Lesenswerter Artikel über die Lohn- und Arbeitsbedingungen in China und das jetzige Aufbegehren, Streiks, Proteste:
http://www.welt.de/wirtschaft/article7884156/Warum-Chinas-Billiglohnarbeiter-aufbegehren.html
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Roland Koch tritt zurück. Welche Art von Wirtschaftskompetenz soll denn hier in eine neue rechtspopulistische Partei hinüberwandern?
Walter Grobe 30.05 2010
Der hessische Ministerpräsident Roland Koch zieht sich ziemlich plötzlich von seinem Amt zurück, um sich ang. beruflich anders zu betätigen. Hofblättchen wie die „FAZ“ geben Dutzende von Beiträgen ab voller Sorge um die CDU. Wie soll Merkel denn nun ohne Koch den konservativen Teil der CDU-Anhängerschaft umsorgen können; welchen Fachmann für Wirtschaft findet man denn nun noch in der alleingelassenen CDU, und was das leere Stroh noch so alles hergibt. Manche Leserzuschriften sind etwas direkter, sprechen vom Lafontaine der CDU und wann es denn wohl losgeht mit der neuen rechtspopulistischen Partei von Koch….
Sollten Koch und Leute seines Schlages an die Gründung eines solchen Parteichens herangehen, dann könnte die Öffentlichkeit, wenn sie denn will, sich anhand der Vergangenheit Kochs und seiner hessischen Karriere ziemlich genau ausmalen, was da „Neues“ zusammengekocht wird.
Unter Kochs Oberaufsicht als Regierungschef fallen u.a. der Fall Wolski und der Fall der unrechtmäßig kaltgestellten Frankfurter Steuerfahnder.
Der Name Wolski steht für ein Frankfurter Juristenehepaar, er Anwalt, sie, Karin Wolski, als Vizepräsidentin am Verwaltungsgericht Frankfurt und Richterin am hessischen Staatsgerichtshof eine der höchsten Würdenträger der hessischen Justiz. Auch als Oberbürgermeister-Kandidaten für Offenbach/M. war die Dame auf Betreiben von Kochs Kanzleichef Grüttner schon im Gespräch, allerdings erfolglos. Karin Wolski ist in ihrer Tätigkeit offenbar mit der hessischen CDU und der Koch-Regierung nicht unwesentlich verbunden.
Das Ehepaar Wolski hat in einem Urteil eines Darmstädter Gerichts v. 26.3.2010 sich Unerfreuliches nachsagen lassen müssen. Anwalt Wolski wurde wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zu zwei Jahre und zehn Monaten Haft verurteilt. Es ging um die hinterzogene Besteuerung von Zuwendungen, die Wolski und seiner Frau, der Verfassungsrichterin, aus einem höchst anheimelnden Mandantenverhältnis zu einem reichen Frankfurter Kapitalistenehepaar zugeflossen sind. Im Rahmen dieser anwaltlichen Betreuung verstarb der – betagte – männliche Ehepartner im Jahre 2006, Anwalt Wolski wurde nackt im Schlafzimmer der Ehefrau vorgefunden, die zu diesem Zeitpunkt bereits im neunten Lebensjahrzehnt stand, und was der weiteren Einzelheiten mehr sind. Gleichzeitig flossen im Rahmen dieser „anwaltlichen“ Beziehungen Vermögenswerte in zweistelliger Millionenhöhe – nach Angaben von geschädigten Erben – in den Besitz der Wolskis hinüber. Details reichlich im Internet.
Über eine ganze Reihe von Jahren zeigten sich die Steuer- und Justizbehörden Hessens unfähig, in das ganz ungewöhnliche Steuergebaren des Ehepaars Wolski auch nur den mindesten Strahl der Aufklärung hineinleuchten zu lassen, diesbezügliche Vorwürfe gg. Frau Wolski verjährten in den Akten der untätigen Behörden, bis schließlich der Darmstädter Prozeß im März 2010 an der völligen Vertuschung und dem völligen Verlust der hessischen Staatskasse eine gewisse – sehr, sehr späte – Korrektur vornahm.
Auch in anderem Zusammenhang ist Ungutes über die Tätigkeit hessischer Ministerien unter der Oberverantwortung von Roland Koch ans Licht gekommen. Die sog. hessische Steuerfahndungsaffäre betrifft zunächst einmal Kochs Finanzminister Karl-Heinz Weimar.
Das hessische Finanzministerium unter Weimar mußte nach jahrelangem Hin und Her zugeben, daß es vier Steuerfahnder einer Spezialgruppe der Frankfurter Steuerfahndung, die tausenden von Fällen verdeckter Auslandskonten auf der Spur waren, mit kriminellen Methoden die Tätigkeit unterbunden hatte. Es handelte sich bei den mutmaßlich hinterzogenen Steuerbeträgen sicher nicht um peanuts, und um die Inhaber der Konten mutmaßlich nicht um Irgendjemande. Die Steuerfahnder wurden von Weimar aus dem Dienst gemobbt, in einem Fall wurde bspw. ein psychiatrisches Gefälligkeitsgutachten herangezogen, um einen der Fahnder als „paranoid querulatorisch“ und „anpassungsgestört“ aus dem Dienst entfernen zu können. Im Dez. 2009 mußte Weimar schließlich den vier Beamten die ehrenvolle Rückkehr in den Staatsdienst anbieten und im Jan. 2010 die Einsetzung eines Landtags-Untersuchungsausschusses zur Steuerfahnder-Affäre hinnehmen.
Es mag sein, daß Teile der Justiz mit Urteilen in diesen beiden Fällen in der jüngsten Zeit Kochs „Gestaltungsmöglichkeiten“ etwas beschränkt haben. Sicher kommt auch hinzu, daß es seit längerem ein auffälliges Mißverhältnis zwischen der extremen hessischen Staatsverschuldung und den eigentlich vorhandenen Steuerquellen Hessens gibt. Frankfurt ist der Hauptsitz des deutschen Bankenwesens, mit z.B. einer Deutschen Bank, die selbst mitten in der Krise mit Milliardengewinnen pro Quartal aufwarten kann – aber der hessischen Staatskasse fließt einfach immer weniger zu! Auch hier scheint es mit Gestaltungsmöglichkeiten für einen Regierungschef zu hapern. Wahrscheinlich umgekehrt proportional zu den Gestaltungsmöglichkeiten für die Ackermänner und – auf einer tieferen Ebene – für die Leute vom Schlage der Wolskis, für die anonymen Auslandskonteninhaber…
Man darf sich auf die neue rechtspopulistische Partei unter Koch sicher freuen – vorausgesetzt man gehört zu solchen Klientelgruppen, wie sie in Hessen, auch und anscheinend in besonderem Maße unter der zehnjährigen Amtsperiode Koch, bedient wurden. Solche Arten von Wirtschaftsfachleuten wie Koch können in diesen Kreisen sicher nur als hervorragend eingestuft werden.
Noch ein Wort zu Kochs angeblichem Eintreten für Modernität, bspw. für die Kernenergie.
In diesem Zusammenhang muß nochmals der Name Karl-Heinz Weimar erwähnt werden, der von Koch bei der Bildung seines ersten hessischen Kabinetts im Jahre 1999 als Finanzminister bereits zu einer der tragenden Säulen der Regierung gemacht worden war und dies bis heute geblieben ist. Weimar war im Jahre 1988 als hessischer Umweltminister zusammen mit dem damaligen CDU-Regierungschef Walter Wallmann die entscheidende Regierungsfigur bei der unrechtmäßigen skandalösen Stillegung der Hanauer Nuklearbetriebe gewesen. Die Stillegungen dieser Betriebe, die v.a. in der Herstellung und Entwicklung nuklearer Brennelemente tätig waren, wurde wenig später als Rechtfertigungsgrund für den Abbruch z.B. der Entwicklung des Hochtemperatur-Reaktors herangezogen; sie spielen eine große Rolle in der allmählichen Etablierung der Anti-Kernenergie-Politik auch in der CDU, die später von Merkel und anderen zum Prinzip erhoben wurde. Einzelheiten zu der damaligen Rolle von CDU, insbesondere von Wallmann und Weimar in meinem Artikel „Die CDU- voll beteiligt an der Destruktion der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland – Der Fall der Hanauer Nuklearbetriebe“ (Auszug als Internet-Statement 2006-53 auf www. neue-einheit.com, der vollständige Aufsatz in der Zeitschrift Neue Einheit 2006).
Unter der Überschrift „Kampf gegen die Finanzkrise -vollendeter Quatsch“ schrieb am 23.5. 2010 Rainer Hank in der FAZ u.a. Folgendes
(Zitate in kursiver, meine Kommentare dazu in normaler Schrift)
„Dass Politiker die Unwahrheit sagen (vulgo: lügen), ist keine wirklich aufregende Entdeckung. In der vergangenen Woche trieben sie es wieder einmal besonders bunt. Wegen der Schuldenkrise Europas müsse jetzt das Monster der Finanzmärkte gebändigt werden, hieß es in den Debatten über das milliardenschwere Rettungspaket. Das von der Opposition angezettelte und von der Regierung eilfertig akzeptierte Koppelgeschäft lautete: Rettungsschirme werden nur aufgespannt, wenn zugleich die Finanzindustrie an die Kandare kommt. Im Umkehrschluss soll der Bürger daraus schließen: Wenn die Märkte nur ordentlich reguliert werden und die Spekulanten sich ergeben, gibt es auch keine Griechen-Probleme mehr.
Das ist vollendeter Quatsch.“
Ja und nein. Den größten Quatsch gibt hier jedenfalls FAZ-Hank von sich.
Die „Finanzindustrie“ an die Kandare zu nehmen kann kein kapitalistischer Staat wirklich angehen, weil in den Finanzinstitutionen sich das Kapital konzentriert und konzentrieren muß und seine typischen „Geschäftsmodelle“ entwickelt, und weil – neben vielen anderen Gründen – die Staatsapparate von ihnen abhängen und mit ihnen verfilzt sind.
Dies natürlich umsomehr in Epochen drückender Schulden der Staaten an die Finanzinstitutionen.
Diese Verhältnisse sind es aber offenbar nicht, die einen Hank stören; wohl aber bestimmte Reibungen, die sich in letzter Zeit ergeben:
Zunächst die EU-Beschlüsse über die Bildung eines gemeinsamen 750-Milliarden-Rettungsfonds. (Der minoritär beteiligte IWF steht erheblich unter Kontrolle europäischer Länder und hat einen französischen Präsidenten.) Dann hat kurz darauf die deutsche Regierung noch eigene Beschlüsse gefaßt, nämlich das Verbot bestimmter spekulativer Geschäfte, die in der aktuellen Krise den Absturz europäischer Finanzinstitutionen und Staatshaushalte zu beschleunigen geeignet sind und wohl in erheblichem Umfang auch in diesem Sinne genutzt werden. Es handelt sich um das Verbot von sog. ungedeckten oder anders ausgedrückt „nackten“ Leerverkäufen der Aktien bestimmter deutscher Finanzinstitutionen wie der „Allianz“ oder der „Münchner Rück“. Ferner und wohl im Zusammenhang damit das Verbot sog. leerer Credit Default Swaps, d.h. spekulativer gewinnträchtiger Wetten auf den Verfall bestimmter solcher Werte, weil mit solchen CDS der Verfall anscheinend beschleunigt wird.
Man kann vielleicht bezweifeln, ob dieses Verbot viel bewirkt, weil es ausländische Finanztransaktionen nicht erfassen kann; daß es von Prinzip her gerechtfertigt ist, wird sogar von einer ganzen Zahl von sog. Experten gesagt, die generell zu den Verteidigern des finanzkapitalistischen Systems gehören.
Wenn Hank kritisiert, daß die deutsche Regierung populistisch den Eindruck erwecken wolle, daß die „Finanzindustrie“ an die Kandare genommen werde, spricht er den Wunsch aus, daß es keinerlei Kandare geben solle – die wahre Wirtschaftslogik liegt lt. Hank ja eben in der „Finanzindustrie“. Wenn jemand wie z.B. ich hingegen sagt, daß sie durch die gegebenen Regierungen nicht an die Kandare genommen werden kann, enthält das eine grundsätzlich andere kritische Position. Sie muß nämlich nicht nur an die Kandare genommen werden, sondern der Kapitalismus, der ja in entwickelten Formen nicht anders denn als Finanzkapital existieren kann und in solchen Erscheinungsformen sein Zentrum hat, muß überhaupt unter Kontrolle genommen, unterdrückt und schließlich zum Verschwinden gebracht werden, und damit auch die „Finanzindustrie“ und alle ihre Schwachsinnspropheten wie Hank.
Es ist mE im übrigen denkbar, daß in der weiteren Entwicklung der Krise tatsächlich die Finanzinstitutionen stärker im Sinne der Volksmassen reguliert werden, aufgrund von revolutionären Erhebungen derselben und als Bestandteil von umfassenderen Umgestaltungen des Wirtschaftssystems durch dieselben. Solange aber die Massen noch kaum erfaßt zu haben scheinen, was die Krise ihnen demnächst abverlangen wird, und das politische Niveau sich noch kaum übers Abwarten und Grummeln erhebt, kann man nichts anderes erwarten als daß von den vorhandenen Regierungen und Parteien kleinere Eingriffe vorgenommen werden, die zudem wohl oft in populistischer Absicht aufgeblasen werden. Daß diese aber völlig unberechtigt und völlig wirkungslos seien, ist in erster Linien die Haßpropaganda der Getroffenen. Diese ist von demokratischer Kritik zu unterscheiden.
Weiter Hank:
„Die Staatsschuldenkrise, unter der Europa leidet, hat mit irrationalem Marktversagen nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil: Sollte man zur Abwechslung einmal einen Beweis benötigen, dass Märkte funktionieren, dann eignet sich dafür die Fiskalkrise Europas besonders gut. Zur Erinnerung: Die Europäische Währungsunion hat die Mitgliedstaaten allesamt dazu ermuntert, ihre Defizite auszuweiten und ihren Bürgern eine Wohlstandsillusion vorzugaukeln. Den Bruch der von Maastricht geforderten Haushaltsdisziplin begingen als Erste die Länder Frankreich und Deutschland unter der rot-grünen Regierung. Wenn der damalige Außenminister Joschka Fischer heute mit sorgengegrämtem Staatsmannesgesicht europäische Moralpauken hält, ist das ziemlich dreist.“
Hank äußert hier seine tiefe Überzeugung, daß „Märkte funktionieren“, er meint hauptsächlich die sog. Finanzmärkte. Daß sie funktionieren, stimmt durchaus, bis jetzt jedenfalls; es ist aber eigentlich auch unbestritten, daß sie genau mit ihrem Funktionieren der Welt die größte Krise des Kapitalismus eingebracht haben, die es bisher gegeben hat. Ob und wie lange die sog. Finanzmärkte noch weiter auf den Brandungswellen der Krise surfen können, die schon Millionen Menschen hat ertrinken lassen und dieses Los weit größeren Teilen der gesamten Menschheit androht, ob nicht die sog. Finanzmärkte selbst in der selbstgeschaffenen Krise untergehen werden, das ist noch nicht entschieden.
Mit „Funktionieren der Märkte“ lassen sich solche historischen Perspektiven wohl nur schlecht beschreiben.
Es ist auch nicht nur Europa, das unter einer Staatschuldenkrise leidet. An einer solchen Deutung hätten die USA und ihre Banken zwar Interesse, nach dem Motto: ‚ ihr geht an eurer Staatschuldenkrise ein, und wir sanieren uns daran, daher habt ihr, aber nicht wir eine wirkliche Staatsschuldenkrise ‘ – aber dieser Kampf fängt erst richtig an. Andere Akteure auf dem Globus haben dabei auch gewichtige Rollen zu spielen.
Das Schema, das Herren wie Hank der Diskussion aufprägen möchten, ist denkbar primitiv: der Kapitalismus ist angeblich ein Geschehen von „Märkten“, und läßt man diese nur machen, entwickelt sich die Wirtschaft letztlich in der bestmöglichen Weise – dummerweise gibt es jedoch Regierungen, die Haushalts-Schlendrian betreiben und dann mit kleinlichen populistischen Regulierungen das Chaos hervorrufen. Sein Schema ist genauso einseitig und faktenverweigernd wie das seitenverkehrte Schema bestimmter bürgerlicher Politiker, die die „Märkte“ der „Exzesse“ beschuldigen und dem Volk weismachen wollen, der Kapitalismus würde von ihnen schon noch zu aller Wohl reguliert, würden sie denn ausreichend gewählt. In Wirklichkeit hängen diese beiden Seiten engstens zusammen und spielen einander zumeist die Bälle zu. In Zeiten der Krise kann es aber sein, und das ist nicht schlecht, daß Vertreter sowohl des Finanzwesens wie „der Politik“ aneinander geraten und Wahrheiten über die Kontrahenten auspacken.
Zu irgendeiner Art von Aufklärung zeigen sich allerdings solche Vertreter wie Hank völlig unwillens.
„Die Europäische Währungsunion hat die Mitgliedstaaten allesamt dazu ermuntert, ihre Defizite auszuweiten und ihren Bürgern eine Wohlstandsillusion vorzugaukeln.“
Das stimmt zweifellos. Aber noch eine kleine Zusatzfrage an Herrn Hank: wer hat die USA zu der Politik ermuntert, die direkt in die subprime-Krise, die Schlüssel- und Auslöserkrise der kapitalistischen Weltwirtschaft, geführt hat, war das die Europäische Union? Hat die Europäische Union der Bevölkerung der USA einen Wohlstand vorgespiegelt, der in Wirklichkeit längst zu 80% aus der Ausbeutung der Volkmassen anderer Länder, aus dem irrsinnigen Rüstungs-und Kriegstreiben der USA, aus der Erpressung der gesamten übrigen Welt, die längst völlig bankrotte USA weiter zu finanzieren, finanziert wurde?
Noch eine Zusatzfrage, die das soeben bereits beschriebene Hanksche treffliche Funktionieren der Märkte betrifft: gehören dazu auch sog. Rating-Agenturen wie Standard & Poors, die wider alle Fakten den USA Kreditwürdigkeit AAA bescheinigen, einem Ländchen wie Griechenland aber, das alles in allem relativ leicht zu sanieren wäre, Ramsch-Status? Werden solche Agenturen, die so objektiv das Funktionieren der Märkte abbilden und befördern, von der EU betrieben, oder sind sie nicht vielmehr Branchen derselben „Finanzindustrie“ in den USA, die sich auch in Goldman/Sachs oder der Fed verkörpert?
„Deutscher Schlendrian hat Schule gemacht“
Die Überschuldung Deutschlands war kein Schlendrian, sondern unumgänglicher Weg aller Regierungen und etablierten Parteien, um der Bevölkerung den Charakter des Kapitalismus und die sozialen Folgen ihrer jahrzehntelangen ruinösen Politik zu verschleiern. Wohlstand für die Massen wäre übrigens durchaus möglich, aufgrund von Gemeineigentum an den Produktionsmitteln; die Kritik Hanks aber an „Wohlstandsillusionen“ ist nicht gegen den Kapitalismus gerichtet, sondern gegen die Massen.
„Denn das Beispiel des deutschen Schlendrians machte in Südeuropa rasch Schule. Hätten die Länder ihr eigenes Geld, hätte angesichts wachsender Verschuldung die Währung abgewertet. Gleichzeitig wären die Zinsen gestiegen. Im Fall von Griechenland (und anderen Südeuropaländern) waren es dagegen die vielgescholtenen Finanzmärkte, die – spät, aber immerhin – die Angst artikulierten, die Schuldner könnten ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Vorsichtige Investoren hatten begonnen, Griechen-Bonds zu verkaufen; jetzt erst stiegen die Zinsen.“
Das ist auch ein wunderbares Hanksches Kapitel. Wie die „vielgescholtenen Finanzmärkte“ der ökonomischen Vorsicht im Falle Griechenland Geltung verschafft haben, das sah in Wirklichkeit bekanntlich so aus, daß Goldman/Sachs und wer weiß noch alles die Überschuldung Griechenlands und die betrügerische Kosmetik seiner Finanzen beim Beitritt zur Eurozone wissentlich kräftig mitgefördert haben, zusammen mit europäischen Banken. Dann durfte Goldmans Kusinchen, die Firma Standard & Poors etwas später mit der Verkündung „alles Ramsch“ den Startschuß geben, der zum Staatsbankrott Griechenlands und im weiteren der Kernländer Europas, Deutschlands und Frankreichs führen sollte.
„Finanzmärkte haben leider die Eigenschaft, Schuldner lange Zeit in Sicherheit zu wiegen um ihnen dann abrupt den Kredithahn abzudrehen, wenn ihnen die Schulden über den Kopf gewachsen sind“ schrieb Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutsche Bank AG, am 24.5.2010 in der FAZ. So vornehm und scheinbar bedauernd kann man ausdrücken, was in Wirklichkeit hundertfach bewußt getrieben wird, um aus Bankrotten Gewinn zu schlagen.
„So weit, so rational.“
In der Tat höchst „rational“, allerdings: von wessen Interessen her rational?
„Als dann die Griechen diese Zinslast zu drücken begann, bettelten sie Europa um billige Kredite an. Und Europas Politiker und Notenbanker haben sich darauf eingelassen, den das Risiko spiegelnden Marktpreis griechischer Anleihen zu korrigieren und das Risiko des Zahlungsausfalls auf ihre Steuerbürger zu überwälzen. Wer hat hier versagt? Wohl nicht der Markt, sondern die europäischen Staaten, die die Preisfindung der Märkte verzerrten und Verträge („No Bail Out“) brachen.“
„Wäre es nach der Logik der Märkte gegangen, hätten die Griechen sich mit ihren Gläubigern ins Benehmen setzen und die Bedingungen einer Umschuldung aushandeln müssen. Den Gläubigern – Banken, Versicherungen und all ihren Investoren – wären die Kosten (die Haftung) für das bei höheren Zinsen eingegangene Risiko angelastet worden.“
Diese Sätze sehen von den konkreten politischen Bedingungen ab, vor allem von dem Kampf verschiedener kapitalistischer Machtgruppen oder auch Staaten bzw. Staatengruppen um die Beute der Krise. Wer geht stärker aus der Krise hervor, oder in kapitalistischer wirklicher „Logik“ – Hank kennt angeblich nur eine völlig irreale Logik der „Preisfindung“ aus dem Lehrbuch -: wer wird geschlachtet, damit der Sieger sich mästen kann. Diese Logik ist seit Ausbruch der Krise 2007 beherrschender denn je.
Der Ruf nach der Staatsinsolvenz Griechenlands kam von vielen Politikern und Journalisten. Im Reich der reinen Logik könnte er als sinnvoll durchgehen, im Reich der konkreten politischen Wirklichkeit ist er die Kriegserklärung einer kriminellen Finanz- und Machtgruppe mit Schwerpunkt in den USA an die europäischen Völker und Staaten, die allerdings ihre eigenen kriminellen Finanz- und Machtgruppen haben, man denke nur an die Deutsche Bank. Praktisch war er der Versuch, einen schwachen peripheren EU-Staat zum Ausgangspunkt einer weiteren Pleitewelle vor allem europäischer Banken zu machen, die unweigerlich sehr rasch weitere Staatspleiten nach sich gezogen hätte, und zwar nicht nur Portugals, vielleicht auch Spaniens etc., sondern auch Frankreichs und Deutschlands. Die größten Teile der massiven Staatschulden Spaniens und Italiens liegen, nicht anders als die Griechenlands und Portugals, bei Finanzinstitutionen in Deutschland und Frankreich. In einer Grafik stellte die „New York Times“ am 01.05.2010 es so dar: von der spanischen Staatschuld von 1,1 Billionen $ liegen 220 Mrd. bei F, 238 bei D; der nächste Großgläubiger, britische Banken, folgt erst in deutlichem Abstand mit 114 Mrd. $. Von der italienischen Staatsschuld, die mit 1,4 Billionen $ angegeben wird, liegen nicht weniger als 511 Mrd. bei F und 190 bei D. Großbritannien folgt wiederum erst in weitem Abstand mit 77 Mrd. Selbst Irland hat bei deutschen Banken kaum weniger Schulden als bei brtitischen: 184 ggü. 188 Mrd. $. (http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=19239)
Man kann es durchaus so sehen, daß die EU-Regierungen mit der Gefahr eines Zusammenbruchs ihres ganzen inneren Netzwerks aus Banken und Staatshaushalten und der Preisgabe eines Staates nach dem anderen an äußere Finanzmächte konfrontiert sind. Demgegenüber haben sie zur Bildung eines 750 Mrd. Euro umfassenden Rettungsfonds gegriffen, zu einem Verfassungsbruch, insofern dazu in den bisherigen Vertragsgrundlagen der EU keine Grundlage existiert. Sie sind an die Bildung einer Eurozonen-Finanzbehörde zur planenden Überwachung und Absicherung von Staatshaushalten herangegangen und erklären damit, die gemeinsame Haftung für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der Mitgliedsländer zu übernehmen. Alles vertragswidrig. Dies kann man dies aus allen möglichen Blickwinkeln kritisieren, zumal es die Ursachen der Krise nicht angeht und den europäischen Völkern neue Lasten auflegt, aber man muß es als Notmaßnahme im Kampf um den Bestand des europäischen Zusammenhalts werten. Wer wie der FAZ-Autor demgegenüber die Einzelinsolvenzen der schwächsten Staaten befürwortet, arbeitet direkt an dessen Sprengung.
„Dass die Gläubigerbanken den Preis für ihre Engagements zahlen, haben gerade jene Politiker verhindert, die seit Wochen durch die Welt posaunen, die Finanzakteure müssten an den Kosten ihrer Deals beteiligt werden. Was ist von Politikern zu halten, die versprechen, mit Bankenabgaben, Spekulationsverboten et cetera künftige Krisen zu verhindern, und im selben Abstimmungsgang den Banken zu verstehen geben, für ihre riskanten Engagements zu bürgen?“
Die Gläubigerbanken werden, jedenfalls vorerst, von diesen Politikern vor der Pleite bewahrt – bis hierhin ist Hank korrekt. Diese Pleite wurde aber in Wirklichkeit von Griechenland nicht ausgelöst und konnte von diesem Punkt her auch garnicht ausgelöst werden, sondern nur von der gesamten europäischen Extremverschuldung, Deutschlands Verschuldung vorneweg. Und diese existiert auf der Basis des gesamten wenigstens 30 Jahre lang zurückreichenden und stetig gewachsenen internationalen Systems der Überschuldung der Staatshaushalte, die für die wirtschaftliche Zugeständnisse an die Bürger der reichen Länder benötigt wurde, um ihnen Sand über die wirklichen wirtschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus auf der Welt in die Augen zu streuen. Dieses System wurde maßgeblich auch gerade von den USA betrieben, zu Finanzspekulationen grotesken Ausmaßes gesteigert und ausgenutzt und soll ihnen heute zum Niederhalten der Konkurrenten in der Krise dienen. Diesen internationalen Zusammenhang möchte Hank offenbar verschwinden lassen.
Dem internationalen Gesamtsystem des Kapitalismus muß alle analytische Aufmerksamkeit gewidmet werden, und hieraus müssen die richtigen politischen Folgerungen für die anstehenden Kämpfe gezogen werden.
„P.S. Nur der Vollständigkeit halber sei auch das Missverständnis korrigiert, Griechenland sei jetzt gerettet. Selbst wenn das Land alle bitteren Auflagen erfüllt, wie es das jetzt verspricht, werden die Schulden auf 150 Prozent des Bruttosozialprodukts anwachsen, sagen seriöse Berechnungen. Mit anderen Worten: Auf das Thema Staatsbankrott werden wir zurückkommen müssen.“
Ja, dieses Thema bleibt. Aber nicht nur der Staatsbankrott Griechenlands wird Thema sein, sondern Staatsbankrott Großbritanniens, Staatsbankrott der USA und Staatsbankrott anderer Länder, auch Deutschlands usf. Wie und zu wessen Schaden bzw. Gunsten solche Bankrotte herbeigeführt und durchgeführt werden, das gehört zu den wichtigen politischen Fragen, um die es in der nächsten Zeit Kämpfe von bisher unerhörter Heftigkeit geben wird. Auf die Weisheiten der Finanzmärkte und des Herrn Hank wird dabei weiterhin Verlaß sein, dessen bin ich sicher.
Gewichtiges Bündnis zwischen Russland und der Türkei bei Kernenergie und Pipelines im Entstehen –Auswirkungen auf Europa – Rolle der USA
Walter Grobe, 16.05.2010
„Russland spaltet das Atom in Anatolien“ – unter diesem Titel kann man in der „Asia Times online“ v. 15. Mai 2010 einen ausführlichen Bericht über weitreichende Abkommen lesen, die zwischen Russland und der Türkei beim jüngsten Besuch von Medwedjew in Ankara in der vergangenen Woche geschlossen wurden. Das wichtigste Abkommen sieht den Bau von 4 Kernkraftwerken an der südlichen Mittelmeerküste der Türkei durch die russische Staatsfirma Rosatom vor. (http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/LE15Ag01.html)
Ganz ungewöhnlich sind an diesem Abkommen die vereinbarten Eigentumsregeln, die von einem sehr hohen Grad an Interessenverschmelzung zeugen: Rosatom wird die Kontrolle der Anlagen erhalten und den Strom verkaufen. Rosatom wird zu diesem Zweck zunächst eine 100prozentige Tochterfirma gründen, die im weiteren bis zu 49% der Anteile zum Verkauf an Investoren aus der Türkei oder dritten Ländern anbieten wird. Die 20 Mrd. Dollar, die Rosatom für das Projekt aufbringen will, sollen durch den Verkauf des Stroms zu 50% an die türkische staatliche Stromverteilung und zu 50% an den unregulierten Markt des Landes innerhalb von 15 Jahren wieder hereinkommen. 20% der Profite soll Rosatom an den türkischen Staat abführen. Rosatom erhält auch die Möglichkeit zur Herstellung nuklearer Brennelemente in der Türkei.
Derzeit werde zwischen der Türkei und Russland auch ein wichtiges gemeinsames Projekt auf dem Gebiet der internationalen Öl-Pipelines diskutiert, heißt es in „Asia Times online“ weiter. Russland könne sich möglicherweise an dem ursprünglich von der Türkei und Italien initiierten Projekt einer Nord-Süd-Pipeline beteiligen, die vom Kaspischen Meer zum Mittelmeer führen soll.
„Praktisch hilft Russland der Türkei in ihrem Bestreben, ein globaler Knotenpunkt des Energietransports zu werden, während Moskau von Ankara erwartet, keine Pipelineprojekte zu verfolgen, die in Rivalität zu denen Russlands stehen. Die beiden Länder rücken näher aneinander zu einer Kooperation bei dem von Russland unterstützten South-Stream-Gaspipeline-Projekt, das die südeuropäischen Märkte an Russlands Energiequellen bindet.“
Im weiteren kommt der Autor des Artikels in der „Asia Times online“, M.K. Bhadrakumar, zu politischen Bewertungen dieser Zusammenarbeit im Hinblick auf Europa. Beide Länder erhöhten damit ihre Stärke gegenüber Europa. Das betreffe sowohl zukünftige Abkommen über Energielieferungen wie auch die Frage der EU-Mitgliedschaft der Türkei. Die Allianz Russland-Türkei könnte auch, mutmaßt Bhadrakumar, stärkeren Einfluß auf den vorderöstlichen Raum, die Israel-Palästina-Frage, die Stellung Irans etc. nehmen als bisher.
Ein höchst wichtiger Aspekt der geschilderten Zusammenarbeit betrifft die Rolle der USA, die lt. Bhadrakumar derzeit Russland einen deutlich größeren diplomatischen Spielraum lasse als bisher. So sei es zu erklären, daß Russland nicht nur mit der Ukraine zu Abkommen habe kommen können, die zu seinen Gunsten ausfallen, sondern nunmehr auch mit einem Schlüsselmitglied der NATO, der Türkei, eine privilegierte Partnerschaft mit geostrategischem Gewicht eingehen dürfe.
Daß sich diese zum Nachteil Europas auswirken könne, spricht der Artikel unverblümt aus. Ich möchte ergänzen: wenn die USA in gewisser Weise die russisch-türkischen Absichten gegenüber Europa sich materialisieren lassen, sie faktisch fördern, dann kann man daran sehen, wie sich die Rivalität der USA mit der EU noch weiter verschärft; genauer gesagt, die feindseligen Absichten der USA gegenüber den europäischen Ländern und Völkern treten immer klarer hervor.
Es ist sicher nicht zu kritisieren, daß die Türkei sich industriell entwickeln will und sicherere und modernere Grundlagen ihrer Energieversorgung aufbaut, es ist auch an sich nicht schlecht, wenn sie mit wichtigen Nachbarn wie Russland zu besseren Beziehungen kommen möchte.
Unter der Bedingung allerdings, daß in Europa – unter entscheidender Verantwortung solcher deutscher Regierungen wie der von Schröder-Fischer und dann der Merkelschen Großen Koalition und der neuen Merkelschen Regierung – die Grundlagen der eigenen Energieversorgung immer weiter untergraben und die Abhängigkeit von Energielieferungen anderer Staaten immer weiter gesteigert werden, wachsen die Erpressungsmöglichkeiten gegenüber Europa ständig weiter. Es handelt sich nicht nur um Staaten wie Russland und die Türkei, die von imperialen Absichten gegenüber den europäischen Völkern nie wirklich Abstand genommen haben; es handelt sich auch darum, daß der Noch-Oberherr, die USA, mit der Begünstigung solcher Entwicklungsmöglichkeiten sein eigenes Erpressungs- und Kriegspotential gegenüber Europa steigert. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß die USA taktische Verbindungen mit solchen regionalen Machtfaktoren wie einer – möglicherweise – kommenden Allianz Russland-Türkei eingehen und sie ggf. gegenüber Europa vorschicken, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Vielleicht würden die USA sogar heuchlerisch den Europäern ihre „Hilfe“ anbieten – die natürlich ihren Preis hätte…
Jedenfalls muß die selbstmörderische grüne Energiepolitik der verschiedenen deutschen Regierungen als einer der massivsten Faktoren des europäischen wirtschaftlichen Niedergangs und der europäischen Erpressbarkeit entschiedenst angegriffen werden. Das würde letztlich auch den Völkern der Türkei und Russland zugute kommen, denn die Entwicklung von Kernenergie und Pipelines in diesen Ländern kann natürlich auch und besser vorankommen ohne solche politischen Mit-Zwecke wie die Steigerung der Erpressbarkeit anderer Länder.
Am Rande: die Verkommenheit deutscher Medien läßt sich u.a. daran erneut ablesen, daß der russisch-türkische Deal bisher kaum berichtet wird. Die „Welt online“ hatte einen kürzeren Artikel dazu, der die politischen Dimensionen und Hintergründe kaum erwähnt, doch erneut einen ausdrücklichen Beitrag zur Anti-Kernenergie-Mentalität im eigenen Lande versucht, indem angebliche Ängste von Bevölkerungsteilen an angeblich vorgesehenen Standorten der neuen Kernkraftwerke in der Türkei geschildert werden. Soll eine Unterstützung solcher Regungen, die, wenn sie überhaupt existieren, jedenfalls grundsätzlich fragwürdigen und angesichts der türkischen Bedingungen unbedeutenden Charakter tragen, die Antwort aus unserem Lande auf die Entwicklungen sein? Es geht doch um ganz andere Dinge.