Ein US-amerikanischer Roman: Rachel Kushners „Ich bin ein Schicksal“

[kleine Verbesserungen eingefügt am 23.8.19 abends]

In den vergangenen Sommermonaten habe ich unter anderen Büchern einen Roman der US-amerikanischen Autorin Rachel Kushner gelesen, „Ich bin ein Schicksal“, Titel der amerikanischen Ausgabe „The Mars Room“.

Das Werk konfrontiert den Leser mit Schicksalen und Ideen, die ihm tieferes Nachdenken über unsere Gesellschaft und ihre US-amerikanische Variante mit einiger Dringlichkeit abverlangen.

Gruppiert um die fiktive Figur Romy Leslie Hall, die lebenslang sitzt, weil sie einen stalker erschlagen hat, werden die Lebensentwicklungen mehrerer verurteilter Personen, die in Haftanstalten des US-Bundesstaates Kalifornien gelandet sind, ausführlich beschrieben. Auch zwei Nicht-Inhaftierte, der Stalker Kurt Kennedy und der Sozialarbeiter Gordon Hauser, werden ausführlich porträtiert. Daneben in knapperer Fassung viele andere Personen wie Romys Mutter; ein zeitweiliger Partner; ihre bewunderte Jugendfreundin Eva und deren erbärmliches Ende in der Drogensucht….

Im Folgenden möchte ich ein paar Beobachtungen und Fragestellungen zu dem von Kushner geschilderten Gesellschafts-Ausschnitt formulieren. Sie sind wahrscheinlich nicht gut erfassbar für jemanden, der das Buch nicht selbst liest; aber eine Inhaltsangabe würde dem Buch ohnehin nicht gerecht.

 

Die Inhaftierten und auch das Totschlagsopfer von Romy, ihr Stalker, sind einander zunächst einmal ähnlich in dem Punkt, dass sie an sich selbst keine sittlichen Maßstäbe anlegen. Außer der Aktivität, die sich jeweils gerade anbietet zum persönlichen Vorteil oder Genuss oder als spontane reaktive Handlung aus einer spannungsreichen Situation heraus (wie der Totschlag an dem Stalker), wird  kein Verhalten geschildert, das darüber hinaus ginge; die Personen reflektieren sich und die Gesellschaft nicht, sie fühlen keine gesellschaftlichen Verpflichtungen, setzen sich keine Ziele außer dem unmittelbaren Vorteil und dem Überleben.

In ihrem Interview in der „FAZ“ zu dem Buch äußert sich Kushner in dem Sinne, sie habe das Leben derjenigen veranschaulichen wollen, die keine Chance zum Aufstieg hätten; es seien Menschen ohne eine Perspektive, je in die „Mittelschicht“ aufsteigen zu können. Wenn man hingegen zwar arm, aber gebildet sei (wie sie selbst oder ihre Figur Gordon Hauser), stehe einem diese Möglichkeit offen.

Im Interview sagt Kushner auch, das Buch sei eine Abrechnung mit den riesigen Unterschieden in der Gesellschaft. Der ursprünglich gewählte Titel „Ich bin ein Schicksal“ (der dann nur für die deutsche  Ausgabe geblieben ist), sei ein Zitat von Nietzsche.

„Das Schicksal einer Person ist vorherbestimmt, man kann nicht viel dagegen tun. Mir war schon sehr früh klar, dass das Leben der Menschen um mich herum anders verlaufen würde als meins, aber warum das so ist, werde ich vielleicht nie verstehen,“ so Kushner im Interview.

 

Romy allerdings, die meist ähnlich wie ihre Mitgefangenen agiert hat und agiert, weicht doch davon auch ab wegen ihrer Bindung an ihren Sohn. Sie kämpft um die Möglichkeit, Kontakt herzustellen; möglichst seine Situation zu verbessern, und schließlich zeigt sie ungewöhnliche Intelligenz, Planung und Energie, um auszubrechen und zu ihm zu gelangen, weil sie sich für ihn verantwortlich fühlt.

Die Präsentation, die  Kushner von dieser ihrer Zentralfigur gibt,  geht abschließend allerdings noch weit darüber hinaus. In einer Art abschließender “Apotheose“  formuliert Romy ihre Mutter-Rolle umfassend, aber gesellschaftlich-kosmologisch übersteigert:

„I gave him life. It is quite a lot to give. It is the opposite of nothing. And the opposite of nothing is not something. It is everything.” (336)

In diesen Sätzen kann man verschiedene Aussagen vermuten. Ich verstehe den letzten als Übergang von einem Einzelnen (Geburt, Mutterschaft, Fürsorge für das Kind) zum Allgemeinsten, das hier wohl als etwas wie Lebensstrom aufgefasst ist.

Vielleicht ist die Vorstellung Kushners auch die: in diesem Strom passiert eben allerhand, u.a. das viele Unschöne, das nun einmal passiert und passiert ist, aber das ist eben der Weg („rail“) der Individuen, den kann und soll man nicht bedauern. S. 334, eingangs der Schlussapotheose, heißt es:

“All the talk of regret. They make you form your life around one thing, the thing you did, and you have to grow yourself from what cannot be undone: they want you to make something from nothing. They make you hate them and yourself. They make it seem that they are the world, and you’ve betrayed it, them, but the world is so much bigger.

The lie of regret and of life gone off the rails. What rails. The life is the rail. It is its own rails and it goes where it goes. It cuts its own path. My path took me here.” (334)

Man muss dies nicht als die Philosophie der Autorin verstehen, sondern man kann es –  methodisch streng – nur als die Philosophie der Hauptfigur nehmen, die ihr von der Autorin in den Mund bzw. den Kopf gelegt wird. Wenn die Autorin jedoch diese Philosophie zum Ausdruck kommen lässt im Moment wo ihre Hauptfigur ihr bislang  erbärmliches Leben durch die Tat transzendiert und in dieser Tatenfolge seine Rechtfertigung begreift bzw. wenigstens beansprucht; im Moment, wo alle traurigen biografischen Komplexe des Buches ganz nach unten absacken in einer begeisterten Schau eines – vermeintlichen ­ – Ganzen, dann scheint diese Philosophie doch kaum oder gar nicht seitens der Autorin relativiert, sondern sie wird erheblich affirmiert.

Es gibt ein paar Situationen, Momente, von spontaner Mitmenschlichkeit in diesem Ozean von Asozialität und niedrigem Egoismus: vor allem eingangs, wo bei der Ankunft in der Strafanstalt eine junge mitgefangene Gebärende spontane Hilfe durch Romy und einige Mithäftlinge erfährt, die sich dadurch dem Personal widersetzen und sich Strafverschärfungen einfangen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen; (…..vielleicht auch der Moment, wo „Doc“, unter den Strafgefangenen die einzige männliche ausführlicher porträtierte Person, einen Kindesmissbraucher in flagranti erschießt.)

Die Hilfe für die Gebärende: diese Situation  hat, sicherlich von Kushner bewusst komponiert, thematischen Bezug zur Schlussapotheose Romys: Leben zu geben hat absolute Würde. In gewisser Weise logisch im Rahmen einer Philosophie, die das Leben als solches von sonstigen gesellschaftlichen Regeln absolutiert und jegliche Lebensäußerung, wie asozial sie auch sei, als eben eine solche als gerechtfertigt oder jedenfalls als zu akzeptierende sieht.

Die Gesellschaftlichkeit der übrigen Figuren entwickelt, konkretisiert sich durch ihre egoistischen Handlungen und Reflexionen, die gelegentlich durch – unerklärte – idividuelle Freundschaftlichkeiten aufgelockert, aber doch eben dadurch bestätigt werden. Eine übergeordnete Gesellschaftlichkeit erscheint in diesem Buch fast durchweg als Negatives: der Justiz- und Gefängnisapparat, die „they“, diese Gewalttäter, menschliche Regungen bestrafenden Moralisten, die die Gefangenen damit nerven zu sagen: ‚hättest Du Dir ja früher überlegen sollen, dann wärest Du nicht hier gelandet, du Dreck‘.

2. Natur vs. kapitalistische Zivilisation

Eine andere, eine gesellschaftstheoretisch-kosmologische Dimension dieses Buchs erscheint in der Schilderung der Beziehungen einzelner Individuen von Kushners Handlung zur Natur. Naturbeziehung erscheint hier im Prisma von Thoreau, dem Unabomber und der fiktiven Figur Gordon Hauser, der quasi thoreautisch zu leben beginnt (91 f.) , und auch, wiederum in der Schlussapotheose, in der zeitweiligen Verheimatung Romys in einer Wildnis, in die sie nach ihrem geglückten Gefängnisausbruch flieht. Kontrastierend dazu bekommt der Leser immer wieder Streiflichter auf eine denaturierte, kapitalistisch-kommerziell durchorganisierte Natur, das Agrobusiness Kaliforniens.

Thoreau empfand wohl als bedrohlich den wachsenden Zugriff des Kapitalismus auf die Natur (Eisenbahn…) und experimentierte mit Verneinung der Warengesellschaft, Naturnähe und Genügsamkeit (dass er auch ein prinzipieller Gegner der Sklaverei war, der im Kampf dagegen zu Militanz und Feindschaft gegen den Staat bereit war, kommt bei Kushner allerdings nicht vor). Die Charaktere im Buch hingegen sind in der Wüste der Welt der billigen und zerstörerischen Waren (Drogen als Hauptbeispiel) und der billigen vom Kapitalismus angebotenen Zerstreuungen gefangen und kommen nicht auf die Idee, das Leben anders anzufangen.

Der radikale Opponent, viel radikaler als Thoreau, ist bei Kushner der Unabomber – als ob das eine Alternative wäre.

Es wird indirekt oder auch direkter von Kushner eine Verherrlichung der Wildnis betrieben, allerdings kein Aufruf zur Zerstörung der kapitalistischen Zivilisation, wie seitens des Unabombers. Problematisch ist mE allerdings, dass dieser als möglicher Gegenpol zur Naturzerstörung durch die (kapitalistische?) Zivilisation ausführlich zitiert wird.

Immerhin ist es in der größeren Naturnähe, dass bestimmte Figuren etwas bewusster ihren Weg finden: Romy in der Schlussapotheose, Hauser in seiner eigenen thoreautischen cabin.

Die Gestaltung des Widerspruchs zwischen Natur (hier von Kushner als Wildnis aufgefasst) und kapitalistischer  Zivilisation bleibt bei Kushner quasi stecken; einige Widerspruchsexponenten erscheinen, sodass der Leser etwas merken soll, aber die inneren Widersprüche der Thoreau, Unabomber, Hauser werden nicht entwickelt. Kulturlandschaft als produktive Entwicklung solcher Widersprüche erscheint hier nicht. Kann es sein, dass die US-Amerikaner mit ihrem Dummkapitalismus nicht weiter kommen als zu Thoreau bzw. einem Unabomber und ewig diese Positionen durchkäuen?

Welche Beziehung hat R. W. Emersons mystisches All- und Allmachtsgefühl zur Schlussapotheose bei Kushner? Ist diese eine Exemplifizierung dieses „transzendentalistischen“ Gefühls, oder eine Weiterentwicklung derartigen Ansatzes? Kann man den überhaupt weiterentwickeln?

Verwunderlich ist jedenfalls die unreflektierte Direktheit solcher mystischen Anwandlungen, die Abwesenheit literarischer Raffinesse, die aus einer Beschäftigung mit kritischer Philosophie resultieren würde. Vielleicht ist auch das typisch US-amerikanisch?

 

3. Sexualität und Warengesellschaft

Romy geht mit Sex rein warenförmig um. Ausnahme vielleicht die Mitteilung, dass sie mit Jimmy Darling für eine kurze Zeit einmal vielen und guten Sex hatte;  anscheinend als Teil einer Beziehung mit einer stärkeren individuellen menschlichen Komponente. Merkwürdig schräg dazu –  zu der fast durchweg praktizierten Beziehungslosigkeit Romys bei ihren prostitutiven Aktivitäten oder überhaupt beim Sex mit einem Mann – steht der von Kushner betriebene oder wenigstens angedeutete Kult der Mutterschaft. Der Vater von Romys Sohn ist auch nur so ein vorübergehendes, im Grunde verächtliches Subjekt. Hat Mutterschaft denn nur eine mechanisch-punktuelle Beziehung zur Männlichkeit?

 

4. Fragen zum US-amerikanischen Kapitalismusmodell

Gibt es in Kushners Roman Konkretisierungen ihrer allgemeinen Sozialkritik auf das US-amerikanische Kapitalismusmodell? Von welchen eigenen sozialtheoretischen Positionen gehen diese Kritiken aus? Sind die wiederum selbst auch „typisch US“? Die Passage über Country Music und Nixon ist eine der interessantesten und direktesten (S. 303-06).

In Kushners Schilderung eines Festivals der Country Music werden 12 Songs mit ihren Interpreten benannt, die 1974 bei der „Grand Ole Opry“ aufgeführt wurden, nachdem der vormalige Präsident Richard Nixon, damals „bereits in Ungnade gefallen“, das Publikum begrüßt und die danach zu hörende Country-Musik über den grünen Klee gelobt hatte: sie sei Herzstück der amerikanischen Seele, verkörpere einfache Werte: Liebe zur Familie, zu Gott und zur Nation. Traditionell, patriotisch und christlich sei diese Musik. So amerikanisch, wie es nur geht, „Sie spiegelt die Werte wider, die unseren Charakter definieren…“. Derartig sind die Worte, die Nixon hier in den Mund gelegt werden (oder ist dieser sein Auftritt ein historischer Fakt?)

Dann aber geht’s zur Sache, nämlich wovon diese Musik tatsächlich handelt.

Teilweise  führt Kushner nur die Interpreten und die einzelnen Titel an, teilweise gibt sie eine knappe Inhaltsangabe. Letztere schon sind an Krassheit schlecht zu überbieten. Die anderen kann man leicht über Youtube abrufen. Wenn man zusammenfassen wollte, wovon sie alle handeln, müsste man von der grundsätzlich scheiternden individuellen Existenz sprechen, von Trunksucht, Psychose, von Morden, Eifersucht, Verbrechen und anderen Entgleisungen.

Diese Seiten sind wohl die direkteste Kritik Kushners an der US-Gesellschaft und der Verlogenheit ihrer politischen Repräsentanz.

Vielleicht oder wahrscheinlich ist das Genre Country Music auch durch das Verhältnis Text-Musik besonders sprechend. Die desolaten gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen die Texte handeln, werden in einer einfältig daherkommenden, meist von einem dämlichen Dur-Optimismus getönten musikalischen Leier vorgetragen, als seien es niedliche Geschichtchen, die so nebenbei ins Ohr tröpfeln.

Wenn Nixon tatsächlich gemeint haben sollte, das Genre sei ur-amerikanisch, hatte er wahrscheinlich recht, doch die quasi-religiöse, erbauliche und patriotische Kraft, die er ihm zuschreibt, ist hier im Konkreten der angeführten Musiktitel  nicht wiederzufinden, sondern etwas ganz Anderes. Oder ist diese Ausgeliefertheit an das individuelle Scheitern, die Vorherbestimmtheit des Abgleitens in Sucht, Verbrechen und Brutalität etwa die tatsächliche religiöse Predigt? Das letzte Wort der US-Mentalität? Oder der US- kapitalistischen Mentalität?

 

Kushner unterlässt hier wie andernorts eindeutige sozialtheoretische Aussagen, Definitionen der geschilderten Verhältnissen; sie schildert Erlebtes bzw. Dokumentiertes und überlässt dem Leser das Nachdenken – zu dem sie gleichwohl nicht wenige Anstöße gibt  in direkterer oder indirekterer Weise.

Ich nehme an, dass viele Kritiker hier hohe literarische Qualität diagnostizieren würden oder werden, möchte ihnen aber nicht vorgreifen, denn ich kenne mich in Literatur, bei den Romanschreibern kaum aus. Möglicherweise verfährt Kushner auch eklektisch unter dem Eindruck früherer literarischer Werke über Fragen von Schuld und Verantwortlichkeit, Gesellschaft und Verbrechen. Sie nimmt stellenweise ausdrücklich Bezug auf Dostojewski, Nietzsche,  Norman Mailer und andere. Kundigere als ich mögen sich mit diesen Beziehungen befassen.


 

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Eurasische geschichtliche und vorgeschichtliche Zusammenhänge

Ein ausführliches Interview mit einem jungen Forscher über Probleme der Runenforschung.

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Harald Welzer optimiert die Idylle – Notizen zu „Alles könnte anders sein“

Bemerkungen zur Harald Welzers Buch „Alles könnte anders sein“ „Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“. (S. Fischer Ffm., 2019)

Welzer erfreut den Leser mit kritischen Bemerkungen zu vielen Fehlentwicklungen und Absurditäten heutiger kapitalistischer Gesellschaften, an die er praktische Vorschläge anschließt, wie man es mit zumutbaren Portionen von Engagement für die Natur und das menschliche Zusammenleben in unserem heutigen Deutschland oder Europa besser machen könnte. Das ist wortgewandt, witzig und oft sympathisch. Er karikiert immer wieder treffend die zunehmende Unterordnung des individuellen und sozialen Lebens unter die Warenlogik des Kapitalismus, die abnehmende Fähigkeit so mancher Menschen, ihre Lebensaktivität anders als in entfremdeter Arbeit und ebenso entfremdetem Konsum irgendwelcher vom Kapitalismus angebotener individualistischer Glückshäppchen zu entwickeln.

Weniger einleuchtend, befremdlicher, ja von Grund auf durcheinandergeraten wirken Abschnitte über tiefergehende Fragen, denen Welzer nicht völlig auszuweichen sich erlaubt, z.B. zur Geschichte der Menschheit, zur Frage der Weiterentwicklung der Zivilisation, zum heutigen globalen Kapitalismus, zum Gegensatz zwischen arm und reich im Weltmaßstab, zu den internationalen Gegensätze zwischen den führenden Mächten. Welzer ist jedoch solchen Fragestellungen nicht gewachsen. Sein rascher Witz, sein praktischer Sinn reichen nicht in diese Dimensionen.

Wie behandelt Welzer bspw. die Frage arm-reich auf globaler Ebene? Er konstatiert zunächst eine „im Lauf der Menschheitsgeschichte“ verbesserte materielle Basis für „relativ immer mehr Menschen“, die es ihnen ermöglicht, „über die schiere Überlebenssicherung hinaus andere Bedürfnisse.. entstehen“ zu lassen, m.a.W. Zivilisation, Kultur, Freiheit in der aktiven Gestaltung des Zusammenlebens zu entwickeln. „Allerdings ist die schiere Not des Überlebens für viele Menschen immer noch nicht abgeschafft, in absoluter Zahl: Für etwa eine Milliarde Bewohnerinnen und Bewohner der Erde ist Lebenssicherheit  nicht gegeben. Damit wäre man bei einer minimalen Voraussetzung für das Gelingen einer nächsten Moderne: Sie muss danach streben, ein menschenwürdiges Leben für alle zu gewährleisten.“  (99/100) [i]

Man muss Welzer fraglos zustimmen, wenn er schreibt:

„Hier stehen ganz offensichtlich Bedürfnisse der einen gegen Bedürfnisse der anderen, und die Überlebensbedürfnisse der einen scheinen die Komfortbedürfnisse der anderen zu bedrohen. Das reicht schon für die Aktivierung von Gegenmenschlichkeit.“ (105)

Ich unterstelle zu Welzers Gunsten, dass er hier der Tatsache nicht ausweichen will, dass in den armen Ländern große Teile der schweren Arbeit gemacht werden, der große Schichten in den reichen Ländern ihren relativen Komfort verdanken. „Gegenmenschlichkeit“ ist sein Ausdruck für die fundamentale Inhumanität dieser kapitalistischen globalen „Ordnung“.

Im Angesicht und trotz  dieser Feststellung entlässt Welzer den Leser jedoch anschließend in ein Reich vagster Konzepte wie einer „Selbst-Deprivilegierung der reichen Länder“ (100) und einer Schaffung global durchzusetzenden Umwelt-, Eigentums- und Steuerrechts, allgemeiner noch: eines globalen „zwischenstaatlichen Gewaltmonopols“ (131), das Krieg als Mittel internationaler Politik ausschließen würde.

„..ein gutes Leben für alle im Sinne einer universellen Durchsetzung der Menschenrechte kann ohne zwischenstaatliche Gewaltregulierung gar nicht gedacht werden. Das Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt der Moderne erfordert also eine Ausweitung der Perspektive auf das internationale Recht und insbesondere auf die Schaffung international handlungsfähiger Institutionen, die solche Recht auch durchsetzen können.“ (132)

Mit anderen Worten: Welzer hat keine Ahnung von den internationalen machtpolitischen Realitäten. Das deutet sich schon an, wenn er bestimmte existierende internationale Institutionen anführt als vermeintliche Vorstufen der in seiner Sicht anzustrebenden, viel stärkeren internationalen politischen Integration, „das Kriegsrecht, das Völkerrecht, den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag“ (131). Diese Rechtssysteme sind, wenn man sie  als erste Bausteine internationaler Gleichberechtigung von arm und reich, von stark und schwach anführen wollte, wie Welzer das hier tut, historische Fehlschläge. Sie sind praktisch Null, wenn irgendwelche Interessen von Großmächten wie den USA mit ihnen kollidieren, fungieren aber für naive Leute in reichen Ländern anscheinend als Gewissens-Sedativa.

Wie die Entwicklung der EU zeigt (die von Welzer als Beispiel gern angeführt wird), ist die Entwicklung internationaler Rechtssysteme und ihre Durchsetzung, die Schaffung relativ starker supranationaler Regierungsmacht tatsächlich möglich – in Teilbereichen des Globus, und als Gegenwehr gegen Vergewaltigung durch Größere. Aber wie soll man sich vorstellen können, dass bspw. China und die USA in ihrem konkurrierenden Streben, sich den Reichtum der Welt für ihre Milliardärsschichten und für die Dämpfung ihrer inneren gesellschaftlichen Widersprüche zu erschließen, gegenseitig und auf Dauer der Gewalt entsagen? Dass in den Beziehungen zu armen Ländern, Lieferanten billigster Arbeitskraft und geraubter Rohstoffe, reiche kapitalistische Länder sich Schiedsverfahren (vor wem?) unterziehen, „Selbst-Deprivilegierung“ durchführen und künftig ihren Reichtum auf die armen Regionen, sagen wir z.B. Indonesien oder Afrika, umverteilen, so dass diese nach und nach gleichziehen würden?

Diese billige, abgelutschte, illusionäre Art von Internationalismus oder Weltregierung, wie sie Welzer hier einmal mehr zu offerieren sich nicht schämt, ist nichts weiter als Ausweichen, Drumherumreden. Er erkennt verbal an, dass es letztlich keine humane Gesellschaft geben kann, wenn die globale Ausbeutung der Schwächeren und die Gewalt gegen sie  weiterhin zu den Grundlagen von relativer Zivilisiertheit und Wohlstand in einigen starken Ländern  gehören, verwendet aber keinen einzigen tiefergehenden Gedanken darauf, wie man Schritte aus diesem Grunddilemma von Zivilisiertheit und Moderne heraus konzipieren könnte. (Dass außerdem die Starken untereinander rivalisieren und weiterhin die großen Kriege zwischen ihnen drohen, blendet Welzer sogar komplett aus.)

Anständig wäre die Anerkenntnis, diese Schritte noch nicht zu kennen, aber tiefer an den Problemen arbeiten zu wollen. Unanständig ist die Fantasie, irgendwie könnten schon die internationalen übergeordneten Institutionen zustande kommen, die dann die Dinge regeln und den Naturschützer oder Ehrenamtler eines reichen Landes wie Deutschland von seinem schlechten Gewissen hinsichtlich internationaler Verhältnisse befreien. Ich spreche mich wohlgemerkt keineswegs gegen Naturschutz und soziales Engagement in einem reichen Land wie Deutschland aus, wohl aber gegen die eigensüchtige Verengung des Problembewusstseins, wie sie Welzer hier selbst repräsentiert. Für Naturschutz und soziale Verbesserungen engagieren sich viele Mitbürger in der Tat auch international, bspw. in Afrika, und ich habe großen Respekt für ihren Einsatz. Das Wichtigste aber wäre, mehr politisches Bewusstsein für die realen Machtverhältnisse und Interessengegensätze auf der globalen Ebene zu entwickeln, und dafür gibt Welzer ein leider deutliches Gegenbeispiel.

Typisch übrigens für die Tendenz, bei der Erörterung der problematischen Beziehungen der reichen zu den armen Ländern die fundamentalste Frage an den Rand zu schieben, nämlich die nach den Arbeitslöhnen dort, sind solche Passagen wie die ab S. 229 über „Internalisierung“ der – kapitalistischen  – Kosten. Die Umweltschäden der globalisierten Produktion in den schwachen Ländern finden hier sehr viel Beachtung, die sozialen Schäden durch die Extremausbeutung der Arbeitskräfte kaum. Zwar darf S. 237 auch einmal die Vision angedeutet werden (in einer Studie, die Welzer nicht selbst verfasst hat), dass die „globale proletarische Reservearmee“ eines Tages nicht länger ‚missbraucht‘ werde; aber wie man dahin kommen könnte, bleibt unerörtert. (Übrigens ist der Ausdruck „Reservearmee“ theoretisch falsch. Die Proletarier Chinas und anderer Länder der früheren kolonialen Welt sind für das globale Kapital heute unersetzliche Hauptkontingente der globalen Arbeit.)

Es gibt mehrere weitere Felder, auf denen Welzer wohlmeinend daherkommende, aber unverbindliche und sozialtheoretisch bodenlose Erörterungen versucht, bspw. mit seiner Forderung einer völlig uneingeschränkten internationalen Migration oder nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE).

Zur Frage der Migration:

Die uneingeschränkte Migration setzt das Prinzip des Nationalstaats mit seinen definierten und zu verteidigenden Grenzen außer Kraft. Das gibt Welzer teilweise zu; es sei aber nix Schlimmes, denn der Nationalstaat mit seinen Grenzen sei sowieso ein geschichtlich ziemlich neues und heute bereits veraltetes Konstrukt. Hier kann man u.a. folgenden Unsinn lesen: „…Kriege beginnen in der Regel durch Grenzverletzungen, also den Angriff auf eine behauptete territoriale Integrität am Boden oder in der Luft. Sie schützen nicht, sie gefährden.“ (149) ‚Grenzen weg, dann können die meisten Kriege erst gar nicht mehr anfangen‘ – danke für diesen erleuchteten Beitrag zum Pazifismus, Herr Welzer !

Der Nationalstaat ist sicher nicht das letzte Wort in der Geschichte der menschlichen Vergesellschaftung; und dass in der jüngeren Vergangenheit so viel mehr Menschen lernen, nationalen Chauvinismus zu verachten, mit den Menschen anderer Nationalitäten, ohne Vorurteile und ohne Vorrechte zu beanspruchen, in Austausch zu treten und internationale kulturelle und politische Gemeinsamkeiten zu entwickeln, ist zweifellos ein großer historischer Fortschritt. Gleichwohl bedeutet Nationalstaat in den meisten Fällen noch immer nicht nur veraltete Barriere, sondern auch ein gewisses Maß an Demokratie, an Mitwirkungspflichten und an Garantien von Mitwirkungsrechten und sozialen Rechten für die Bürger eines Nationalstaates. Diese Charakterzüge haben sich in Europa über viele Jahrhunderte im Zusammenhang mit der Bildung von Nationalstaaten, nationalen Gesellschaften mit ihren je eigenen Prägungen und ihren Grenzen entwickelt. Wenn Welzer den Nationalstaat als verzichtbare historische Eintagsfliege porträtiert, zeugt das von historischer Unbildung und Verantwortungslosigkeit.

Welzer fordert die bedingungslose Migration und erklärt, die Migranten bräuchten nicht die Nationalität der aufnehmenden Nation anzunehmen, sondern könnten arbeiten, wo immer sie wollten, Geld in ihre Heimat überweisen und dann irgendwann wieder gehen. Faktisch fordert er damit ein massenweises Nebeneinander in der Bevölkerung von Menschen mit politischen Rechten und Pflichten und solchen ohne dieselben. Wie dergleichen ohne massive Ausbeutung der Rechtlosigkeit der Migranten bspw. durch Arbeitgeber laufen soll, wie andererseits auch vermieden werden soll, dass Massen von Menschen in Ländern zeitweilig leben, die sie nicht kennen, nicht kennen zu lernen brauchen (abgesehen von ihren direkten Arbeitsverhältnissen) und an deren Entwicklung sie keinen verantwortlichen Anteil nehmen, darauf verwendet Welzer keinen Gedanken.

„Denn mit der Teilnahme am Arbeitsmarkt sind ja nicht automatisch staatsbürgerliche Rechte und Pflichten verbunden“, vermerkt er ausdrücklich S. 204. Von hier ist es nicht mehr weit zu der radikalen neoliberalen Forderung, dass nicht nur das Kapital weltweit ungehinderte Freizügigkeit genießen, sondern auch die Arbeitskraft nach Kapitalsbedürfnissen international in großem Stil verschiebbar gemacht werden müsse.

Welzer bemerkt zurecht, dass ein erheblicher Teil der Bürger reicher Länder seinerseits das Recht fordere und praktiziere, sich ohne fundamentale politische und soziale Verpflichtungen in jedes andere Land begeben zu können, als Touristen, als Studenten; oder auch, was er nicht erwähnt, als Kapitalisten, die in anderen Ländern Geschäfte machen, Niederlassungen gründen etc. (wofür immerhin im Allgemeinen die Anerkennung der betr. nationalen Gesetze erforderlich ist). Daraus  kann man aber so etwas wie ein – vermeintliches – Spiegelbild nicht ableiten: dass eben die Menschen aus ärmeren Ländern gleichermaßen überall hin wandern können dürften. Die negativen Folgen für die politischen und sozialen Verhältnisse in den Zielländern, und zwar für diejenigen Strukturen, die die Arbeitskraft noch einigermaßen schützen und die Bildung von gleichgültigen oder sogar feindlichen Subkulturen verhindern sollen, habe ich bereits angedeutet. Die Folgen für die Länder, aus denen die Migranten kommen, bedenkt Welzer gar mit keinem Wort. Diese Länder verlieren bei uneingeschränkter internationaler Mobilität einen Großteil ihrer energischen Jugend und ihrer wenigen Fachkräfte. Das Geld aus den Rücküberweisungen kann solche Verluste nicht ersetzen, diese Länder werden in ihrer eigenen Entwicklung geschädigt und das ausbeuterische Verhältnis reich/arm wird auf diese Weise verstärkt.

Gleichwohl ist mE zu fordern, dass viele Menschen aus armen Ländern in die reichen kommen können, nicht nur umgekehrt, und nicht nur um eine Zeit lang den Arbeitsmarkt im Sinne der Kapitalisten zu verbessern, sondern auch um zu studieren, sich auszubilden, Mischehen o.ä. einzugehen und eventuell auch auf Dauer zu bleiben. Aber diese Migration muss auf Grundlage von Ausgleich der Interessen zwischen den Staaten geregelt werden. Politische und kulturelle Rechte und  Pflichten der Migranten sind zu etablieren, und mehr noch: substantielle Mitwirkung reicher Länder an der echten Entwicklung der Länder, aus denen die Migranten massenweise kommen, muss etabliert werden.

So weit nur ein paar ganz knappe Bemerkungen aus meiner Sicht zu diesem höchst schwierigen Feld.

 

Zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Mit dem BGE begibt sich Welzer auf ein ganz glitschiges Terrain. In der Essenz fordert er einen Teilkommunismus auf der Grundlage eines globalen Kapitalismus.

Wenn allen Bürgern eines Staates aus der relativ kleine Riege reicher Länder wie Deutschland von ihrem Staat ein existenzsicherndes Grundgehalt garantiert wird ohne irgendeine Beziehung dazu, ob sie überhaupt arbeiten und ob ihre eventuelle Tätigkeit gesellschaftlichen Nutzen oder Wert besitzt, werden grundlegende Zusammenhänge zerrissen.

Bislang ist Geld eine Kategorie der Arbeitsteilung in der Warengesellschaft. Es repräsentiert, wie unvollkommen auch immer, die Fülle an Waren und Dienstleistungen etc., die in gesellschaftlicher Arbeit entstehen, und ermöglicht aufgrund der Teilnahme an dieser gesellschaftlichen Arbeit den Individuen eine gewisse Teilhabe an den Resultaten, vornehmlich in Form von Löhnen und Konsum. Dass diese Teilhabe höchst ungleich und vielfach höchst ungerecht ausfällt, wissen alle, aber es gibt noch kein praktikables Gegenmodell.

Kommunismus wurde, bspw. von Marx und Engels, vorgestellt als eine Gesellschaft, in der die Produktivkräfte viel höher als heute entwickelt sind, in der die Bürger ohne Zwang, intrinsisch motiviert, an der gesellschaftlich notwendigen Produktion mitwirken und, indem diese mit einem relativ geringen Teil der gesellschaftlichen Kreativität schon garantiert ist,  darüber hinaus große Freiräume für individuelle Entfaltung und auch die Weiterentwicklung aller haben. Hier fragt niemand mehr nach Messung des individuellen Beitrags zur gesellschaftlichen Produktion, der so etwas wie Lohn begründen würde, sondern jede/r nimmt sich aus der produzierten Fülle, was und so viel sie/er braucht.

Die heutige kapitalistische Gesellschaft beharrt insgesamt geradezu fanatisch auf der minutiösen und oft zerstörerisch kargen Zumessung von Geldlöhnen zu geleisteter Arbeit, sichtbar am direktesten an den Milliarden von Proletariern und sonstigen Besitzlosen v.a. in den armen Ländern,  erlaubt aber andererseits gewissen oberen Schichten, sich aus dem maßgeblich von diesen Massen mitgeschaffenen gesellschaftlichen Reichtum fast grenzenlos zu bedienen, ohne proportional etwas gegeben zu haben, oder sogar  ohne der Gesellschaft auch nur irgendetwas Nützliches beisteuern zu müssen. Das ist der Kommunismus der Milliardäre – oder wie soll man das nennen? Wenn jetzt mit dem BGE, in anscheinend sozial hilfreicher Absicht, eine ähnliche radikale Trennung von gesellschaftlicher Funktion und Einkommen eingeführt werden soll, allerdings  auf unterster Wohlstandsebene, dann stellt sich umso mehr die Frage, was eigentlich Geld ist, woher es kommt und was es gesellschaftlich bewirken soll.

Wenn das BGE in einigen reichen Ländern eingeführt würde, wie würde das wohl bei der großen Mehrheit der globalen Menschheit ankommen, die sich täglich krumm und krank arbeitet, um ein Minimum an Geld herauszubekommen, und mit dieser Arbeit nicht nur ihre nationalen Oberschichten, sondern das internationale (Finanz)-kapital fett machen? So fett, dass es vielleicht sogar die paar hundert Milliarden im Jahr locker machen könnte, die an diejenigen BGE-ler in den Metropolen gehen müssten, die sich nach Lust und Laune aus der gesellschaftlichen Arbeit verabschieden würden?

Damit sich einzulassen liegt Welzer anscheinend fern. Er äußert sich zwar kurz zu der Frage, wie ein Staat wie Deutschland das BGE finanzieren könnte – aus der Liquidierung der gigantischen Sozialbürokratie, die sich mit Hartz IV etc. befasst und durch das BGE überflüssig würde, meint er – , aber tiefer geht das bei ihm nicht.

 

Unabhängig von Welzers Vorstellungen kann man sagen: der Widerspruch zwischen der ständig weiter penetrierenden kapitalistischen Geldlogik einerseits (immer mehr menschliche Lebenskraft in Tätigkeiten zu kanalisieren, die für die Kapitalverwertung nützlich sind, d.h. in kapitalistische Produktion, Verwaltung des kapitalistisch produzierten Reichtums und kapitalistischen Konsum)  und der gesellschaftlichen Notwendigkeit andererseits, die Bereiche dieser Geldlogik zu reduzieren und zu zivilisieren, um mehr Freiheit für die Entwicklungen der Individuen und der Gesellschaften zu gewinnen, wird immer heftiger.

Dem würde Welzer wohl zustimmen; solche Erkenntnisse sind ja auch nicht ganz neu und nicht auf seinem Mist gewachsen. Aber wie passt seine Forderung des BGE nun theoretisch und sozialtechnisch dazu?

Schlecht, denn die Quellen der Geldmittel, die ein Staat für das flächendeckende BGE nach Welzerschem Konzept aufbringen müsste, müssten ja leider, meine ich, zunehmend noch prekärer und moralisch fragwürdiger werden. Wenn nämlich  in der dem jeweiligen Staat zugrundeliegenden Ökonomie die Steuern und Abgaben schrumpfen würden, weil immer mehr Bürger aus den geldgebundenen und geldgenerierenden Tätigkeiten ausscheren, um sich ‚Sinnvollerem‘ zu widmen, müsste dieser Staat das Geld, mit dem er diese Umorientierung finanzieren soll, woandersher zu kriegen versuchen. Ihre bisherigen Aktivitäten, die für den Staat Steuern und Abgaben generiert hatten, sind nunmehr weggefallen und der Staatshaushalt ist noch prekärer geworden. Welzer meint zwar leichthin, das Geld würde wohl frei, indem die Kosten für die bisherige Sozialbürokratie wegfielen, aber das ist keine grundsätzlich saubere und wohl auch keine praktisch tragfähige Antwort.

Wie bereits erwähnt, haben die Staaten der reichen Länder längst schon nicht mehr genug Einnahmen aus den Aktivitäten ihrer eigenen Bürger, um ihre umfangreichen Sozialhaushalte zu finanzieren, sondern sie sind längst auf eine ins Monströse gewachsene, zum großen Teil internationale Kreditaufnahme angewiesen. Anders ausgedrückt, die Sozialhaushalte der reichen Länder werden längst schon zu erheblichen Teilen finanziert aus den Massen des internationalen Finanzkapitals, die man zu erheblichen Teilen als Schweinegelder einstufen muss, aus solchen Kapitalmassen, die rings um den Globus flottieren und nicht ohne Grund zu erheblichen Teilen auf irgendwelchen Cayman-Inseln, Bermudas, Panamas, Guernseys oder der Londoner City verbucht sind. Daher wird die Frage unausweichlich: wenn ein hochverschuldeter Staat wie z.B. Deutschland seinen Bürgern ein BGE finanzieren will (bspw. etwa 60 Mio. volljährigen Bürgern jährlich 14.400 € pro Nase, insgesamt also 864.000.000.000 € oder anders ausgedrückt  864 Milliarden €), woher soll das Geld kommen wenn nicht aus einer erheblichen Ausweitung der Verschuldung?

Wenn das BGE jedoch nicht aus weiterer staatlicher Schuldenaufnahme finanziert werden darf – was Welzer bestimmt auch so sieht – , wenn andererseits der staatliche finanzielle Spielraum, der sich von A-Z aus der Geldlogik der kapitalistischen Arbeit speist, durch deren Zurückdrängen reduziert wird, sind größere Ideen gefragt als das nette Kleinklein bei W.

Vereinfacht gesagt, liefe die Idee des BGE, so wie W. sie im Zusammenhang seiner übrigen kapitalismuskritischen Vorschläge präsentiert, in der Praxis darauf hinaus, dass ein Mehr an internationaler Geldlogik erforderlich wäre, um in bestimmten Bereichen ein Weniger zu finanzieren. Anders ausgedrückt: ein bisschen Kommunismus für einen kleinen Ausschnitt der Weltgesellschaft wird finanziert durch noch mehr Kapitalismus im Gesamtsystem.

In der Tat ermöglicht die globale Ausbeutung – jedenfalls die nach dem bisherigen Schema eines einheitlichen kapitalistischen Weltsystems unter Führung einer einzigen Supermacht – bestimmten privilegierten Schichten einen derartigen finanziellen Spielraum, dass sie in ihrer persönlichen Lebensführung sich um den Zusammenhang zwischen eigener Leistung bzw. Nichtleistung und persönlichem Einkommen wenige bis gar keine Gedanken mehr machen müssten. Bestimmte Schichten können einen Quasi-Kommunismus der höheren Stufe  (jedem nach seinen Bedürfnissen) erreichen. Das BGE wäre dann eine quasi-egalitäre, quasi-berechtigte Forderung, dass auch untere Schichten von Leistungspflichten entlastet würden, jedoch wirft diese „Lösung“ erst recht die Frage auf, welche noch größeren  kapitalistischen Strukturen wir uns eigentlich erlauben wollen…..

 

Es ist wahrscheinlich sogar für die Menschheitsentwicklung günstiger, wenn das Konzept des globalisierten Kapitalismus unter US-Führung auf den Müllhaufen kommt. Sowieso lässt es sich auf keinen Fall aufrechterhalten, weil zu viele zu starke andere Kräfte damit nicht leben können und wollen, nämlich an erster Stelle China. Die Erträge der globalen Ausbeutung, deren Löwenanteile bisher klar dem westlichen Block zuflossen, werden von anderen beansprucht. Sie wollen einen Teil, in der Perspektive den Löwenanteil  für sich. Die finanziellen Spielräume des westlichen Noch-Blocks schrumpfen; hinzu kommt, dass ein erheblicher Teil derselben künftig für die Rivalität, für das Militär etc., wahrscheinlich im Weiteren für Kriege reserviert werden muss. Die Unzufriedenheit mit einer derartigen Entwicklung führt u.a. auch zu einer stärkeren Instabilität des westlichen Blocks, die EU muss sich teilweise daraus absetzen und dafür sorgen, dass sie nicht das Opfer wird. Die Sozialpolitik kommt immer mehr unter den Druck solcher internationaler Zuspitzungen und kann nicht ohne deren Berücksichtigung neu konzipiert werden.

 

So weit ein kleiner Anriss von Problemen, die unweigerlich bei der Erörterung von Konzepten wie des BGE zutage kommen; es gibt noch viel mehr.

 

Was ich hier und andernorts an Welzer kritisieren muss: dass er viel Nettes, auch gutplaziertes Satirisches hervorsprudeln kann, aber regelmäßig tiefergehenden Fragen ausweicht. Er plaudert wie ein Entertainer, der zu fast allen aktuellen Streitfragen schnell etwas Witziges oder Erbauliches sagen kann, um dann rasch das Thema zu wechseln. Seine Vorschläge laufen auf eine – sicher gut gemeinte –  Optimierung der Idylle eines reichen Landes hinaus, in der niemand so recht die Fragen aufkommen lassen will, auf welcher tief zerrissenen und katastrophenträchtigen globalen Wirklichkeit die derzeitige eigene Wohlhäbigkeit balanciert. Das analytische Niveau Welzers ist dramatisch unzureichend für die Zukunft.

 

[i] Die Zahl „ eine Milliarde“ ist mE zu niedrig. Ihr entsprechend müsste man unterstellen, dass die übrigen ca. 6.5 Mrd. Menschen auf der Erde bereits „Lebenssicherheit“ erreicht hätten. Aber selbst in den reichen Ländern gibt es relevante Anteile an der Bevölkerung, für die der Ausdruck ziemlich unpassend wäre, und mit dem Blick auf Länder wie Indien, die nach offizieller Statistik nicht zu den ganz armen zählen, muss man leider feststellen, dass „Lebenssicherheit“ bestimmt für die Mehrheit nicht gegeben ist. Dort ist die Mehrheit ja nicht einmal richtig ernährt!  „Lebenssicherheit“ ist selbst für erhebliche Teile der reicheren Bevölkerungsschichten in reichen Ländern keine passende Kategorie, weil auch deren derzeitige relative Absicherung größeren ökonomischen Krisen oder gar Kriegen, in die auch diese Länder verwickelt werden können, nicht Stand halten wird.

 


 

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Die „Seawatch3“, Salvini und die Herren Habeck, Maas und Bedford-Strohm

Die Äußerungen von Habeck (Grüne), Bedford-Strohm (Evangelische Kirche Deutschlands) und Maas (SPD, derzeit Außenminister Deutschlands) zu dem Vorgehen der Regierung Italiens gegen die Kapitänin des deutschen Schiffs „SeaWatch3“, Rackete, zeigen ein wirklich schon gefährliches Maß an politischer Verantwortungslosigkeit, Selbstherrlichkeit und Realitätsverlust.

Es sind hier eine Menge großer Probleme im Spiel, über die man unterschiedliche Meinungen haben kann und an die man auf unterschiedliche Weise praktisch herangehen kann.

Das Elend Afrikas, die Pflicht der europäischen Staaten und Bürger, zur Linderung und zur grundsätzlichen besseren Entwicklung des Kontinents beizutragen, ist jedenfalls ein Punkt. Die Methode des Einschleppens durch eine weitverzweigte Schleuserbranche, die nur deswegen so unverschämt agieren kann, weil sie im Mittelmeer mit Organisationen und deren Hilfsschiffen kooperieren kann, die Humanität im Schilde führen, deren  politische Orientierungen jedoch, gelinde gesagt, undurchsichtig sind, ist ein anderer höchst problematischer Punkt. Damit wird kein Aspekt der Afrika-Problematik positiv beeinflusst.

Europa muss Enormes leisten und wird sich in Zukunft noch ganz anders anstrengen müssen, um einen Teil des Flüchtlingselends zu lindern. Dies kann nicht dadurch geschehen, dass es die Kontrolle seiner Grenzen fahrlässig behandelt. Im Gegenteil: die europäischen Bevölkerungen haben ein Recht zu wissen, wer kommt, und zu entscheiden, wen sie aufnehmen und wen nicht. Dieses Prinzip muss in  Zukunft mit der erforderlichen Strenge etabliert und durchgesetzt werden. Die Merkelsche Aktion von 2015 muss ein Ausnahmefall bleiben. Sie hatte einige massive Gründe für sich (s. meine Bemerkungen vom 25.10. 2015 und 19.01.2016), hat aber auch die politischen Maßstäbe schwer erschüttert.

Ein dritter ganz aktueller Punkt ist die Frage des europäischen Zusammenhalts. Man kann zu Salvini und überhaupt zum italienischen politischen System sehr unterschiedliche Meinungen haben. Es steht allen Bürgern Europas zu, die Handlungen auch der Regierungen anderer europäischer Länder zu bewerten und zu kritisieren. Im Falle Italiens muss man jedenfalls berücksichtigen, dass das Land schon seit einer Reihe von Jahren eine enorme  Migration vor allem aus Afrika zugelassen hat und irgendwie auch bewältigt, und dabei von anderen europäischen Staaten und der EU bisher anscheinend sehr wenig Unterstützung erfährt. Ferner ist Italien natürlich ebenso wie jeder andere Staat berechtigt und verpflichtet, die Einwanderung künftig besser zu steuern, zu kontrollieren und auch ein wesentlich strengeres Grenzregime zu etablieren als bisher. Wenn die Herrschaften Habeck, Bedford-Strohm und Maas diese elementaren nationalen Rechte, die jeder europäische Staat selbstverständlich hat, dermaßen arrogant bestreiten wie das jetzt offenbar geschieht, sind sie gefährliche Brandstifter im europäischen Haus. Die Stärkung des europäischen Zusammenhalts, und zwar unter deutlicher Anerkennung der nationalen Besonderheiten und Rechte der Mitgliedsstaaten, ist derzeit von zentraler Bedeutung. Wer das nicht versteht und dem entgegen handelt, gefährdet die Zukunft des Kontinents. Seine prinzipielle Eignung für wichtige öffentliche Ämter ist mit Fragezeichen zu versehen.

Etwas Grundsätzliches, ganz knapp angerissen:

Die Fragen der Migration aus den Elendszonen des Globus in die ökonomisch noch einigermaßen leistungsfähigen und teilweise immerhin noch zivilisierten Länder sind verwurzelt in der Kolonialgeschichte und in der heutigen neokolonialen Ausbeutung großer Teile der Welt durch die reichen und starken kapitalistischen Länder. Deren – partieller – Wohlstand beruht zu erheblichen Teilen auf der langen Geschichte der Ausbeutung der Kolonien und auf der heutigen globalen Ausbeutung von Mensch und Natur in den großen zurückgebliebenen Teilen der Welt. Er beruht allerdings nicht nur darauf, sondern eben auch darauf, was diese Nationen in vielen Jahrhunderten aus eigener Kraft entwickelt und erkämpft haben. Es ist auf der anderen Seite jedoch auch ein gutes und berechtigtes Gefühl unter Bürgern unseres Landes wie auch anderer europäischer Länder, dass wir ‚etwas gut zu machen haben‘ an den Armen und Entwurzelten, bspw. Afrikas. Dass dies geschehen könne, indem einfach jeder hier hereinkann, der will, ist Schwachsinn. Es gibt auch eine Pflicht der Bürger entwickelter Länder, das Niveau ihrer Zivilisation und Kultur wertzuschätzen, zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Auch hier liegt eine Kampffront gegenüber dem globalen Kapitalismus. Die Anteilnahme und praktische Unterstützung bspw. für die migrantischen Opfer dieses globalen Kapitalismus kann nicht verabsolutiert werden, vielmehr sind hier verschiedene Kräftefelder im Spiel.

 

 

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