zu rechtfertigen (was man an Konfuzianismus und Daoismus konstatieren kann), oder, um es direkter auszudrücken, die elenden Verhältnisse der Mehrheit der Menschen und eine Quasi-Naturgegebenheit von Herrschaft zu sakralisieren, erscheint Zhaos Hymnus bedenklich.

Umso mehr, wenn man seine Attacken gegen „Fortschrittsglauben“ und „Demokratie“ mit heranzieht, die sich mehrfach finden. Tianxia  und Konfuzianismus, aber auch Daoismus sorgen sich um ewig  gleichbleibende „Daos“ von Mensch und Natur, wobei durchaus Vitalität und Variabilität erwünscht sind, so Zhaos Darstellung. Wenn man aber an Fortschritt und Demokratie interessiert ist, bleibt nichts gleich auf die Dauer. Diese Kraft wurde vor allem im Westen entwickelt.

 

Allgemeine Kennzeichen der Zhaoschen Sicht:

Zhao  versteht vom Westen wenig, greift aber geschickt Schattenseiten auf, die namentlich der heutige globalisierende, finanzialistische neoimperialistische Kapitalismus des Westens zeigt; allerdings werden die im Westen durchaus seit langem scharf kritisiert, man denke an Marx und seinen universellen Humanismus.

Am chinesischen System, sei es ein altehrwürdiges Konzept wie Tianxia  oder der Konfuzianismus als Herrschaftsdoktrin, sei es der heutige chinesische globalisierende Räuberkapitalismus findet Zhao – jedenfalls im Rahmen dieses Buches –  anscheinend nichts zu kritisieren.

Was im Westen intellektuell und weltanschaulich besser, jedenfalls andersartig entwickelt ist als in China, wird runtergeputzt, indem er dem westlichen Denken fundamentale Mängel ankreidet, die dieses allerdings, wie bei genauerer Kenntnis sich erschließt, selbst schon früher kritisiert hat. Der chinesische Glaube ans Ewiggleiche ist für Zhao  kein Gegenstand der Kritik, vielmehr empfiehlt er ihn weiter. Typische chinesische Formen der autoritativen Regulierung und Kontrolle von oberster Stelle aus (es soll in diesem Sinne eine Tianxia-Weltbürokratie geben) gelten ihm als einziger Ausweg aus dem „Chaos“. Im Sinne des heutigen nach Welthegemonie strebenden chinesischen Staates zu schreiben, weist Zhao  von sich, wohl mit einiger Authentizität, denn das kann man nicht ohne sich zu blamieren; aber er empfiehlt der Welt, sich auf kulturelle Grundzüge Chinas umzunormieren, die er nicht kritisch sieht.

Es ist schließlich noch eine Analyse der merkwürdigen Passagen über „Volksseele“ und die Mängel von Demokratie erforderlich (42 ff.)

Der Ausgangspunkt ist die Vorstellung, die Welt müsse endlich Subjekt ihrer Entwicklung werden.

Die Welt als Subjekt, wie könnte die sich wahrnehmen, artikulieren, handeln?

Wir kennen Staaten als Subjekte, die von ihren Bürgern in unterschiedlichen, aber definierbaren Arten wahrgenommen werden, auch von Menschen, die nicht zu ihnen gehören (Ausländern) und von internationalen Subjekten wie anderen Staaten; die eine interne Willensbildung betreiben und diesen Willen nach innen wie nach außen ausdrücken können; die ihre Zwecke mit staatlichen Mitteln zu verwirklichen suchen, mit Gesetzen und einer Bürokratie nach innen, mit Geld, Diplomatie und Militär nach außen gegenüber anderen Staaten.

Die Welt, von einem geografischen Wesen zu dem eines politischen Subjekts übergehend, sollten wir uns jedoch weniger als Staat vorstellen,  so Zhao ausdrücklich, denn die geschichtliche Rolle von „Staat“ gehe ohnehin zurück. Weniger als „Staat“, mehr als was? Wieviel weniger, wieviel mehr? Es gehe in Zukunft mehr um die Regulierung und Kontrolle globaler „Systeme“ wie des Finanzsystems, der Systeme der Hochtechnologie, (an anderer Stelle wird auch das Internet erwähnt), der sozialen Medien (196).  S. 236 meint er

„Eine aufstrebende Macht neuen Typs, die systemische Macht, wird mittels globaler Systematisierung allmählich die Kontrollmacht und Dominanz der Staatenvielfalt ablösen. Dieser systemischen Macht wird vermutlich in Zukunft die reale politische Macht über die Welt gehören und die Staaten werden lediglich als ihre Agenten fungieren. Es ist nahezu auszuschließen, dass die künftige Welt zum System einer Hegemonialmacht wird, sie wird im Gegenteil das Ende der Hegemonialsysteme bedeuten. Daher – und hier betreten wir den Bereich der Spekulation – wird das neue Tianxia -System vermutlich eine auf die globalen Systeme gestützte Überwachungs- und Regulierungsmacht begründen, insbesondere zum Schutz und zur Regulierung des globalen Finanzsystems, das globalen gemeinsamen Internets und der von allen benutzten technologischen Systeme.“ [bereits weiter oben zitiert]

Das wirkt verschwommen und widersprüchlich. Zunächst versucht ein Leser vielleicht, aus diesem Geraune Andeutungen über so etwas wie die gute alte „Weltregierung“ herauszuhören. Viele haben sie sich schon einmal gewünscht, sie ist immer völlig irreal geblieben, das Einzige, was annäherungsweise möglich wäre, scheint ein  zeitweiliger diktatorischer Zusammenschluss einer Gruppe Mächtiger zur Unterdrückung vieler Anderer in der sog. Weltgemeinschaft zu sein – was Zhao vehement ablehnen müsste.

Wie also grenzt er seine „aufstrebende“ „systemische Macht“ dagegen ab? Überwachung und Regulierung von globalen Systemen soll eingerichtet werden, vorrangig und schwerpunktmäßig der sozialen Medien oder des Finanzsystems, zu deren Schutz (und gleichzeitig auch mit ihnen als den Werkzeugen des Schutzes – noch mehr Geraune). Überwachung und Regulierung sollen von einer „Macht“ getätigt werden. Wie diese beispiellose, die wichtigsten Systeme der Welt regulierende Macht zusammenkommen soll, wie sie von der Welt autorisiert (und ihrerseits kontrolliert!) würde, was ihre Machtmittel (globale Informationsgewinnung und globales Militär?) wären – solche  Fragen werden hier gar nicht erst gestellt..

Wer bisher so etwas wie Weltregierung gefordert hat, hat wohl so etwas wie eine Föderation der existierenden Staaten sich gedacht, die im Einverständnis miteinander eine Art Regierung über sie selbst installieren, ähnlich wie Bundesstaaten, deren Mitglieder die obersten Funktionen und Legitimierungen an eine Bundesregierung abgeben. Das könnte im Weltmaßstab ein eher  demokratisches, aber auch ein eher hegemoniales Konzept sein. Aber für Zhao ist eine derartige  Vorstellung von Föderation von möglichst vielen Staaten wohl noch immer zu konkret, oder er will nicht klar ausdrücken, was er eigentlich meint.

Zhao äußert die Vermutung, von den globalen Systemen (Finanz, Internet, international gemeinsam genutzte technische Systeme) gehe künftig mehr Macht aus als von Staaten. Dies scheint er als eine Voraussetzung des künftigen Tianxia  zu sehen, er scheint nicht geneigt, solche Vorstellungen zu kritisieren.

Für durchschnittliche Bürger des Westens mit halbwegs demokratischer Grundeinstellung und sicher auch für viele in Asien und anderswo sind solche Ideen indiskutabel.

Während Staaten von Personen geführt und vertreten werden, deren Tätigkeit und deren Rechenschaftspflicht einigermaßen definiert sind, treten in den Zhaoschen Termini „System“ und „Welt“ weder Eigentümer noch Besitzer noch Macher noch Betreiber noch Nutznießer überhaupt noch auf, obwohl ohne solche Funktionen die Termini leer sind. Wenn man sie an Funktionen der sog. Künstlichen Intelligenz delegierte, bliebe noch immer die Frage, welche Menschen diese konzipieren und besitzen und betreiben. Zhao verzichtet hier von vornherein auf jede Erklärung, auf jegliche wenn auch nur abstrakt logische Definition. Daher ist das entweder wertloses Gerede genau an der zentralen Stelle des Buches, wo der Verfasser die politische Machbarkeit einer Weltsouveränität darlegen müsste, oder aber es ist eine Propaganda, die Konkreteres verbergen soll.

Was nämlich in diese Richtung konkret möglich oder zumindest logisch denkbar wäre, das wäre etwa eine Machtteilung bspw. zwischen China und den USA – gegen den „Rest“ der Welt. In einem derartigen Falle würden die mächtigsten Finanzsysteme, die größten Internetsysteme für Befriedigung bzw. Befriedung und Kontrolle großer Bevölkerungen und wahrscheinlich auch „technische Systeme“ (vielleicht sind hier z.B. Weltraumtechnik, militärische Systeme gemeint?) irgendwie koordiniert werden und ihren Inhabern für eine gewisse Zeit gemeinsamen Nutzen verschaffen, den Nicht-Teilhabern aber gemeinsam das Nachsehen. Google und Baidu, GoldmanSachs, Applepay und die chinesischen Staatsbanken, Amazon und Tencent und Alibaba kämen unter ein gemeinsames Dach, die chinesische und die US-amerikanische politische Führung würden vernetzt, ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung stünde künftig unter gemeinsamer Überwachung und Bestrafung der durch niemanden autorisierten NSA, des CIA und der chinesischen social credit-Organe. Dergleichen hätte Null und Garnichts zu tun mit Weltsouveränität, mit geteiltem Nutzen für alle Bewohner der Welt, mit einem Zusammenkommen unter einem wohlwollenden „Himmel“. Und die Inhaber und Nutznießer einer solchen Herrschaft würden es mitnichten schaffen, sich auf Dauer hinter sogenannten „Systemen“ zu verstecken, die man früher schon immer wieder gern als „Sachzwänge“ oder ähnlich sakralisiert hatte.

Ein weiterer wunder Punkt ist Zhaos „Volksseele“ und seine Abgrenzung einer politischen Ordnung mit der „Volksseele“ als zentralem Element gegenüber dem, was gemeinhin unter Demokratie verstanden wird.

Die „Volksseele“ erscheint bei Zhao im Gefolge spieltheoretisch formulierter abstrakter Erwägungen unter dem Titel „Relationale Rationalität“. Zhao äußert hier in einer Gegenüberstellung von „individueller Rationalität“ vs. „relationaler Rationalität“ die Meinung (ich fasse vereinfacht zusammen), dass es sich auf die Dauer nicht lohne, Gegnern Schaden zuzufügen und dadurch Gewinne einzustreichen, denn die Gegner lernten daraus und würden schließlich erfolgreich Revanche nehmen (38). Strategien, die nur auf den eigenen, individuellen Nutzen zielten, seien daher nur vermeintlich rational, rational sei nur eine Strategie, die auch auf Nutzen der Gegenseite ziele. Zhao nennt das relationale Rationalität.

Das habe bereits Konfuzius mit seinem Kernbegriff „Menschlichkeit“ gemeint (40). „die ontologische Implikation von Menschlichkeit lautet: optimale koexistentielle Beziehung zwischen zwei beliebigen Menschen.“ (40)

Auf die aktuelle Weltlage bezogen könnte dieser höchst abstrakte Satz als konkrete Aufforderung Chinas an die USA gelesen werden, mit der Konfrontation aufzuhören, denn die bringe zwar kurzfristig den USA den Gewinn, China aber werde die konfrontativen Strategien rasch nachahmen und bald besser beherrschen, sodass dann der Schaden bei den USA liegen werde; besser wäre es, die USA überlegten, wie beide Hegemonialmächte gemeinsam profitieren könnten.

Hier fragt sich der in Konfuzianismus und Spieltheorie weniger bewanderte Europäer, Afrikaner oder wer auch immer: werden wir dann den gemeinsamen Profit der beiden Großen zu erwirtschaften haben? Zhao würde möglicherweise antworten: nein, ihr könntet euch doch in das Spiel relationaler Rationalität einklinken, dann profitiert ihr mit. Es entsteht ein Bild internationaler, globaler Prosperität, das alle Teilnehmer bereichert….

Hier ist es an der Zeit, einen grundsätzlichen Schwachpunkt in Zhaos gesamten Erörterungen zu benennen: er räsonniert über Politik stets unter Auslassung  der elementaren Tatsachen der Klassen, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

War etwa die Zeit der Westlichen Zhou-Dynastie eine der Harmonie zwischen unten und oben in der Gesellschaft? Gab es keine Sklaverei und keine Hörigkeit der unteren Clanmitglieder gegenüber der Clan- und  Stammesaristokratie? Wer erarbeitete deren Luxus, der archäologisch gut bezeugt ist, wer stellte die Fußsoldaten in ihren Kriegen? Meines Wissens sind das alles Fragen, über die bereits Konfuzius  immer mit vornehmen Vorträgen über „Menschlichkeit“ als moralisches Gebot hinweggegangen ist – Zhao in allen seinen Ausführungen über die damalige und die weitere chinesische Geschichte gleichfalls. Offensichtlich ist jedoch die chinesische Geschichte, mit ihren zahllosen internen Kriegen, ihren immer wiederkehrenden Bauernaufständen und deren drakonischen Niederschlagungen nicht weniger blutig und brutal, nicht weniger Geschichte von Klassenkämpfen als die europäische, und es fragt sich, ob die konfuzianische Menschlichkeits-Predigt je auch nur zur Milderung der Ausbeutung beigetragen hat, ob  sie nicht vielmehr, wie ihre  Kritiker auch innerhalb Chinas konstatieren, als Maulkorb der Opfer und Selbststilisierung der Täter fungiert.

Falls Zhao hier – verdeckt unter höchst abstrakten Erörterungen – die Ausübung konfuzianischer relationaler Rationalität zwischen den USA und China anregen sollte, was ich hier versuchsweise unterstelle, d.h. deren Verabredung auf die Teilung des Nutzens ihrer hegemonialen Stellung statt des Kampfes um die Vorrangstellung in der internationalen Ausbeutung, stellt sich analog die Frage, wer das bezahlt. Genau so wenig wie die Zeit der Westlichen Zhou-Dynastie von sozialer Harmonie zwischen oben und unten vorrangig geprägt gewesen sein dürfte, und in keiner späteren Dynastie war das wesentlich anders, genau so wenig dürfte soziale Harmonie in die heutige Welt einkehren, wenn sich China und die USA auf zeitweilige gemeinsame Hegemonie und geteilten hegemonialen Profit einigen würden. Es spricht zwar alles dafür zu versuchen, die kriegerische Konfrontation zwischen den USA und China zu vermeiden mit den enormen Zerstörungen, die auch wiederum vor allem vom sozialen Unten in den Ländern und in der Welt zu erleiden wären, doch auch wenn das gelingen sollte, blieben die Fragen der heutigen extremen globalen kapitalistischen Ausbeutung von Mensch und Natur, blieben auch die Rivalitäten der Ausbeuter um den größten Teil der Beute gleich drückend.

Was hat es nun mit dem Zhaoschen Schlüsselbegriff  „Volksseele“ auf sich?

Zhao kommt auf sie zu sprechen nach einem weiteren Zwischenschritt. Er formuliert – weiterhin abstrakt spieltheoretisch – einen Zustand, in dem „relationale Rationalität“, d.h. der Ausschluss von Revanche zwischen zwei Spielern und die Verabredung auf gemeinsamen Nutzen allgemeine Grundspielregel wäre. Gegen diesen Zustand gebe es dann kein rationales Gegenargument mehr, allerdings setzt er in Klammern hinzu: „emotionale und irrationale Argumente bleiben außer Betracht“ (42). Oder, wie er es weiter unten ausdrückt:

„Nach wie vor muss sich Politik allerdings dem Problem der Sehnsüchte, der Spiritualität und der Emotion stellen.“ (43) „Das hat zur Folge, dass der Gerechtigkeitsbegriff, sobald er auf den Boden der Wirklichkeit trifft,  gezwungen ist, sich durch die subjektiven Präferenzen der Menschen zu beweisen.“ (43)

Diese werden also nun doch in Betracht gezogen.

Wie könnte es sich zeigen, fragt Zhao, dass die Subjekte mit der objektiv bereits hergestellten Gerechtigkeit zufrieden sind – dass ihre Emotionen, ihre Spiritualität, ihre Sehnsüchte damit übereinstimmen? Entweder stimmten alle positiv darüber ab, was eine unsinnige Norm wäre, oder die Mehrheit entschiede. Letzteres entspräche der Vorstellung der modernen Demokratie (44).

Demokratie als „Form des Interessenwettbewerbs“ mache allerdings Gerechtigkeit fragwürdig. Demokratie sei nur tauglich, wenn das gemeinsame Interesse feststehe und nur über die unterschiedlichen Wege es zu realisieren abgestimmt werde. Demokratie sei „keine richterliche Instanz für Werte“ (44).

 „Demokratie kann nicht garantieren, dass die getroffene Entscheidung die beste im Sinne des öffentlichen oder auch des individuellen Nutzens darstellt.“ (44)

Natürlich kann sie das nicht garantieren, die Praxis wird solche Fragen letztlich entscheiden…., aber solch eine generelle Abqualifizierung von Demokratie, nicht nur der beschränkten parlamentarischen Demokratie der westlichen Länder, ist auch nicht gerade unproblematisch.

Statt den Problemen der Demokratie mehr Analyse zu widmen, eröffnet Zhao hier bemerkenswerterweise eine Suche nach einer  Instanz, die das könne, was die Demokratie seiner Meinung nach nicht kann, nämlich ‚die besten Entscheidungen garantieren‘.

„Kann Demokratie die Erwartungen der Volksseele verwirklichen? Daher: Evidenz 3: Ein System ist nur dann legitim, wenn es der Volksseele entspricht.“ (44)

Der Begriff der „Volksseele“ ist jedoch, sagt Zhao selbst, „einigermaßen unscharf“ (45).

„Man könnte es vielleicht so formulieren, dass die ‚Volksseele‘ die Gesamtheit der Anschauungen repräsentiert, die sich im Verlauf lang währender rationaler Praxis als vorteilhaft erwiesen haben und von allen geteilt werden.“

Wer stellt denn nun aber fest, welche Anschauungen dieser Art es überhaupt auf der Welt gibt, wer definiert ihre Qualität („im Verlauf lang währender rationaler Praxis als vorteilhaft erwiesen“) bzw. disqualifiziert einige in dieser Hinsicht? Zhao führt uns hier in uferlose Komplikationen hinein. Ér ist mit sich selbst auch nicht im Klaren: oben hatte er gesagt, die Zustimmung „aller“ zu bestimmten Konzepten der Gerechtigkeit sei eine utopische Forderung, hier soll es aber nun eine „Gesamtheit von Anschauungen“ geben, die „von allen“ geteilt werden.

„..möglicherweise kommt der Begriff der „Volksseele“ dem modernen Begriff der universellen Werte einigermaßen nahe.“ (45)

Aus der folgenden Erörterung, was universelle Werte logischerweise (nicht inhaltlich) seien, zieht Zhao dann  die Folgerung: „Nur wenn ein Wert zugleich notwendig und universell ist, ist er ein universell guter Wert und ebenso ein universell notwendiger Wert.“

Die Hinzunahme von „notwendig“ macht die Frage nach universellen Werten mE jedenfalls nicht einfacher. Damit gehen jedenfalls neue Konflikte einher über die Auffassung von Notwendigkeit.

[Ich habe einige Zeit gebraucht, um hier dem  verwinkelten Gedankengang Zhaos nachzuspüren. Wenn meine Zusammenfassung unverständlich scheint, bitte ich um Entschuldigung; der größere Teil der Verantwortung liegt mE bei Zhao, seiner Umständlichkeit und seiner Neigung, konkrete politische Spekulationen – auf die ich weiter unten zu sprechen komme – in abstrakten, scheinbar komplett logischen Wortfolgen zu verstecken.

Zhao hat die Erörterung der universellen Werte hier eröffnet, um erneut dafür zu plädieren, dass man die  Beziehung zwischen Menschen, nicht das Individuum, als Basiseinheit der sozialen Analyse nimmt. Wenn man das tue, müsse man „sich mit allen Formen akzeptierbarer Beziehungen zwischen Menschen beschäftigen.“ Dann bedeute „universell notwendiger Wert“ allgemeine Nutznießerschaft und universelle Kompatibilität (47), diese seien Werte, denen „jedermann zustimmen“ werde.

Der Begriff „allgemeine Nutznießerschaft“ setzt voraus, dass ein allgemeiner Nutzen definiert werden kann, und zwar so, dass alle ihn erkennen und anerkennen und auch als den eigenen Nutzen verstehen. Es dürfte wenige Dinge geben, die diese Forderung erfüllen. Vielleicht gehören elementare Lebensbedingungen wie Nahrung, Kleidung, Wohnung und Schutz der körperlichen Unversehrtheit dazu. Wenn Politik Gesetze erlässt, Einrichtungen schafft, die diese Bedingungen für alle garantieren, wird „jedermann“ das für richtig halten – darin kann man Zhao folgen.  Wenn diese Bedingungen von der Politik nicht für alle garantiert werden können, sondern nur für einige, oder überhaupt Garantie verneint werden muss, wie bspw. im Krieg, wird die Definition von „Nutzen“ schwierig. Auch Kompatibilität kann es nicht immer geben, wenn man Kompatibilität versteht als die Möglichkeit für jeden, und seien die einzelnen Individuen einander noch so avers, neben den anderen nach seiner eigenen Kultur zu leben und seine eigenen bspw. religiösen Maßstäbe zu verwenden.

Ich erkenne hier durchaus auch Interessantes, Anregendes und Positives. Zhao plädiert hier – freilich in etwas eigenartigen, wahrscheinlich chinesisch-kulturell bedingten Begriffen –  für bestimmte allgemeine Normen, die durchaus ihren Platz in der Gesellschaft haben und vielleicht in höherem Maße haben sollten: mehr Denken und Leben in Kollektiven, die so organisiert sind, dass sie dem eigenen Nutzen des Mitglieds, jedenfalls nicht seinem Schaden, jedenfalls aber dem Nutzen des Kollektivs dienlich sind, und auch so erkannt und anerkannt werden –  statt der Orientierung auf den maximalen individuellen Nutzen ohne Rücksicht auf den Schaden anderer oder der Gesellschaft. Und Offenheit für differente Lebensformen, Religionen etc. – er nennt das Kompatibilität.

Doch in der  prinzipiellen Polemik dagegen, das Individuum überhaupt als Basiseinheit der Entwicklung gesellschaftlicher Wertvorstellungen zu nehmen –  großzügigerweise soll ihm noch das Recht zuerkannt werden, in seinen Beziehungen zum jeweiligen Kollektiv mit zur Geltung und zumindest nicht zu Schaden zu kommen – sehe ich eine radikale, ungeheuerliche Kampfansage.

Die Wertvorstellungen müssten der „Volksseele“ entsprechen? Was soll das heißen? Gibt es eine rationale, aufklärerisch bissfeste Definition von „Volksseele“?

Die „Volksseele“

„trägt in sich das gemeinsame Verständnis des Lebens, geformt aus geteilten Erfahrungen, Traditionen und Geschichte. So etwas wie die durch langjähriges Spiel erprobte ‚öffentliche Meinung‘ oder die durch besondere Umstände unbeeinflussbare allgemeine Einsicht“ (45)

Hier wird die „Volksseele“ zunächst so ähnlich definiert wie die Kultur bestimmter Einheiten, bspw. von Nationen, definiert werden könnte  – „gemeinsames Verständnis des Lebens, geformt aus geteilten Erfahrungen, Traditionen und Geschichte.“ Dann erscheint eine „durch langjähriges Spiel erprobte ‚öffentliche Meinung‘“ – etwas völlig Anderes als bspw. eine nationale Kultur. Zum Begriff „öffentliche Meinung“ gehört zunächst einmal ihre  schwierige Erfassbarkeit, denn die öffentliche Meinung ist ständig in Bewegung; sie wird von interessierter Seite, bspw. durch kapitalistische Interessen und politische parteiliche Strebungen ständig bearbeitet und ist sowohl dadurch wie auch durch die Erfahrungen, die die Massen machen, ständig in Fluss. „Öffentliche Meinung“ zusammenzubringen mit „langjährigem Spiel und Erprobung“ scheint mir fast unmöglich; was meint Zhao hier? Schließlich noch „die durch besondere Umstände unbeeinflussbare allgemeine Einsicht“. Ob allgemeine Einsichten bspw. in einer Nation, oder gar im Weltmaßstab überhaupt existieren, finde ich fraglich. Vielleicht muss man, um einen solchen Begriff zu retten, auf Allerelementarstes zurückgreifen wie die Anerkennung der Grundbedürfnisse aller Menschen qua lebender Organismen. Dass sie befriedigt werden müssen, ist wahrscheinlich „allgemeine Einsicht“ rund um die Welt; andererseits ist aber eine solche Stufe der „Einsicht“ so gering, dass sich das Wort eigentlich verbietet. Je allgemeiner, desto weniger Einsicht.

Ich habe den Verdacht, dass die Historie Chinas, geprägt an der Basis vom jahrtausendelangen schweren Kampf von Massen meist armer und rechtloser Bauern um die Sicherung der Grundbedürfnisse der Familie, von der Unterordnung unter den Clan, die Grundherrschaft und die zentrale kaiserliche Bürokratie sich in einer bestimmten Mentalität, einer Kultur niedergeschlagen hat, die man eben nicht zur Grundlage von politischen Zukunftsentwürfen für die heutige „Welt“ machen sollte.

Ich fürchte, dass in dem Herum-Eiern um das Wort „Volksseele“ – leider verdient die Qualität von Zhaos Erörterung an der zentralen Stelle seines Buches keine bessere Bewertung – die Tendenz lauert, eine Mentalität, die sich auf das – im Sinne des Überlebens – Elementarste konzentriert, zum ethischen Maßstab der künftigen Welt hochzureden bzw. zu hochzuraunen. Es gehört zu den ernstesten, wichtigsten und schwierigsten Aufgaben von geschichtlichen Wissenschaften und Politik, die unterschiedlichen Kulturen in der Welt vorurteilslos zu beschreiben, ihre Entstehungs- und Entwicklungsgründe zu verstehen und auf diese Weise dabei mitzuhelfen, dass sie sich, dies durchaus im Sinne von Zhao, in die Entwicklung einer von allen geteilten Welt einbringen. Die kulturelle Vielfalt und die kulturelle Höhe der Welt darf aber nicht auf ein gemeinsames Einverständnis über Elementaria des täglichen Überlebens, genannt „Volksseele“,  herunternormiert werden, während alle anderen Maßstäbe, die in der Tat in den einzelnen Kulturen sehr unterschiedlich entwickelt wurden, dem Verdikt verfallen, sie seien global nicht konsensfähig.

Dass im Westen die Tradition sich entwickelt hat, das Individuum als „Basiseinheit“ des ethischen und politischen Denkens anzunehmen, mag ja durchaus mit eine Rolle dabei gespielt haben, dass sich Einseitigkeiten dieses Denkens entwickelt haben, auch mag es Exzesse der individualistischen Bereicherungs- und Genusssucht, asoziale, auch kolonialistische und imperialistische Gewalttätigkeit begünstigt haben.

Zhao hat Recht, wenn er die enormen Gefahren für die menschliche Gesellschaft mahnend aufzeigt, die aus dem enthemmten egoistischen Profitstreben des heutigen globalen Kapitalismus erwachsen.

Doch die Emanzipation des selbstverantwortlichen, aufklärenden Individuums, das bereit und fähig ist, das Richtige in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik u.U. auch gegen jedes – kollektiv und aus kulturellen Traditionen heraus – für unumstößlich Gehaltene, Alte und Falsche oder einfach bequeme Gewohnte zu vertreten und durchzukämpfen, ist gleichzeitig ein unverzichtbares Positivum für die „Welt“. Dieses Prinzip darf für keinerlei Vorteile von Kollektivismus (und er hat viele, die man nutzen sollte) aufgegeben oder vermindert werden.

Eine starke kapitalistische Tendenz im Westen, ganz ähnlich wie im China des social credit, ist die Reduzierung des Menschen mit allen seinen schöpferischen Fähigkeiten auf einen Typ der Ein- und Unterordnung, unter „Algorithmen“, unter obrigkeitliche und/oder kapitalistische Belohnungs- und Bestrafungsroutinen. Wenn westlicher Individualismus kritisiert wird, muss man aufpassen, ob da nicht derartige Antriebe mit im Spiel sind. Es muss unbedingt Kritik am westlichen Individualismus geübt werden, z. B. Kritik an der Entwicklung der Bourgeoisie mit ihren Schemata der Ausbeutung, des Kolonialismus, des Rassismus und des Imperialismus; aber eine Kritik, die das Revolutionäre an die Kette legen will, das im westlichen Denken über die Gesellschaft ebenfalls tief angelegt ist, eine Kritik, die im Namen von großer Ordnung, allgemeiner Harmonie, Kontrolle und Sicherheit dem Individuum, der Kultur und der Entwicklung ins Unbekannte hinein an die Gurgel will, ist etwas Anderes.

Ich möchte einem Schriftsteller wie Zhao eigentlich nicht unterstellen, dass seine Ideen zu stark in diese Richtung weisen, und vielleicht missverstehe ich ihn. Allerdings aber findet sich in diesem Buch nichts, was zur Klarheit hinsichtlich solcher zentraler Unterscheidungen beitrüge. „Relationale Rationalität ist das grundlegende Operationsprinzip der Politik des Tianxia , es kann zur Festlegung der Weltordnung und der Spielregeln verwandt werden und bringt die universell notwendigen Werte der universellen „Volksseele“ zum Ausdruck“ (48).  Mehr zur Beseitigung von polit-philosophischer Klarheit als solche Sätze kann man kaum formulieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vorder- und Hintergründe in der Coronapolitik

In Italien und vielleicht auch anderswo haben sich massenhaft unmenschliche Dinge abgespielt. Viele Kranke hat man ohne Behandlungsversuch sterben lassen, man hat sie einfach abgestellt, Besuch durften sie nicht bekommen – ob sie überhaupt Morphium bekommen haben, um die Erstickungsqualen zu überdecken, wird nicht berichtet -, und dann hat man die Leichen einfach verbrannt,  ohne Rücksicht auf die Hinterbliebenen.

Die Lebenden seien in ihren grundlegenden gesellschaftlichen Kommunikationen blockiert durch Ausgangssperren, die radikaler seien als je in Faschismus und Krieg seinerzeit verhängt. Da aber Gesundheit nicht rein biologisch-individuell-maschinell definierbar sei, sondern auch gleichzeitig ein sozialer, mitmenschlicher Prozess, mache die Untersagung aller realen Kontakte die Menschen kränker als die Epidemie es vermöchte – so etwa die Kritik des italienischen Denkers Giorgio Agamben in der NZZ.

In Deutschland begründet die Bundesregierung ihre Politik damit, derartige Entwicklungen vermeiden zu wollen. Darin wird ihr fast jeder folgen können, doch ob das der einzige oder der tatsächliche Hauptgrund ist, kann in Frage gestellt werden.  Die Begründung der Regierung heißt in etwa: die Maßnahmen bezwecken, eine zu rasche und zu heftige Zunahme der schweren  Erkrankungen zu verhindern, damit das Gesundheitssystem nicht in ähnlicher Art wie in Italien  überlastet wird und sich dann gezwungen sähe, viele Menschen ohne Chance auf Behandlung einfach sterben zu lassen.

Auch was die Kommunikation im allgemeinsten Sinne zwischen den Menschen betrifft, ist man in Deutschland weniger radikal. Man kann sich – bislang – als Einzelner, im Duo oder als Familie in der Öffentlichkeit relativ frei bewegen, man kann sich mit anderen – wenn auch auf 1,5 oder 2 m Distanz – unterhalten….

Die Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden scheint bisher gelungen – allerdings wird mittlerweile auch in Frage gestellt, ob die Rechnungen überhaupt gestimmt hatten, dass die Überlastung eine alles übersteigende Gefahr sei.

Auch wenn man es als einen politischen Erfolg werten will, dass dies in Deutschland (und einigen anderen EU-Ländern, teilweise mit einer anderen Politik) gelungen sei, sind die hierfür getroffenen Maßnahmen doch derart radikal gegenüber der Gesellschaft, dass durchaus von Gefahren für zivilisatorische Standards gesprochen werden muss. Sollen im Zuge einer ­- vordergründig gegen eine Pandemie gerichteten – umfassenden Kampagne der Gesellschaft andere Wertmaßstäbe und Gesetze aufgedrückt  werden, die man offen nicht zu propagieren wagen würde?

Auf welchen Gebieten springen solche Fragen z.Zt. besonders ins Auge?

  1. Kita, Schule und Bildung. Kinder, bis hinauf zu den Abiturienten, sind auf direkten Umgang mit ihresgleichen, auf die tatsächliche Gegenwart der Erzieher, auf die sinnliche persönliche Kommunikation in allen diesen Bereichen und allen Dimensionen angewiesen. Das kann nicht ersetzt werden durch digital reduzierte, entsinnlichte, schematisierte Kommunikation. Man kann für eine paar Wochen gewisse Elemente von Unterricht retten über die Bildschirme, doch schon hier beginnt die Zerstörung direkt, je nachdem wie gut die Jungen mit dem maschinisierten Verabreichen und Durchkauen von Lernstoff klarkommen; hier sind anscheinend die ohnehin Benachteiligten und Schwächeren die ersten Opfer.

Dass es für die stärkere Digitalisierung in Schule und Hochschule unmittelbare Profitinteressen gibt, liegt auf der Hand. Zweifellos hinkt, das muss man zugeben, die Digitalisierung in Deutschlands Schulen hinter den recht verstandenen pädagogischen Erfordernissen her, es muss auf verschiedenen Gebieten mehr davon geben; aber was sich jetzt mit dem Schul-Shutdown zeigt, ist eine pädagogisch negative Maschinisierung, eine weitere Dimension der Kulturzerstörung. Diese kann mit Profitinteressen von Digitalfirmen nicht zureichend erklärt werden, dahinter stehen Herrschaftsinteressen.

Am Rande: wenn jetzt aus Lehrerkreisen Befürchtungen geäußert werden, dass man selbst mit den kleinen partiellen Wiederaufnahmen von Unterricht in den Schulräumen überfordert sei, wie sie in mehreren Bundesländern dieser Tage doch beginnen sollen, fragt man sich doch erneut, ob nicht massive Defizite in Arbeitsmoral und pädagogischem Verständnis in erheblichen Teilen der Lehrerschaft zu verzeichnen sind. Nachdem viele dieser hochbezahlten Leute es Jahr um Jahr hingenommen haben, dass es für die Schüler nicht einmal saubere Toiletten und Seifenspender in ihren Schulen gibt, ist es allerdings nachzuvollziehen, dass sie das Wiederauftauchen von ein paar Schülern in Coronazeiten mit Schrecken erfüllt….

  1. In der Ökonomie werden derzeit Millionen „kleiner Existenzen“ gefährdet und viele tatsächlich zerstört werden. Das gesellschaftliche Elend wird drastisch ausgeweitet. Millionen werden die Regierungen noch zur Rechenschaft ziehen mit der Frage, ob das notwendig war. Ferner findet eine tiefgreifende Umdefinition der zentralen Kategorie „Geld“ statt und werden zentrale Bürokratien wie die Europäische Zentralbank weiter ermächtigt, die bisherigen Maßstäbe der Ökonomie außer Kraft zu setzen. Auf diese Zusammenhänge kann ich hier nicht näher eingehen.
  2. Digitale Überwachung der Bevölkerung und ihre Steuerung
  3. Gefahr der Etablierung des politischen Notstandsregimes

Die Punkte 1-4 treffen alle europäischen Länder, auch diejenigen wie Deutschland, wo die Überlastung der Gesundheitssysteme und solche krassen direkten Brutalitäten wie in Italien bisher anscheinend vermieden wurden (und natürlich hoffentlich weiter vermieden werden können).

Meine Frage zur Coronapanik war von Anfang an: ist die Sorge um die Überlastung der Gesundheitssysteme auch deswegen so stark betont worden, um solche gesellschaftlichen Grundveränderungen schubartig voranbringen zu können? Oder, etwas vorsichtiger formuliert: lässt die Merkel-Regierung diese Grundtrends gewähren – gibt ihren Protagonisten relativ freies Feld -,  und konzentriert die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf die engeren, epidemiologischen/krankenhaustechnischen Aspekte?

Merkels politische Grundsätze, Ziele und Methoden sind in dieser Lage wiederum von großem Einfluss, aber nach wie vor schwer zu bestimmen. Meinen Beobachtungen zufolge lässt sie im allgemeinen die unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräfte, bspw. die innerhalb des Kapitalismus (z. B. Finanzialisierung vs. Unternehmertum), auch  die Kräfte innerhalb des politischen Geschehens (bspw. mehr pro-, mehr anti-EU) sich entfalten und aneinander abarbeiten, wobei sie den Überblick behält, moderiert (gelegentlich auch eingreift, wenn ihr jemand zu dominant wird); aber gelegentlich haut sie auch einmal einen gordischen Knoten entzwei, so in der Energiefrage 2011 und der Flüchtlingsfrage 2015 und diktiert allen eine Richtungsentscheidung.

In der gegenwärtigen Corona-Situation agiert sie meinem Eindruck nach bisher wieder eher moderierend. Das ist mE durch die objektiven Bedingungen fast erzwungen, denn das Wissen über die medizinischen Aspekte ist noch schwach, es gibt dazu mehrere Entwicklungsperspektiven, und die sozialen Aspekte sind so neu, dass auch erst Erfahrungen gesammelt werden müssen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die radikalen, im kapitalistisch-egoistischem Sinne und im politisch-autoritären Sinne die Gesellschaft verändernden Kräfte  bereits ihre Pflöcke eingeschlagen haben bzw. gerade dabei sind es zu tun und danach nicht mehr oder nur schwer zurückzudrängen sind. Das muss man kritisch ins den Blick nehmen z.B. auf dem Gebiet Erziehung und Bildung, auf dem Gebiet digitale Überwachung und Steuerung, und auf dem Gebiet der Schuldenwirtschaft bzw. der Umdefinition der Kategorie Geld. Auch das Thema politische Rechte, bzw. Notstand, befindet sich in Entwicklung.

 

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Sollten in den nächsten Wochen die wirtschaftlichen und v.a. die wesentlichen sozialen Aktivitäten (Kindergärten, Schulen, Unis, Kultur) sich wieder deutlich beleben und die Einschränkungen vermindern, muss man die enormen Schwächen angehen, die sich in den letzten Monaten gezeigt haben. Ich meine zunächst einmal die EU.

Die Drucksituation für die Regierungen in der EU war und ist durch verschiedene unverzeihliche Mängel überhaupt erst so drastisch geworden, bzw. sie konnte nur dadurch einigermaßen drastisch öffentlich dargestellt werden: Mängel im Gesundheits- und insbesondere im Altenpflegesystem; zu geringen Krankenhaus-Kapazitäten wie in Italien, unzureichende Vorräte  für den allgemeinen Gesundheitsschutz (Medikamente, Schutztextilien etc.). Diese Mängel müssen in den nächsten Phase angegangen werden, denn dies war nicht die letzte Pandemie.

Auf einer höheren Ebene, und einer viel schwierigeren: man muss damit rechnen, dass spätestens ab jetzt das politische und gesellschaftliche Zerstörungs- und Veränderungspotential von Pandemien bzw. Pandemie-Paniken durch internationale Mächten gezielt eingesetzt werden wird, m.a.W. es geht bereits um biologische Kriegführung. China hat es gegenüber der EU bereits im Ansatz erprobt: man lässt ein Virus entstehen und sich zunächst auch international verbreiten, bringt es in polit-theatralischer Manier im eigenen Land unter Kontrolle und nutzt die anscheinende Schwäche der EU angesichts des Überfalls mit dem Virus alsdann aus, um die EU zu spalten zu versuchen, Italien noch stärker zu kolonisieren etc. und sich als weltweiter starker Führer zu präsentieren.

Daraus haben Autoren bereits gefolgert, dass die EU (auch gegenüber der WHO) unabhängiger werden müsse. Sie müsse eigenständig Wissen erwerben, wo und wie Seuchenerreger und Seuchen  entstehen, wie sie auf die EU einwirken und wie sie autonomer  bekämpft werden können. Das erfordere u.a. bessere eigene, auch geheime Informationsgewinnung international.

Vor allem ist die kritische Aufarbeitung dessen, was die Regierungen in den letzten Monaten an politischen Veränderungen eingeleitet haben, erforderlich. Die Gesellschaft muss um ihre kulturellen Belange, um ihre Freiheit gegenüber datenkapitalistischen und datenbürokratischen, überhaupt gegenüber  autoritären Anmaßungen kämpfen.

Die internationalen, die globalen Fragen, die Fragen der internationalen Ausbeutung und der Entwicklungen zwischen arm und reich, im Inneren der Länder und global, hatten bereits vor Corona stärkere  Beachtung gefunden, aber „Corona“ wird ihre Dringlichkeit hoffentlich in vielen reichen Ländern stärker verdeutlichen.


 

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Ich verspreche jede sachlich irgendwie relevante Zuschrift dann im Anhang zu dem betr. Beitrag zu veröffentlichen, auch wenn sie mit meinen Ansichten garnicht übereinstimmen kann.

 

 

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Elemente der Diskussionen zu Corona. Medizinische, datenrechtliche und internationale politische Fragen

Die politischen Entscheidungen sind zunächst einmal abhängig von virologischen und epidemiologischen Annahmen, aber auch von den Ansichten über die richtige Behandlung Kranker und über medizinische Ethik, vom Zustand und den Kapazitäten der Altenpflege und der Krankenhäuser.

Hier gibt es sehr unterschiedliche Meinungen und wenig gesichertes Wissen, auch weil das Virus neu ist – und weil die politischen Verhältnisse im Fluss sind. Die Virologen, die Epidemiologen, die medizinischen Praktiker produzieren mittlerweile deutliche wechselseitige Kritiken; im Spiel sind aber auch die großen Unterschiede der verschiedenen Länder hinsichtlich der allgemeinen Verhältnisse wie Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems, wie Gewohnheiten des Zusammenlebens etc.  Der eigene Informationsstand der Bevölkerungen und ihre Disziplin sind außerdem von bedeutendem Einfluss auf die Möglichkeit von Vorhersagen, Planung und politischen Maßnahmen.

Ich führe im Folgenden nur einige der markantesten Beispiele von öffentlichem Dissens an, wie er in den letzten Wochen offenbar geworden ist.

Zunächst einmal weiß bisher noch immer niemand Genaues über die Zahlenverhältnisse, bspw. zum Verhältnis von gefährlich Infizierten und Gestorbenen zur Gesamtzahl der in der Bevölkerung insgesamt Infizierten, zu den Zahlen der immunen oder nur schwach betroffenen Menschen. Das gilt für die einzelnen Länder wie auch weltweit. Die meisten statistischen Aussagen scheinen bisher ungesichert bis willkürlich zu sein. Die absoluten Zahlen der Gefährdung durch CoViD19 sind ungewiss ebenso wie ihre Relativität zu den Gefährdungen durch andere Pandemien und überhaupt zu Gesundheitsrisiken aller Art.

Die Meinungen scheinen auch deutlich auseinanderzugehen, wenn man definieren will, welchen Anteil das aktuelle Virus an den registrierten Fällen von schwerer Erkrankung und Tod in Wirklichkeit  hat – ist es, wie manche drastisch formulieren, in vielen Fällen alter und bereits schwer erkrankter Patienten nur der Auslöser eines ohnehin bald zu erwartenden Ablebens? Ist es in manchen Leichen zwar nachzuweisen, war aber nicht die Todesursache? Wird man den vielen sehr alten und meist bereits kranken Menschen, die die übergroße Mehrheit all der schweren Fälle bilden, von denen die befürchteten Überlastungen der Systeme ausgehen, menschlich und medizinisch auch nur annähernd gerecht, wenn man sie der Intensivbehandlung z.B. mittels Beatmung unterzieht? Die meisten überstehen diese Behandlung als solche kaum. Viele, wenn man sie denn überhaupt informierte und entscheiden ließe, würden sie wohl wegen der Quälerei und der schlechten Chancen von vornherein ablehnen. In diese Richtung jedenfalls haben sich Lungenfachärzte, Palliativmediziner und Medizinethiker bereits deutlich geäußert.

Ich habe bis hierhin einige streitbare Meinungen wiedergegeben, die ich in Form von Äußerungen von Experten (oder auch von angeblichen Experten) in den letzten Wochen in allgemein zugänglichen Medien zur Kenntnis nehmen konnte. Ich als Nichtexperte identifiziere mich nicht mit irgendeiner dieser einzelnen Meinungen, meine aber, dass in der aktuellen Situation allgemeiner Ungewissheit es wohl besser ist davon auszugehen, dass hier erst nach und nach wichtige Elemente der Wahrheitsfindung zur Sprache kommen.

Weiter:

Ist hier vielleicht auch ein zu großer Einfluss eines bestimmten einseitigen medizinischen Denkens im Spiel? Überwiegt das Denken in Kategorien der Apparatemedizin, gibt es eine Tendenz zur Entmündigung von Patienten, ein zu starkes Interesse an äußerst kostspieligen und damit für manche Akteure höchst profitträchtigen Verfahren? Bestimmen solche Interessen die medialen Bilder des medizinischen Geschehens?

Die Politiker können wohl nicht anders als „ worst cases“  im Auge zu haben und entsprechende Vorsorge zu treffen. Da aber die „worst cases“ in Abhängigkeit von solchen Variablen steht, wie ich sie eben kurz angesprochen habe,  sind sie derzeit nur sehr unzureichend zu definieren. Der öffentliche fachliche und politische Streit  belebt sich augenscheinlich, und das ist in mancher Hinsicht nicht schlecht.

Die Politiker  müssen die ökonomischen und politischen Folgen von Quarantänen, Betriebsschließungen, Schul- und Universitätslähmungen etc. versuchen einzuschätzen, die ihrerseits voller Unsicherheiten stecken. Der hierzulande häufige Typ von Politiker stellt sich wohl auch Fragen wie: könnten in der Bevölkerung Stimmungen und Bewegungen entstehen oder verstärkt werden, die den führenden Parteien und Persönlichkeiten feindlich gegenüberstehen und bspw. das Parteiensystem gefährden, oder sich in Unruhen ausdrücken…

Jedenfalls aber muss die Politik gerade auch die großen Fragen,  bspw. den europäischen Zusammenhalts, bspw. die Beziehungen  zu China in politischer und ökonomischer Hinsicht im Auge haben und sich daran bewähren.

 

Die angesprochenen Unsicherheiten bieten reichlich Gelegenheiten, bestimmte globale politische Agenden in die aktuelle Situation hineinzumischen, die längst in der allgemeinen politischen Auseinandersetzung wichtig sind und keineswegs erst von den Fragen einer aktuellen Seuchenabwehr herrühren. Jeder Politiker, der/die jetzt öffentlich Meinungen äußert und an Entscheidungen beteiligt ist, wird auch daran gemessen werden, ob er/sie demgegenüber ein angemessenes Problembewusstsein an den Tag legen kann.

Ganz oben steht hier mE die Frage, ob und wie stark man die digitale Überwachung und die Steuerung der Bevölkerung vorantreiben darf, kann und will.

Jetzt wird unter dem label „Schutz aller vor der Seuche“ vieles angedacht und teilweise schon praktiziert, vielleicht sogar gesetzlich erlaubt werden, was die sozialen Kontakte der Bürger und ihre Mobilität betrifft. Manche fordern schon, in einer elektronisch geführten Personalakte den Gesundheitszustand, einschließlich der Willigkeit des Bürgers zur Zusammenarbeit mit dem problembeladenen medizinischen System,  seine Tests, seine Impfungen etc. IT-mäßig zu erfassen und staatlich zu verarbeiten. Daraus wollen sie das Recht für akute, aber auch für künftige Eingriffe in das Leben der Bürger ableiten, bspw. wohin sie sich bewegen, mit wem sie Kontakt haben dürfen. Große gesellschaftliche Katastrophen können zwar schwere staatliche Eingriffe in Menschenrechte notwendig machen, aber hier arbeitet man an Kontroll- und Steuerungsverfahren für das Alltagsleben, an deutlichen Beschneidungen individueller Grundrechte, die auf Dauer etabliert werden könnten. Sollen wir demnächst in Verhältnissen ankommen, wie sie in China bereits in erheblichem Umfang existieren, oder in Verhältnissen, wie sie die Silicon-Valley-Giganten in ähnlicher Weise anstreben – Erfassbarkeit und Steuerbarkeit von Leistung, Konsum und politischem Verhalten der Bevölkerung zum höheren Wohle der Milliardärsschichten?

 

Überlegungen zu den Problemen der IT-Gesellschaft im Zeichen von Corona  spielen in den mainstream-Medien anscheinend keine große Rolle, werden aber wohl von Manchen klar gesehen als eine bedeutende Weichenstellung auch für die Zukunft der EU und ihre internationalen Stellung. Es gibt eine Denkrichtung, die anstrebt, die EU künftig zur attraktivsten Zone im internationalen Wettbewerb um den Zufluss von Menschen und auch von Elementen des Kapitalismus zu machen – in diesem Sinne wäre es ein wesentlicher Baustein, dem IT-Autoritarismus a la China oder auch a la USA Regelungen entgegen zu setzen. Wie kann man z. B. die administrativen Vorteile der Datentechnik mit der Bewahrung der individuellen Freiheit und dem Schutz von Elementen der Demokratie verbinden?

Kapitalistische Krise und Corona

Die ökonomischen Systeme der Welt hatten sich, unabhängig und längst vor der Coronakrise, erneut als krisenanfällig, fragil, reif für drastische Erschütterungen, Zerstörungen und allgemeine Wohlstandsabstürze erwiesen. Es geht um die inneren ökonomischen Systeme einzelner Länder wie Deutschland, auch um die Europas; es geht um die gerade für Deutschland  ökonomisch existentiellen globalen Beziehungen, namentlich den  Verbund mit China, es geht um die enormen inneren Schwächen der USA und Chinas selber, schließlich auch um überwölbende System wie das internationale Finanzkapital.

Ein Beispiel ist die deutsche Autoindustrie, die zusammen mit ihren Zulieferern, Händlern etc. im Lande den wichtigsten Wirtschaftszweig und die Existenzbasis eines erheblichen Teils der Bevölkerung bildet. Zudem ist sie, wie das Beispiel des VW-Konzerns zeigt, der den größeren Teil seiner Profitabilität seinem China-Geschäft verdankt und, wie die anderen Firmen auch, aus aller Herren Länder, insbesondere auch aus den östlichen Ländern der EU, Zulieferungen bezieht, international extrem verflochten. Dieser Zweig der deutschen Ökonomie musste bereits deutlich vor dem Auftreten der Coronaprobleme zugeben, dass es nach unten gehen wird mit Beschäftigung, Löhnen und Gewinnen; man ist anscheinend technologisch ins Hintertreffen geraten hinsichtlich der Antriebe (wie Elektromotoren, Brennstoffzelle) und möglicherweise auch der Digitalisierung, und die Aussichten für das globale Geschäft, vor allem mit China und den USA, können angesichts der Verschärfungen v.a. zwischen den USA und China nur nach unten zeigen. Wenn jetzt im Zeichen von Corona staatliche Geldströme (Kurzarbeitergeld, Kredite zur Pleiteprophylaxe etc.) in beispielloser Fülle fließen sollen, dürften sie nicht nur zur Überbrückung kurzfristiger coronabedingter Schwierigkeiten, sondern erheblich auch zur Überdeckung schwerer politischer Fehler der Eigner und Manager der deutschen Automobilindustrie sehr willkommen sein.

Eine ganze Reihe weiterer, schon lange virulenter Fragen des ökonomischen und sozialen Lebens werden in der Corona- und Postcorona-Epoche drängender und könnten vielleicht in der öffentlichen Auseinandersetzung sogar im positiven Sinne intensiver behandelt werden. Dazu gehören Fragen wie:

  • wie geht dieser Gesellschaft mit den Alten und Pflegebedürftigen um, welche Zustände in Heimen und in der Pflege allgemein haben sich eingeschlichen und müssen gründlich verbessert werden?

 

  • Wie steht es mit dem allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung und ihrer gesundheitlichen Aufklärung?

 

  • Hat das Gesundheitssystem genügend Kapazitäten, ist das Personal ausreichend und ausreichend ausgebildet, sind die Magazine für Notfälle angemessen gefüllt?

 

  • Wie weit ist die Zersetzung durch die kapitalistische Profitorientierung schon gekommen, bspw. angesichts der Mängel an Forschung zu Medikamenten der Seuchenbekämpfung, seitens von Big Pharma? Oder angesichts des Kaputtsparens, wie es sich bspw. in den Krankenhäusern zeigt, weniger wohl in Deutschland als in vielen anderen Ländern, besonders verheerend anscheinend z. B. in Italien? Oder angesichts des Versickerns staatlicher Mittel in korrupten und mafiotischen Strukturen, wie es, vor allem wieder am Beispiel des unglücklichen Italien, sich erneut zeigt und eine Gefahr für die ökonomischen und moralischen Qualitäten der EU überhaupt darstellt?

Auch auf höchster globaler Ebene liefert die Coronakrise reichlichen Zündstoff. Die unterschiedlichsten Konflikte werden verschärft, bspw. die Rivalität zwischen China und den USA; auch das Ausgreifen Chinas, bspw. unter dem Etikett „Neue Seidenstraße“ nach Europa wird deutlich aggressiver. Aus den USA ihrerseits meldet sich jemand wie Bill Gates mit seinen problematischen globalen Vorstellungen medizinischer, kapitalistischer und politischer Art und seinem milliardenschweren Einfluss auf die WHO. Ihnen und noch vielen weiteren Akteuren gibt die Krise reichlich Gelegenheit, verschärft um Erfolge zu kämpfen.

Das Augenmerk richtet sich auch unwillkürlich auf die weitgehende Ausgeliefertheit großer Teile der Weltbevölkerung, bspw. des Kontinents Afrika, an Gesundheitsgefahren. Dort existieren bekanntlich die elementarsten Dinge nicht oder kaum; wenn nun dort Millionen wehrlos von dieser und anderen zukünftigen Seuchen dahingerafft werden sollten, bekommt die Frage, warum das so ist, warum dort die Armut und das Unwissen und hierzulande so etwas wie Reichtum und soziale Systeme herrschen, noch mehr Aktualität.

Den hier genannten Fragen sieht man direkt an, dass ihnen auch positive Impulse entspringen können. Es ist nicht vorherbestimmt, dass die Interessen der Datenschnüffler und Bevölkerungs-Manipulateure wesentlich vorankommen; nicht, dass die großen kapitalistischen Profiteure (nicht nur im medizinischen Bereich) sich auf Kosten der Allgemeinheit weiter stärken; nicht, dass die rivalisierenden großen Mächte ihre Einflüsse verstärken können, wie sie das anscheinend durch „Corona“ jetzt gern erreichen würden.


 

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Merkwürdige Forderungen von Bill Gates zu Corona

Bill Gates, der bekannte Milliardär, der sich mit dem Geld seiner Stiftung u.a. auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik betätigt, hat kürzlich in einem TED-Interview sehr spezielle Ansichten  geäußert, wie das Coronavirus zu bekämpfen sei. Hier eine kritische Beleuchtung seiner Äußerungen durch die Redaktion des OffGuardian, eine deutsche Übersetzung findet sich auf „Rubikon“.

Anscheinend fordert Gates, dass die Pharmaindustrie in nie dagewesenem Umfang Mittel entwickelt, mit denen möglichst große Teile der Weltbevölkerung getestet und geimpft werden sollen. Diese Maßnahmen sollen dann Teil der amtlichen persönlichen Identität der Menschen werden. Wie stark und wie erfolgreich Menschen sich derartigen Programmen unterzogen haben werden, soll dann den Regierungen Handhaben liefern, Rechte der Individuen einzuschränken, bspw. welche Mobilität gestattet wird.

Dass die Pharmaindustrie mit solchen Programm enorm wachsen und entsprechende Profite erwarten darf, scheint ebenfalls von Gates gewünscht zu werden.

Von Alternativen in der Auseinandersetzung mit dem Virus, bspw. der wissenschaftlichen Erfassung der eigenen Immunentwicklung des menschlichen Organismus und der daraus folgenden differenzierten Erfassung  der wirklich Gefährdeten und ihrem Schutz  durch das Gesundheitssystem, scheint Gates nichts zu halten.

Der Artikel des OffGuardian lenkt auch die Aufmerksamkeit auf den anscheinend sehr starken Einfluss von Gates und seinem Geld auf die WHO.

Ich hatte in meinen ersten Beiträgen zur Coronapanik die Meinung formuliert, dass da auch massive Interessen an kapitalistischem Profit und an stärkerer staatlicher Gängelung und Kontrolle der Bevölkerung eine motivierende Rolle spielen dürften. Gates hat für diese Aspekte hier anscheinend ziemlich massives Anschauungsmaterial geliefert. Der Kreis der Interessen, von Profitaussichten über die Entdemokratisierung der Gesellschaften bis zum Austrag internationaler Rivalitäten ist allerdings wesentlich breiter und zum Teil auch verschlüsselter bei öffentlichen Äußerungen als ein Gates.

 

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