Ein interessantes Interview mit Stephen Bryen über Ukraine, westl. Truppenstationierung etc.

Stephen Bryen: Russians much stronger than they were 4 years ago

Was Bryen nicht behandelt: eine bestimmte Variante der US-Geopolitik, in der vor allem Deutschland in die militärische Konfrontation mit Russland manövriert wird und darin schwer zerstört würde. Ich habe diese mögliche Entwickung in früheren posts von mir mehrfach angesprochen. Dass diese Variante im Hintergrund durchaus eine Rolle spielen könnte, zeigt u.a. der Fanatismus früherer Blackrock-Angestellter und anderer, militärische Konfrontationen mit Russland anzukündigen und vorzubereiten.

 

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Zur Jahreswende 25/26

Zur Jahreswende grüße ich meine Leser und wünsche ihnen, mir selber und meinen Mitbürgern vor allem Wachstum – an politischem Durchblick, an sozialem Engagement und persönlichem Optimismus angesichts und trotz so vieler Entwicklungen, die durchaus pessimistisch stimmen können. Wer spürt und weiß, was im Gange ist, kann das Richtige tun. Kassandra konnte nur warnen, aber nicht handeln.

  • Besonderheiten eines Landes im Abstieg: Deutschland
  • Geopolitische und kulturelle Aspekte
  • Kriegspolitik
  • Die Logik der Ware

Unter diesen Stichworten sind die folgenden Ausführungen gegliedert.

Deutschland zieht derzeit besonders viele besorgte Blicke auf seine gesellschaftlichen Entwicklungen an. Ich bin selber durchaus besorgt. In meiner Schreibe versuche ich, den Besonderheiten Deutschlands gerecht zu werden und sie gleichzeitig im globalen Kontext, der Entwicklung der Gesellschaften überhaupt, des Kapitalismus, der Rivalitäten von „Großmächten“ zu verstehen.

Dieses Land ist kein Nebenschauplatz der Geschichte. Es verliert zwar nicht erst seit heute sein Gewicht im internationalen Kontext, aber gleichzeitig werden Grundwidersprüche der globalen Entwicklung hier weiterhin – wie schon seit mindestens 150 Jahren – besonders gebündelt und spürbar  – und vielleicht auch vom Denken bewusster Menschen relativ gut erfassbar.

In der Mitte Europas gelegen und damit in der Mitte aller möglichen globalen Spannungen wie den heutigen zwischen den USA, China und Russland; Kreuzungspunkt von Machtinteressen  – und das schon seit vielen Jahrhunderten – ist es immer auch Kreuzungspunkt  vielfältigster internationaler kultureller Einflüsse gewesen. Unter diesem Aspekt ist es in meinen Augen weiterhin eines der interessantesten Gebiete der Welt –  und mir persönlich auch eines der sympathischsten.

Nicht weil es den Menschen hier (wenn man überhaupt so reden wollte) besonders gut ginge oder sie besonders gut seien: damit geht es derzeit eher bergab. Mir jedoch sympathisch vor allem deshalb, weil hier im politischen und philosophischen Denken, in der Kultur und in der praktischen Gestaltung des Zusammenlebens immer wieder ein relativ hohes Niveau, relativ viel Bewusstheit und Tatkraft sichtbar wurden.

Man denke an die Entwicklung der Wissenschaften – der Naturwissenschaften, der Technik und auch der historischen Forschung – vor allem seit dem 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20., man denke an die Stärke, die die frühere Arbeiter- und Demokratiebewegung hier in gewissen Perioden entfalten konnte, man denke an die Breite und das Niveau der weltanschaulichen – religiösen wie philosophischen – Reflexion, die hier in bestimmten Perioden zu beobachten war (Kant, Hegel, Marx und andere bis tief ins 20 Jahrhundert). Dies alles hat sich übrigens in intensiven europäischen Wechselwirkungen, insbesondere mit den parallelen französischen Entwicklungen so gestaltet, mit der französischen Aufklärung und den französischen revolutionären Stürmen des 18. und des 19. Jahrhunderts.

Die abscheulichen Seiten der deutschen Entwicklung wie das Nazitum dürfen und können niemals vergessen oder kleingeredet werden; was dabei allerdings auch nicht vergessen werden sollte:  das Nazitum trägt auch deutliche Züge verzweifelter rückwärtsgewandter Reaktion bestimmter Eliten und orientierungsloser Massen (1. Weltkrieg, Wirtschaftskrise 1929 ff.) auf das Emanzipationspotential, das sich in Deutschland und anderen Teilen der Welt immer weiter entfaltete.

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Deutschland befindet sich in meiner Sicht seit einer Reihe von Jahren, seit Jahrzehnten, deutlich auf einer schiefen Bahn. Sozialer und kultureller Verfall ist mittlerweile in erheblichem Ausmaß zu beobachten. Elementare Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen sind bei bedeutenden Anteilen der Bevölkerung, insbesondere jüngeren, die den heutigen Schulen anvertraut sind,  im Rückgang. Ebenso elementare kulturelle Fähigkeiten wie die, sich sprachlich verständlich und differenziert auszudrücken und die Äußerungen anderer zu verstehen,

Ihnen werden durch die dominierenden Medien, die etablierten öffentlichen wie auch die sog. sozialen Medien, überwiegend sehr einseitige Bilder von der Welt und der Gesellschaft vermittelt, die sie entmündigen und in irreale Vorstellungen, oft auch in einen mindset des Kampfes aller gegen alle treiben. Die Fähigkeiten, andere Menschen zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren und sich in komplexen gesellschaftlichen Verhältnissen auf humane Weise zurecht zu finden, sind in vielen Milieus eher am Schrumpfen –  statt durch das Bildungswesen und die öffentliche Kultur gefördert zu werden.

Auf die Erscheinungen des ökonomischen Verfalls muss ich hier nicht im Detail eingehen.

Die weitere De-Industrialisierung, weiterer Rückgang produktiver und technischer Kompetenzen, fortschreitende Unterordnung vieler Unternehmen, auch großer Konzerne, unter die finanzielle, digitale und energiepolitische Macht vor allem der US-Superkonzerne  liegen auf der Hand und werden immerhin manchmal öffentlich behandelt, wenn auch nicht tiefgehend.

Große Teile der derzeit arbeitenden Generationen werden in den nächsten Jahrzehnten in der Altersarmut landen. Das jahrzehntelange Umsichgreifen prekärer und schlecht entlohnter Arbeitsverhältnisse, staatlich gefördert wie beispielsweise durch die sog. Hartz-Reformen, wird sich an vielen Millionen Rentnern rächen. Wenn nichts Revolutionäres geschieht und die staatlichen Hilfen weiter abgebaut werden, was angesichts der Verschuldung fast sicher ist, wird ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht einmal auf reduziertestem Niveau sich am Leben erhalten können.

In einer derartigen Gesellschaft werden sog. Verteilungskämpfe entstehen und von Machthabern angeheizt werden, die von ihrer Verantwortung ablenken und die Massen in Selbstzerfleischung treiben wollen. „Die Jungen“ werden verlangen, die unproduktiven „Alten“ zu beseitigen, deren Renten zudem teilweise deutlich höher liegen als gutausgebildete junge Arbeitskräfte in anstrengenden jobs verdienen. Solche Ideen wird ihnen die Logik dieses verfahrenen Systems nahebringen. Auch andere Aufhetzungen bietet es an: gegen Migranten, gegen Biodeutsche, gegen das dekadente säkulare Europa und umgekehrt gegen islamische Bräuche….

Die Kernaufgabe der vorherrschenden kapitalistischen ökonomischen Formen und ihrer staatlichen Absicherung ist, die Milliardärsschichten reicher, die große Masse ärmer zu machen und alle Betroffenen gegeneinander auszuspielen. Das muss in offener gesellschaftlicher Barbarei münden.

Ich sehe die Kriegspolitik vor allem auch als Mittel intensiverer sozialer Kontrolle. Es geht um intensivere Vernutzung und Unterdrückung der größten Teile der Bevölkerung. Dass mit Kriegspolitik nun eine Bevölkerung beglückt wird, der man jahrzehntelang erzählt hatte, das System sei entspannend und  friedensfördernd, hängt eng mit der Zuspitzung der ökonomischen Krisen zusammen.

Die offizielle Rechtfertigung der Kriegspolitik durch Verweis auf die Aggressivität Russlands greift zu kurz. Aggressiv sind nicht nur Russland, sondern auch die USA und die Staaten, zumeist europäische, die sich ihrer Führung unterordnen. Zur Entwicklung des Ukraine-Konflikts nehme ich hier nicht Stellung; man kann etwas mehr Durchblick gewinnen, wenn man hochrangige Quellen aus westlicher Diplomatie und Militär anzapft  wie bspw. Michael v.d. Schulenburg, Erich Vad oder Jacques Baud.

Die internationalen Rivalitäten der sog. neuen Multipolarität, vor allem zwischen dem sog. westlichen Block unter Führung der USA und dem zunehmend offenen Dominanzanspruch chinesischer Eliten, führen allenthalben zu militärischen Reibungen und oft auch deren direktem Austrag. Das ist für die Eliten in Ost und West oft weniger negativ als positiv, weil das defacto Kriegsrecht ihnen gerade nach innen mehr Spielraum verspricht. Um Einflussbereiche, um militärische Erweiterungen ihrer Herrschaft kämpfen sie ohnehin immer, und die „demokratische“ Vormacht, die USA, hat sich schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum  größten Expansionisten und Völkermörder entwickelt.

Heute treten also die innerpolitischen Aspekte permanenter militärische Spannungen im meiner Sicht immer mehr als politische Antriebe hervor. Ich sehe an beiden Polen, dem westlichen wie dem östlichen und auch in Zwischenzonen wie Europa oder Brasilien, im Wesentliche dieselbe politische Logik am Werk: Ausbau der digitalen Kontrollen der Bevölkerung, Entmündigung, Abbau demokratischer Strukturen und gesetzlicher Garantien von Bürgerrechten. Ständiger militärischer Alarm ist anscheinend ein hervorragendes Mittel, die Unterordnung der Bürger als unvermeidlich, ja als gemeinwohlorientiert hinzustellen. Kriegswirtschaft scheint außerdem Profite zu generieren, die anderweitig sich verdünnisieren.

Deutschland ist von dieser Entwicklung besonders betroffen.

Seine politischen Führungsfiguren erklären es zum zentralen Mitakteur künftiger größerer europäischer Kriege, als deren Konterpart derzeit vor allem Russland dargestellt wird. Das offiziell gezeichnete Szenario sieht derzeit etwa so aus: es entsteht eine Ostfront, indem „Russland“ die baltischen Staaten und Polen überfällt und „die NATO“  wehrt sich, indem vor allem Deutschland als militärischer Rückhalt der Überfallenen fungiert, als Transport- und Reserveraum, mit seiner Rüstungsindustrie und der verstärkten Bundeswehr. Dass „Russland“ diesen rückwärtigen Kraftraum direkt als Feind behandeln und hier reichlich Zerstörung anrichten wird (soweit die offizielle Darstellung), wird in dieser Logik zur Berechtigung durchgreifender Militarisierung gerade Deutschlands.

Ich sehe hier allerdings noch eine andere Logik, andere Interessen am Werk.

In einer Geopolitik der US-Eliten, die derzeit deutlicher erkennbar wird (sie war untergründig immer wirksam), ist ein selbständiger werdendes Europa ein großer Störfaktor, der irgendwann beseitigt werden muss, und Deutschland als das zentrale Land Europas mit seinen vielfältigen Beziehungen nach Westen wie nach Osten ist für sie heute kaum mehr als ein immer wieder störender ärgerlicher Problemfall. Trump will strategische wirtschaftliche Beziehungen zu Russland, die europäischen Länder sitzen bestenfalls am Katzentisch, sie sollen Russland kräftig sanktionieren und mit militärischen Nadelstichen für Unruhe sorgen.

Zusammen mit der ökonomischen und kulturellen Abwicklung Deutschlands sehen solche US-Geostrategen nun die Chance, es mit Krieg endgültig an den Rand der Geschichte zu verweisen. Natürlich wird als der Verursacher und Hauptinteressent der Zerstörung Deutschlands „Russland“ dargestellt werden. Dass US-Geostrategen in dieser Konstellation als die Hauptinteressenten, die untergründigen Organisatoren und Provokateure einer eventuellen Zerstörung Deutschlands durch „Russland“ fungieren, ist ein verbotener Gedankengang.

Es geht dabei nicht nur um aktuelle politische und geopolitische Selbständigkeit Europas (für die die Stellung und die innere Kraft Deutschlands den Ausschlag geben), die dem Ringen der US-Eliten um die globale Dominanz im Wege steht. Es geht auch um die Beseitigung der positiven kulturellen Erbschaften und Entwicklungspotentiale Europas.

In Europa wurden in der Geschichte bestimmte Prinzipien wie Demokratie, Aufklärung und persönliche Autonomie innerhalb einer allgemeinen sozialen Wohlfahrt sehr deutlich entwickelt. Sie werden selbst in der aktuellen Selbstdarstellung europäischer Politiker und der EU-Bürokratie noch immer herausgestellt, obwohl in deren Praxis ihnen vielfach der Boden entzogen wird.

Zu diesem Selbstbild passen zwar eine Reihe harter geschichtlicher Tatsachen schlecht: einerseits der europäische Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus, anderseits auch die Entwicklungen relativ humaner und gleichzeitig andersartiger Gesellschaftsformen und Kulturen an anderen Orten der Welt und zu anderen Zeiten. Die Aufarbeitung dieser komplizierten geschichtlichen Verknäuelung  ist übrigens im Gange, anscheinend vor allem unter akademisch gebildeten jungen Mitbürgern, und macht Hoffnung.

Zu Überlegenheitsgefühlen besteht also in meinen Augen kein Anlass, allerdings auch nicht zur Abwertung und Zerstörung dessen, was in der europäischen Entwicklung an emanzipativem Potential entstanden und noch immer vorhanden ist.

Zum Schluss möchte ich noch auf eine gesellschaftliche Grundströmung zu sprechen kommen, die tief unter allem hier bereits Angesprochenen verläuft und alles mit einfärbt: die Logik der Ware.

Viele Menschen wissen oder fühlen quasi instinktiv, dass ihr Leben entscheidend abhängt von guten Beziehungen zu anderen. Gute gesellschaftliche Beziehungen sind wesentlich nicht vermittelbar durch den Kauf von Waren oder Dienstleistungen, sondern haben ganz andere Dimensionen wie z.B. Empathie, Humanität, Gemeinschaftssinn.

Ich schätze durchaus die Stärken der modernen globalen Warengesellschaft, in der die sozialen Beziehungen vor allem durch Geld vermittelt werden. Dass wir inmitten und mittels einer Welt von Dingen leben, die als Waren in die Gesellschaft eingetreten sind, als Waren produziert und gekauft wurden und zumeist aus internationalen Produktions- und Verteilungsketten stammen; dass wir für Geld Gesundheitsfürsorge, Teilnahme am kulturellen Leben, Erholung usf. erwerben können und dass der Erwerb von Geld und dessen vielfältige Verwendungen im Prinzip den meisten Bürgern möglich sind, ist eine der Grundlagen der modernen Gesellschaft, für die bisher in der Praxis kaum Alternativen gefunden worden sind.

Man kann sogar sagen, dass die Möglichkeit, in den Besitz von Geld zu kommen und damit zu kaufen  was man braucht, eine Grundbedingung individueller Freiheit ist. Umgekehrt bemüht sich der Kontrollkapitalismus, den Bürgern die Kontrolle über ihr Geld zu entziehen und sie an digitale Währungssysteme zu binden, in denen dem Bürger mit seinem Geld auch die Freiheit und sogar die bare Existenz entzogen werden kann, wenn er nicht mehr passt.

Der globale Kapitalismus hat auf der Grundlage der Ware-Geld-Beziehung eine Weltgesellschaft geschaffen, in der alle mit allen zusammenhängen, wenn auch fast nie freiwillig und nicht zum Vorteil Vieler; er hat die Vergesellschaftung weit vorangetrieben, sodass im Prinzip global gedacht und gehandelt wird, nicht nur von den Profiteuren sondern auch – der Möglichkeit nach – von Menschen, die die kapitalistische Herrschaft los werden wollen. Aber er hat die menschliche Existenz, um einmal ein hochgreifendes und ziemlich abstraktes Wort zu gebrauchen, auch enorm verschmälert, verarmt und deformiert. Man kann zwar auch einmal glücklich sein, wenn man sich das gekauft hat, was man braucht, und solange das ein wichtiges Bedürfnis war, aber wir leben primär durch die Beziehungen und finden Glück im Gemeinsamen. Die Beziehung der Mutter zum Kind, die anderen Liebesbeziehungen wie die zwischen Paaren, die gute Zusammenarbeit in der Arbeitswelt, die mannigfachen Beziehungen in Erziehung, Bildung, Fürsorge, Kultur, Vereinsleben usf. haben keine Warenform und sind nicht mit Geld zu erkaufen.

Der heutige Kapitalismus und seine Ideologien verstehen das nicht und sind dabei, diese Grundlagen zu ruinieren.

Die elementare Beziehung im Kapitalismus ist die: er kauft die Ware Arbeitskraft, diese wiederum kauft mit ihrem Lohn Waren, die ihr Leben ermöglichen, alles andere ist individueller spleen. Ich vermute, dass die geschichtliche Umwandlung der Gesellschaften in derartige kapitalistische Verhältnisse kaum vermeidbar war und sogar in den vergangenen Jahrhunderten auch enorme Bereicherungen der menschlichen Existenz mit sich gebracht hat, aber sie kommt heute an ihre Grenzen. Ausgehend von der Grundlage des Kaufs der Arbeitskraft wird unwillkürlich der Mensch selber in Ware umgeformt.

Er wird reduziert auf seine Warencharaktere und das gesellschaftliche Leben auf den Austausch von Waren. Wenn in der Erörterung des Kontrollkapitalismus festgestellt wird, dass die Bürger nicht nur mit ihrer Arbeitskraft Wert schaffen, sondern immer größere  Teile ihre gesamten Existenz an die digitale Verwertung ausliefern, dann liegt die Schlussfolgerung nicht mehr fern, dass der Bürger sich selbst in seiner Ganzheit zur Ware macht, willentlich oder nicht. Eine solche Gesellschaft wird im elementarsten Sinne unproduktiv und stirbt an sich selber, weil die sozialen Beziehungen wesentlich nicht warenförmig sind und nicht sein können. Sie verkrüppeln und verkümmern an der Reduktion auf die Warenförmigkeit. Freiheit, Zusammenarbeit und Glück sind die Grundlagen einer produktiven entwicklungsfähigen Gesellschaft; wenn man sie verweigert, wird es eine solche nicht mehr geben und die Profiteure ersticken an ihrem Geld.

In  meinen Augen kann der Grundzug der gesellschaftlichen Entwicklung auch unseres Landes in den letzten zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren in der ständigen weiteren Umformung aller Beziehungen in Ware-Geld-Beziehungen gesehen werden, so wie die neoliberale kapitalistische Ideologie das ausdrücklich als die Wahrheit des Menschen und als Unvermeidlichkeit formuliert. Diese Grundströmung ist noch tiefer als die geopolitischen Umwandlungen, unter denen Deutschland und Europa von den westlichen Strategen  derzeit zunehmend als entbehrlich, als störend und letztlich und sogar als etwas gesehen wird, das am besten zerstört wird.

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Aus einigen Abschnitten des Obigen lassen sich Anregungen zu Möglichkeiten des aktiven politischen und sozialen Handelns ziehen, wenn man will. Dies ist kein Kassandra-Artikel. Konkrete Schlussfolgerungen überlasse ich meinen Mitbürgern. Die herkömmlichen Kategorien von Parteiensystem, parlamentarischer Demokratie, Grundgesetz und sozialer Sicherheit werden dabei allerdings wenig helfen, weil sie schon weitgehend außer Kraft gesetzt wurden und weiter werden. Gegenwärtig scheinen mir allerdings viele Mitbürger, die politisch interessiert sind, noch am Alten zu kleben und/oder zu resignieren. Empathie, politischer Realismus, soziale Imagination und praktische Projekte könnten viel Wachstum gebrauchen.

 

 

 

 

 

 

 

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Connectedness, Sexuality, Love, and Happiness

 

Published on September 24, 2025 by Walter Grobe

English Translation done by Google, with some corrections by the author, published on Oct. 15, 2025

 

These four complexes – Connectedness, Sexuality, Love, and Happiness – should be understood in terms of their inner connection. 

Outline: • The Horde of Prehistoric Times • Love and Aggression • The Unity of Social Productivity and Sexuality • Love as an Individual Event • Two Examples of Theory and Practice from the Past

 

Let’s begin in the very distant past, assuming that something like the horde was a common social pattern—a collective of perhaps a few dozen people who lived together permanently and sustained themselves through communal hunting, fishing, and gathering, the creation of shelter, etc. The proceeds of the collective hunt were collectively consumed. The offspring were produced in colorful pairings; one can assume that, as a rule, a woman associates with several men and vice versa, that relationships between brother and sister are not uncommon, and so on. Furthermore, the care of offspring was likely predominantly collective—several mothers cared for the brood together. The production of new individuals here is not the concern of stable couples or individuals. In ancient times, the father was apparently mostly indeterminate, and the maternal duties of breastfeeding, etc., were probably not infrequently shared between several women. The group as a whole was likely largely collectively nourished by the men’s hunting prey and protected by their defensive capabilities.[1]

My assumption is that both in the production of subsistence and in the production of offspring, or more generally, in sexuality, the essentials take place collectively; all members of such relatively primitive, small societies are closely connected by the elementary necessities of survival.

Love and Aggression

Internal social connectedness, so to speak, is closely linked to external aggression and killing in  ancient times. This cannot be ignored when reflecting on primal, elemental connectedness. Some descriptions of prehistoric forms like hordes or tribes emphasize internal equality and equal rights, inner peace, and the lack of selfishness of their members. However, such relatively elementary forms of society are no less characterized by fundamental aggressiveness and violence, first and foremost toward hunted animals, but also toward other groups of people.

Aggression may be rooted in competition for scarce natural resources (hunting grounds, water sources, etc.). Productivity/connectedness and warmth on the one hand, and aggression on the other, were probably equally essential to existence in ancient times. (Historically, aggressiveness then increasingly becomes a tool of the emerging elites, both aggressiveness toward subordinates and toward the „others“—other societies.)

In our time, however, opportunities are opening up to practice greater connectedness worldwide and gradually bid adieu to aggressiveness.)

 

I’m making a leap here into modern society, without forgetting that our self-understanding must include a certain degree of awareness of the most diverse historical developments, the most diverse forms of social development, mixed, intermediate, and transitional forms, which I’ll ignore here.

The Unity of Social Productivity and Sexuality

My thesis:

The primal unity of sexuality with the other forms of production outlined at the beginning, both fundamentally requiring and creating connectedness, has, in my opinion, lost its original visibility and evidentiality for many people today, but in my view, it has not lost its validity. This unity creates what we actually should understand as happiness, or rather, what we should relearn to understand.

For many people today, the production of a living is, due to long historical developments, infinitely more socialized and, at the same time, enormously alienated compared to more primitive forms of society. People work to be able to pay for their individual existence. The connection between individual work and the well-being of the collective is increasingly lost sight of (and, moreover, there are indeed quite a few jobs that are distinctly detrimental to society and solidarity, or they are, for example, so-called bullshit jobs). Individual work constitutes a certain, relatively demarcated area of ​​individual life, while sexuality appears to be a fundamentally different one. Furthermore, it has often become distinct from the production of offspring.

Sexuality is nevertheless charged with enormous expectations of happiness, but seems unlikely to be able to fulfill them under conditions of universal alienation.

In what follows, I have primarily focused on sexual happiness, or, to put it another way: sexual frustration. This does not mean, however, that this is the main locus of possible happiness. In my view, the locus of happiness is a coexistence in which both sexual and erotic connections, as well as connections in the production of livelihood and the shaping of society, are developing and complementing each other.

Perhaps the often extreme alienation in „work“ leads people to seek sexuality as the – seemingly essentially opposite – realm of a longed-for, but often hidden, spontaneity and naturalness. Perhaps, subconsciously, we also seek, and still seek in sexuality this elementary productive overall connection.

Love as an Individual Event

In modern love, however, important cultural developments also come into play that seem to have existed only rarely or not at all in the past: the highly individual relationship between two very individual people. In modern love, I believe we combine two main elements: the instinctual, pleasurable activation of elementary biological productivity and the often highly individual relationships to which our entire cultural background has gradually predisposed us. Even if the biological social productive force may in many cases only be sensed as a potentiality, if at all – probably more so by women than by men – it inevitably resonates in sexuality, in my opinion, even if those involved may not even want it, cannot feel it, or suppress such feelings.

The sexual or love act (today, as mentioned, it is usually woven into a sometimes highly individual relationship between two people) contains various possibilities for the highest happiness, among them, in my opinion, precisely the possibility of re-experiencing the most elementary connectedness, or associating elements of it. Feelings, not thoughts, resonate: we are one, we unite, not just as two individuals, but because we belong to the great biological organism of humanity, which, as an organism subdivided into countless suborganisms, reproduces itself sexually and simultaneously reproduces itself through nutrition, through the production of its social life. (‚Uniting‘ seems more like an act of will between two ‚independent‘ individuals. While it may seem so, one forgets that it is a consequence of the already existing unity.)

The historically increasing individualization of the single personality also places the individuality of the relationship between two individuals at the center of experience in sexuality. These individuals, however, are only able to exist in lots of networks of social connectedness, just as they did thousands of years ago, even if this is sometimes no longer fully present to them or even perceived as a seemingly disruptive element. The sexual act itself, however, from its biological perspective, inevitably strongly reminds us of non-individuality, of collectivity, and the fact that we function as organs, as momentary actors in a human biomass. We live out the tension between the individual erotic experience and the „animal“ in our sexuality, in our love relationships, without knowing it or even allowing it to enter our feelings. Happiness arises in this tension, in this complexity, in the depth of history. In the sexual or love act, the different sides are simultaneously present, perhaps barely sensed, but nevertheless represented and lived out.

For certain reasons, the „animal nature“ has a strongly negative connotation in our culture, without having earned it; more precisely: our individualistic Christian capitalist ideology attempts to conceptualize and repress it as something ancient, overcome, even taboo, in any case as something disturbing. Or the capitalist exploitative disposition leads to sexual relationships of exploitation and service that turn individuals into pleasure machines. However, in my opinion, the future of eroticism lies in a relationship culture that synthesizes the elementary biological mechanics of pleasure and procreation with the individual personal co-development of the partners.

In my opinion, sexual happiness cannot be defined, or at least not primarily, by orgasmic pleasure or the various other pleasurable arousals that occur in sexual activity (and are possibly perceived by those involved as the – most important – goal, as the content of their activity). This is, in my opinion, a strange and blunting approach; nevertheless, it mostly seems to underlie today’s discussions about sexuality because the deep connections are not allowed to be brought to consciousness.

In my opinion, sexual happiness should rather be described in terms of the experience of the abundance of productive social relationships, which is triggered by the sexual act.

And sexual happiness is only one aspect of primary connectedness. The other is the happiness we experience when we cooperate and communicate with others in ways that create social good. We are happy when we develop or produce socially valuable products together with others, when we can improve social relationships…

Perhaps women are more sensitive to the social complexity of the sexual act than men. For women, the topic of motherhood probably resonates more strongly and more strongly in the sexual act than for men, thus bringing fundamental social relationships, not just those of the two current partners, into play. Motherhood also depends on a favorable social environment, not just on the reliability of the partner. The connection to orgasmic pleasure also appears to be different for women than for men. For men, it appears to be relatively direct, whereas for women, orgasm—in the sexual act with a partner—is evidently less predictable and less achievable mechanically, possibly because they still place greater importance on social connection (these sentences are to be understood as assumptions, as questions for female readers, which they are better able to answer than I).

Two examples of theory and practice from the past

Charles Fourier (early 19th century), one of the so-called „early socialists“ or „utopian socialists,“ saw the unity of social productivity(ies) very clearly, namely the unity of the sexual and reproductive functions in the narrow sense with the non-sexual reproductive functions. He postulated the formation of basic social collectives, which he called „phalanstères.“ In such organisms, each comprising several thousand people, everyone according to his abilities and inclinations would have participated in production. They were to collectively produce the community’s livelihood, agriculturally, artisanally, and through manufacturing (large-scale mechanized industry was barely present or foreseeable in Fourier’s time), and sexual life, as well as the rearing and education of offspring, were to move away from the contemporary nuclear family and revert to other, more collective forms that humanity had known in other times.

In his concept, Fourier wanted to consider the historically developed development of sexuality into eroticism and individual love relationships, as well as the pleasure of sexual activities that could be described more biologically; he also considered all possible other forms of sexuality, such as homosexuality or abstinence, etc. All of this was to be able to unfold in collectives that were optimally suited to the production of their own economic means of subsistence as well as to the development of love and lust.

The various aspects of human interconnectedness, in their mutual dependencies, are, I believe, quite well captured here.

It seems somewhat extravagant in Fourier’s work when one reads what could be described as a ‘Code of Rules for Erotic Relationships’ that he explicitly assigns the orgy a place in the social life of the phalanstère, obviously organized and celebrated, however, only for those members who have a desire for such things. (‘Code of Rules’: Fourier’s terminology, as a Frenchman, always has something classifying or even quasi-legal in character). However, when one looks back at the fertility cults and the frequently associated collective ritual sexual festivals in Mesopotamia, for example, which likely had a fundamental function within collective production, he appears less as an eccentric than as an author with a sense of historical depth.

The nuclear family, linked to individual smallholdings, and especially the specific culture of eroticism and sexuality under capitalist conditions of the 20th and 21st centuries, drives these aspects apart. Individual small-scale production and individual capitalist entrepreneurship, under their legal and ideological paradigms, obscure the underlying sociality of material production, just as the ideologically transfigured binary relationship obscures the biological foundations of sexuality. These are paradigms that, under Christian ideological dogmas and, in parallel, under concrete social developments (social division and the orientation toward the individual pursuit of profit and happiness), have become dominant over the course of 2,000 years. More precisely: for more than 2,000 years, since, for example, similar patterns had been forming early in Roman society.

 

The deep and profound happiness that can still be experienced, in my opinion, comes about in the transgression of divisive norms, in the affirmation of natural, biologically determined „drives,“ and in the experience of cooperation in the production of socially good. The „individual“ is happy in re-experiencing the universal connection of productive humanity: in an individually inspiring, creative sexual mating as well as in the experience of connectedness in production. The other forms of happiness are less so in comparison.

The following would probably require further clarification by historical research:

I suspect that earlier, already highly developed societies such as the Sumerian cities (since approximately 3,500 BCE) still cultivated elements of the archaic, horde-like sexual community (i.e., they practiced it as a cult), in connection with the temple, which was simultaneously a central institution of the general economic production and supply of these cities. Apparently, a central part of the socialization of these cities was a ritual orgy of pre-individual, horde-like sexuality, practiced by the „citizens“ together with women who had been organized for this purpose at the temple. The descriptions traditionally refer to „temple prostitutes,“ a term that, in my opinion, distorts the essence. It was more likely a ritual task that served a community-building function for the urban collective.
At a time when the kingship of the Sumerian cities was emerging, this also included the so-called sacred marriage, the ritual sexual union of the temple’s chief priestess with the king. (According to Graeber/Wengrow „Beginnings: A New History of Humanity,“ however, royal rule was not the original constitution of the Sumerian cities.)
However, in Graeber/Wengrow’s and Robert Bellah’s („The Origin of Religion“) discussions of the Sumerian „temple,“ I find nothing on the „sexual-political“ aspect of temple culture. These authors, at least in this regard, seem quite „abstemious.“
However, I consider it a historical advance that such probably relatively primitive forms, rites that preserve older relationships for a while and allow the prehistoric to shine through, have given rise to other forms, which, for me, include above all personalization (albeit under patriarchal auspices), the personalization of relationships between men and women, as in Judaism in particular.
With all progress, however, certain good aspects of the conditions that are overcome are lost and then later reemerge from the underground. Judaism vigorously fought against things like the sexual temple rites, and Christianity went so far as to view sexuality in general with suspicion and degradation, including sexuality within the married couple. Christianity understood sexuality as highly personal – even though it continued to exist in a patriarchal sense, i.e., as a form of enslavement. These developments have been accompanied by enormous alienations of humanity not only from sexuality, but from its roots in general – alienations that have only been counteracted in a very short historical period, since the French Enlightenment and the historical-materialist currents of the 19th century, with a growing understanding of human nature and its historical transformations.

[1] The assumption that in very ancient times many essential tasks were divided along gender lines is probably not entirely unreasonable. Amazons may have been the exception.

 

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Concerning the commentary function on this website: already long ago I had to disable it because of tons of rubbish, advertisments etc. being constantly uploaded to the website. If you want to comment on my articles, therefore, please write to my e-mail-address krixel@gmx.de. I promise to publish, as an annex to the article concerned, any contribution loaded with some element of factuality, except the sender does not wish that.

 

 

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Verbundenheit, Sexualität, Liebe und Glück

 

Diese vier Komplexe sollten von ihrem inneren Zusammenhang her verstanden werden.

Gliederung:

  • Die Horde der Vorzeit
  • Liebe und Aggression
  • Die Einheit von gesellschaftlicher Produktivität und Sexualität
  • Liebe als individuelles Ereignis

 

Fangen wir in ganz ferner Vorzeit an, ausgehend von der Annahme, dass so etwas wie die Horde ein gängiges Gesellschaftsschema war – ein Kollektiv von vielleicht einigen Dutzend Menschen, die ständig zusammenleben und sich durch gemeinsames Jagen, Fischen und Sammeln, Schaffung von Unterkünften etc. am Leben halten. Die Erträge der kollektiven Jagd werden kollektiv verfressen Der Nachwuchs entsteht in bunten Paarungen; man darf annehmen, dass in der Regel eine Frau mit mehreren Männern verkehrt und umgekehrt, dass auch Beziehungen zwischen Bruder und Schwester nicht ungewöhnlich sind usf. Ferner dürfte die Fürsorge für den Nachwuchs vorwiegend kollektiver Art gewesen sein – mehrere Mütter kümmern sich gemeinsam um den Kinderhaufen. Die Produktion neuer Menschen ist hier nicht Sache fester Paare oder Einzelpersonen. Der Vater ist in alten Zeiten anscheinend zumeist personell unbestimmbar gewesen und die mütterlichen Aufgaben des Stillens etc. dürften nicht selten zwischen mehreren Frauen geteilt worden sein. Die Gruppe als  ganze dürfte in hohem Maße kollektiv ernährt worden sein durch die Jagdbeute der Männer und geschützt durch deren Wehrhaftigkeit[1].

Meine Annahme geht dahin, dass sowohl in der Produktion des Lebensunterhalts wie auch in der Produktion des Nachwuchses oder allgemeiner: in der Sexualität sich das Wesentliche kollektiv abspielt; alle Mitglieder solcher relativ urtümlicher kleiner Gesellschaften sind durch die elementaren Notwendigkeiten des Überlebens engstens miteinander verbunden.

Liebe und Aggression

Soziale Verbundenheit, sozusagen nach innen, ist hier engstens gekoppelt an Aggressivität und Tötung nach außen. Das kann bei der Besinnung auf urtümliche elementare Verbundenheit nicht außeracht gelassen werden. Manche Schilderungen vorgeschichtlicher Formen betonen die interne Gleichheit und Gleichberechtigung, den inneren Frieden und den Mangel an Egoismus der Mitglieder. Jedoch sind solche relativ elementaren Gesellschaftsformen nicht weniger auch geprägt durch die prinzipielle Aggressivität und Gewalttätigkeit zunächst einmal gegenüber den gejagten Tieren, aber auch gegenüber anderen Gruppen von Menschen.

Möglicherweise ist Aggressivität fundiert in der Konkurrenz um knappe natürliche  Ressourcen (Jagdgebiete, Wasservorkommen… ).  Produktivität/Verbundenheit und Wärme einerseits, Aggression andererseits sind vermutlich gleichermaßen existentiell erforderlich gewesen in alten Zeiten. (Die Aggressivität wird dann historisch zunehmend auch zum Werkzeug der sich herausbildenden Eliten, sowohl die Aggressivität gegenüber den Untergebenen wie auch gegenüber den „Anderen“  – anderen Gesellschaften.

In unserer Zeit eröffnen sich jedoch Möglichkeiten, weltweit mehr Verbundenheit zu praktizieren und der Aggressivität nach und nach den Abschied zu geben.)

Ich mache hier einen Sprung in die neuzeitliche Gesellschaft, ohne zu vergessen, dass zu unserem Selbstverständnis ein gewisses Maß an Bewusstsein der unterschiedlichsten Entwicklungen gehören muss, der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Entwicklungsformen, Misch-, Zwischen- und Übergangsformen, die ich hier übergehe.

Die Einheit von gesellschaftlicher Produktivität und Sexualität

Meine These:

Die eingangs skizzierte urtümliche Einheit von Sexualität und sonstiger Produktion, beide elementar Verbundenheit erfordernd und stiftend, hat mE zwar heute ihre ursprüngliche Sichtbarkeit, ihre Evidenz für viele Menschen verloren, in meinen Augen jedoch nicht ihre Gültigkeit. Diese Einheit stiftet das, was wir eigentlich unter Glück verstehen bzw. zu verstehen wieder lernen sollten.

Für viele Menschen ist heute die Produktion des Lebensunterhalts aufgrund langer historischer Entwicklungen unendlich mehr vergesellschaftet und gleichzeitig enorm entfremdet im Vergleich zu ursprünglicheren Gesellschaftsformen. Man arbeitet, um die individuelle Existenz bezahlen zu können. Der Zusammenhang der individuellen Arbeit mit dem Wohl der Gesamtheit rückt immer mehr aus dem Blick (und darüberhinaus gibt es tatsächlich auch nicht wenige Arbeiten von ausgesprochen gesellschafts- und verbundenheits-schädlichem Charakter, oder z.B. sog. bullshit jobs). Die individuelle Arbeit bildet einen bestimmten relativ abgegrenzten Bereich des individuellen Lebens, während die Sexualität ein elementar anderer zu sein scheint. Zusätzlich setzte diese sich vielfach von der Produktion von Nachwuchs ab. Die Sexualität wird trotzdem mit enormen Glückserwartungen aufgeladen, scheint sie allerdings unter den Bedingungen universeller Entfremdungen eher nicht erfüllen zu können.

Im Folgenden habe ich vor allem das sexuelle Glück oder anders herum ausgedrückt: die sexuelle Frustration im Blick. Das bedeutet aber nicht etwa, dass hier der Hauptort möglichen Glücks zu finden wäre. Der Ort des Glücks ist in meinen Augen ein Zusammenleben, in dem sowohl die sexuellen und erotischen Verbindungen wie die Verbindungen in der Produktion des Lebensunterhalts und der Gestaltung des Gemeinwesens sich entwickeln und einander ergänzen.

Vlt. lässt die oft extreme Entfremdung in der „Arbeit“ den Menschen die Sexualität als den – scheinbar wesensmäßig entgegengesetzten – Bereich einer ersehnten, aber oft verstellten Spontaneität und Natürlichkeit suchen. Vlt. suchen wir in der Sexualität untergründig auch und noch immer diese elementare Produktivitäts-Verbundenheit.

Liebe als individuelles Ereignis

In der modernen Liebe kommen allerdings auch wesentliche kulturelle Entwicklungen zum Tragen, die es so früher wohl nicht oder eher nur selten gegeben zu haben scheint: das hochindividuelle Verhältnis zweier sehr individueller Personen. In der modernen Liebe kombinieren wir mE zwei Hauptelemente: die triebhafte lustvolle Aktivierung der elementaren biologischen Produktivität und die oft hochgradig individuellen Beziehungen, zu denen unser gesamter kultureller Hintergrund uns nach und nach disponiert hat. Mag die biologische gesellschaftliche Produktivkraft auch vielleicht in vielen Fällen nur noch als Potentialität erahnt werden, wenn überhaupt – wahrscheinlich von Frauen eher als von Männern:- unvermeidlich klingt sie meiner Meinung nach in der Sexualität doch an, auch wenn die Beteiligten das vielleicht nicht einmal wollen, nicht empfinden können oder derartige Gefühle unterdrücken.

Der sexuelle bzw.  Liebesakt (heute ist er, wie gesagt, meist eingewoben in eine zuweilen hochindividuelle Beziehung zweier Personen) enthält diverse höchste Glücksmöglichkeiten, darunter mE auch gerade diejenige, darin die elementarste Verbundenheit wieder zu erleben bzw. Elemente davon zu assoziieren. Es klingen Gefühle an, nicht Gedanken: wir sind eins, wir vereinigen uns, nicht nur als zwei Individuen, sondern weil wir zu dem großen biologischen Organismus Menschheit gehören, der als Organismus, untergliedert in zahllose Unterorganismen, sich sexuell reproduziert und gleichzeitig sich ernährend reproduziert, der sein gesellschaftliches Leben gesellschaftlich produziert. (‚Sich vereinigen‘ scheint eher ein Willensakt zweier ‚unabhängiger‘ Individuen zu sein. Wenn er so scheinen mag, vergisst man, dass er eine Folge der schon bestehenden Einheit ist.)

Die historisch zunehmende Individualisierung von Einzelpersonen rückt auch in der Sexualität die Individualität der Beziehung zweier Individuen in den Mittelpunkt des Erlebens. Diese Individuen vermögen gleichwohl wie vor Tausenden von Jahren nur in Verbundenheiten zu existieren, auch wenn ihnen das zuweilen nicht mehr recht gegenwärtig ist bzw. von ihnen sogar als vermeintlich störendes Element empfunden wird.  Der Sexualakt selber allerdings von seiner biologischen Seite her erinnert unweigerlich stärkstens an die Nichtindividualität, an die Kollektivität und die Tatsache, dass wir darin als Organe, als momentane Akteure einer menschlichen Biomasse fungieren. Die Spannung zwischen dem individuellen erotischen Geschehen und dem „Tierischen“ leben wir in unserer Sexualität, in unseren Liebesverhältnissen aus, ohne das zu wissen oder auch nur recht ins Gefühl eintreten zu lassen. Das Glück entsteht in diesem Spannungsverhältnis, in dieser Komplexität, in der Tiefe der Geschichte.  Im sexuellen bzw. Liebesakt sind die unterschiedlichen Seiten simultan anwesend, vielleicht kaum erahnt, aber doch repräsent und ausgelebt.

Das „Tierische“ ist in unserer Kultur aus bestimmten Gründen stark negativ besetzt, ohne es verdient zu haben; genauer: unsere individualistische christliche kapitalistische Ideologie versucht es als etwas Altes, Überwundenes, ja Tabuiertes, jedenfalls als etwas Störendes zu konzeptualisieren und abzudrängen. Oder die kapitalistische Ausbeuterdisposition führt zu Ausnutzungs- und Dienstverhältnissen, die aus Individuen Lustmaschinen machen. Die Zukunft der Erotik liegt aber mE in einer Beziehungskultur, welche die elementare biologische Lust- und Zeugungsmechanik mit der individuellen persönlichen Entwicklung der Partner synthesiert.

Das sexuelle Glück kann mE nicht, oder jedenfalls nicht hauptsächlich, von der orgastischen Lust bzw. auch den diversen sonstigen lustvollen Erregungen her definiert werden, die im sexuellen Geschehen vorkommen (und möglicherweise von Beteiligten als das – wichtigste – Ziel, als der Inhalt ihrer Tätigkeit empfunden werden). Das ist mE ein merkwürdiger und abstumpfender Ansatz; trotzdem scheint er meistens den heutigen Erörterungen über Sexualität zugrunde zu liegen, weil die tiefen Verbundenheiten nicht recht zum Bewusstsein gebracht werden dürfen.

Das sexuelle Glück sollte mE vielmehr vom Erlebnis der Fülle der produktiven gesellschaftlichen Beziehungen her beschrieben werden, der im sexuellen Geschehen angetriggert wird.

Und sexuelles Glück ist auch nur eine der Seiten der primären Verbundenheit. Die andere ist das Glück, das wir erfahren, wenn wir mit anderen Menschen in Weisen kooperieren und uns verständigen, in denen gesellschaftlich Gutes geschaffen wird. Wir sind glücklich, wenn wir gemeinsam mit anderen gesellschaftlich wertvolle Produkte entwickeln oder herstellen, wenn wir soziale Beziehungen verbessern können…  

Möglicherweise sind Frauen für die soziale Komplexität des sexuellen Aktes sensibler als Männer. Für Frauen klingt im sexuellen Geschehen wohl eher und stärker als bei Männern das Thema Mutterschaft an, damit kommen elementare gesellschaftliche Beziehungen, nicht nur die der aktuellen beiden Partner, ins Spiel. Mutterschaft ist auch auf ein günstiges soziales Umfeld angewiesen, nicht nur auf die Verlässlichkeit des Partners. Die Verbindung zur orgastischen Lust scheint bei Frauen auch eine andere als bei Männern. Bei Männern scheint sie relativ direkt zu sein, während bei Frauen der Orgasmus – im sexuellen Akt mit einem Partner – offensichtlich weniger berechenbar und weniger auf mechanischem Weg erreichbar ist, möglicherweise weil es ihnen noch immer mehr auch auf die soziale Verbundenheit ankommt (diese Sätze sind als Vermutungen, als Fragen an weibliche Leserinnen zu verstehen, die sie besser beantworten können als ich).

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Zwei Beispiele für Theorie und Praxis aus der Vergangenheit

Charles Fourier (Anfang des 19. Jahrhunderts), einer der sog. „Frühsozialisten“ bzw. „utopischen Sozialisten“, sah die Einheit der gesellschaftlichen Produktivität(en) sehr klar, nämlich die Einheit der im engeren Sinne sexuellen und reproduktiven Funktionen mit den nichtsexuellen reproduktiven Funktionen. Er postulierte die Bildung gesellschaftlicher Grundkollektive, die er „phalanstère“ nannte. In derartigen Organismen, die jeweils mehrere Tausend Menschen umfassen sollten, wären alle an der Produktion beteiligt gewesen. Sie sollten kollektiv den Lebensunterhalt der Gemeinschaft produzieren, agrarisch, handwerklich, manufakturmäßig (die maschinelle Großindustrie war zu Fouriers Zeit noch kaum vorhanden oder absehbar), und das sexuelle Leben sowie die Aufzucht und Erziehung des Nachwuchses sollten von der zeitgenössischen Kleinfamilie sich wieder entfernen und auf andere, kollektivere Formen zurückgreifen, die die Menschheit zu anderen Zeiten gekannt hatte.

Fourier wollte in seinem Konzept die historisch inzwischen entwickelte Ausgestaltung der Sexualität zu Erotik und individuellen Liebesbeziehungen ebenso berücksichtigen wie die Lust der eher biologisch zu beschreibenden sexuellen Tätigkeiten; er berücksichtigte dabei auch alle möglichen weiteren Ausformungen von Sexualität wie Homosexualität oder auch Enthaltsamkeit etc. pp. Dies alles sollte sich entfalten können in Kollektiven, die optimal geeignet wären zur Produktion der eigenen ökonomischen Lebensgrundlagen ebenso wie zur Entfaltung von Liebe und Lust.

Die unterschiedlichen Aspekte der menschlichen Verbundenheit sind hier, in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten, wohl ganz gut erfasst, meine ich.

Etwas extravagant scheint bei Fourier, wenn man in seinem Regelwerk der erotischen Beziehungen liest, dass er der Orgie ausdrücklich einen Platz im gesellschaftlichen Leben der phalanstère zuweist, natürlich nur für diejenigen Mitgliedern organisiert und zelebriert, die für Derartiges Lust haben.  („Regelwerk“: Fouriers Begrifflichkeit als die eines Franzosen hat immer auch etwas Klassifizierendes oder sogar quasi juristisch Regelndes). Wenn man jedoch zu den Fruchtbarkeitskulten und den damit oft verbundenen kollektiven rituellen sexuellen Festen bspw. Mesopotamiens zurückblickt, denen wohl eine elementare Funktion innerhalb der kollektiven Produktion zukam, erscheint er weniger als Sonderling denn als Autor mit Gefühl für historische Tiefendimensionen.

Die an den individuellen Kleinbesitz gekoppelte Kleinfamilie, insbesondere die spezifische Kultur der Erotik und Sexualität unter kapitalistischen Bedingungen des 20. und 21. Jahrhunders, treibt die Aspekte auseinander. Die individuelle Kleinproduktion und das individuelle kapitalistische Unternehmertum lassen unter ihren rechtlichen und ideologischen Paradigmen die zugrunde liegende Gesellschaftlichkeit der materiellen Produktion ebenso aus dem Blick verschwinden wie das ideologisch verklärte Zweierverhältnis die biologischen Grundlagen der Sexualität verhüllt.

Es sind Paradigmen, die unter christlichen ideologischen Dogmen und parallel unter gesellschaftlich konkreten Entwicklungen (der gesellschaftlichen Spaltung und Orientierung auf das einzelpersönliche Gewinn- und Glücksstreben) im Laufe von 2000 Jahren sich zur Dominanz entwickelt haben. Genauer: seit mehr als 2000 Jahren, denn z.B. in der römischen Gesellschaft prägt sich Ähnliches bereits deutlich früher aus.

Das tiefe und tiefgreifende Glück, das trotzdem weiter erlebbar ist, kommt demgegenüber zustande mE in der Transgression der spaltenden Normen, in der Bejahung der natürlichen biologisch determinierten „Triebe“ und in den Erfahrungen der Kooperation bei der Produktion des gesellschaftlich Guten.  Das „Individuum“ ist glücklich im Wiedererleben des universellen Zusammenhangs der produktiven Menschheit: in einer individuell inspirierenden, kreativen sexuellen Paarung wie in der Erfahrung der Verbundenheit in der Produktion. Die anderen Formen von Glück sind demgegenüber minder.

 

Anhang:

Das Folgende müsste von der historischen Forschung wohl noch weiter geklärt werden.
Ich vermute, dass frühere, bereits hochentwickelte Gesellschaften wie die sumerischen Städte (etwa seit ca. 3.500 vuZ) noch Elemente der archaischen hordenartigen sexuellen Gemeinschaft kultivierten (d.h. sie lebten sie als Kult), und zwar in Verbindung mit dem Tempel, der gleichzeitig eine zentrale Einrichtung der allgemeinen ökonomischen Produktion und Versorgung dieser Städte war. Anscheinend gehörte zu der Vergesellschaftung dieser Städte zentral auch eine rituelle Orgie präindividueller hordenmäßiger Sexualität, die von den „Bürgern“ zusammen mit Frauen, die beim Tempel dafür organisiert wurden, praktiziert wurde. In den Beschreibungen ist traditionell von „Tempeldirnen“ die Rede, ein Ausdruck, der mE das Wesen verfälscht. Es handelte sich wohl eher um eine rituelle Aufgabe, die für das städtische Kollektiv gemeinschaftsstiftende Funktion hatte.
In einer Zeit, in der das Königtum der sumerischen Städte aufkommt, gehörte dazu auch die sog. heilige Hochzeit, die rituelle sexuelle Vereinigung der obersten Priesterin des Tempels mit dem König. (lt. Graeber/Wengrow „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ war allerdings die Königsherrschaft nicht die ursprüngliche Verfassung der sumerischen Städte).
Bei Graeber/Wengrow und bei Robert Bellah („Der Ursprung der Religion“) finde ich in den Ausführungen zum sumerischen „Tempel“ allerdings nichts zum ‚sexualpolitischen‘ Aspekt der Tempelkultur. Diese Autoren scheinen zumindest hier recht „enthaltsam“.
Dass aus solchen wahrscheinlich relativ urtümlichen Formen, aus Riten, die ältere Verhältnisse noch eine Zeitlang konservieren und die Vorzeit durchschimmern lassen, sich andere Formen entwickelt haben, wozu für mich vor allem die Personalisierung (wenngleich unter patriarchalischen Vorzeichen) zählt, die Personalisierung der Beziehungen zwischen Männer und Frauen wie namentlich im Judentum, halte ich allerdings für einen historischen Fortschritt.
Bei allen Fortschritten kommen freilich bestimmte gute Seiten der Verhältnisse, die man überwindet, unter die Räder und melden sich dann später wieder aus dem Untergrund. Das Judentum hat mit größter Energie Dinge wie die sexuellen Tempelriten bekämpft und das Christentum ist dann so weit gegangen, der Sexualität generell mit Argwohn gegenüber zu treten und sie zu erniedrigen, auch einschließlich der Sexualität innerhalb des Ehepaares, das immerhin als hochpersönlich verstanden wurde – wenngleich es weiterhin patriarchalisch, d.h. als eine Form der Knechtung existiert. Mit diesen Entwicklungen sind enorme Entfremdungen der Menschheit nicht nur von der Sexualität, sondern überhaupt von ihren Wurzeln einhergegangen – Entfremdungen, denen erst seit historisch sehr überschaubarer Zeit, seit der französischen Aufklärung und den historisch-materialistischen Strömungen des 19. Jahrhunderts, mit wachsendem Verständnis für die menschliche Natur wie für ihre historischen Transformationen entgegengewirkt wird.

[1] Die Vermutung, dass in ganz alten Zeiten viele wesentliche Aufgaben geschlechtsspezifisch aufgeteilt wurden, ist wohl nicht völlig abwegig. Amazonen dürfte die Ausnahme gewesen sein.

[Die ursprüngliche Fassung dieses Beitrags v. 24.9. 25  war im letzten Abschnitt anders gegliedert.]

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