Worin bestehen eigentlich die prinzipiellen Unterschiede zwischen einem IS und ähnlichen Killerorganisationen, und den USA-Regierungen?

Darin, dass man terroristisch Massen unbeteiligter friedlicher Menschen umbringt, um radikale Vorstellungen von Ausbeutung und Weltherrschaft zu befriedigen? Dass man fundamentalistische Dogmen als Rechtfertigung herumposaunt?

Wohl in der Größenordnung und Systematik, aber nicht im Prinzip. Wenn es  eineinhalb Millionen Menschen sind, die seit 1991 durch direkte militärische Gewalt der USA und ihrer Verbündeten, durch die Zerstörung von Infrastruktur im Irak und anderswo ums Leben gekommen sind, dann können Al-Qaida, der IS und ähnliche Marodeure sicher kaum mithalten.

Das Buch des arabischen Journalisten Aktham Suliman („Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht.“ Nomen-Verlag Ffm. 2017) rekapituliert die Geschichte der Kriege der USA und Verbündeter aus dem „freien Westen“ im Irak, in Syrien,  im Raum zwischen Libyen und Afghanistan seit 1991.

Suliman vermeidet es, sich geostrategisch-analytisch tiefgehend zu engagieren. Er spricht eher von ökonomischen Interessen, von Energiepolitik etc., („Krieg um Öl“), wenn von den übergeordneten Zielen der USA und ihrer Verbündeten die Rede ist, in einer auch von vielen anderen Autoren bevorzugten, leider  etwas oberflächlichen Weise. Dass es den USA seit 1991 um die Durchsetzung und Anerkennung als weltweit unanfechtbarer Militärtyrann gegangen ist, kommt aber immerhin am Rande zur Sprache. Auch dass mittlerweile die Kräfteverhältnisse sich in dieser Hinsicht für die USA ungünstig entwickeln aufgrund der zunehmenden Rivalität mit China und wegen der nicht recht einzupassenden Rolle Russlands – auch aufgrund des eigenen gesellschaftlichen Verfalls und Kräfteverlusts der USA, möchte ich hinzufügen -, das  deutet er am Ende immerhin an.

Aber in der Kritik an der durch und durch verlogenen und verdorbenen Rechtfertigungs-Maschine, den Propagandalügen der Regierungen und der mit ihnen kollaborierenden Medien bringt Suliman viele wertvolle Beispiele und Rückblicke.

Eine starke Seite des Buches liegt in der Nachzeichnung der Zerstörungen in den Mentalitäten der betroffenen Länder. Vorstellungen wie arabischer Nationalismus, linke, sozialismusnähere Ideen, bürgerlich-kapitalistischer Liberalismus wurden lt. Suliman durch die jüngste Geschichte weitgehend diskreditiert und durch die Neubelebung islamischer und islamistischer Orientierungen bei vielen Menschen verdrängt. Von arabischer Einheit bspw. spricht lt. Suliman niemand mehr, nachdem die USA gezeigt haben, wie die verschiedenen arabischen Staaten sich immer wieder gegeneinander ausspielen lassen, ob das Ägypten und Syrien gegen den Irak  oder die Golfstaaten gegen Syrien sind.

Unter der Fuchtel von militärischen und gesellschaftlichen Katastrophen erscheint der Islam, lt. Suliman, vielen Menschen, anders als in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, und in einer Art von Rückwärtswendung, eher als das Eigene, Verlässlichere. Er findet, auch als kultureller Modus vermeintlicher Selbstbehauptung, gegen den brutalen kolonisierenden Westen wieder Zuspruch.

Wenn der Islam sein Haupt wieder erhebt und von den westlichen Propagandisten zu weiteren Rechtfertigungen gewalttätiger Abgrenzungen genutzt wird, dann ist es ein Islam, den so der Westen selbst provoziert hat und weiter provoziert.

Es gibt bei Suliman keine politischen Empfehlungen für Wege aus der heutigen Lage.

Man sollte sich Gedanken machen über praktische menschliche Solidarität und sie praktizieren, wie dies viele Mitbürger insbesondere seit dem Flüchtlingsstrom 2015  getan haben und tun. Man sollte auch die auseinanderdriftenden Interessen der verschiedenen kapitalistischen Blöcke genau analysieren. Die USA haben ihre Kriege im betroffenen Raum vor allem zwecks Gewinnung strategischer Positionen im eurasischen Raum geführt und tun das noch weiterhin. Die engere Einkreisung Russlands mit Militärstützpunkten von Europa bis nach Afghanistan gehörte zu den erkennbaren strategischen Zielen; aber damit ist die Frage schon seit langem nicht erschöpft. Es geht längerfristig um das im Vergleich zu Russland längerfristig viel stärkere China und dessen Ambitionen, die Vorherrschaft der USA über den eurasischen Raum abzulösen. Die Interessen Europas unterscheiden sich hier sehr deutlich von denen der USA, aber auch von denen Chinas und in gewissem Umfang auch von denen Russlands. Mit solchen Verwüstungen jedenfalls, wie die USA sie in der unmittelbaren südöstlichen Nachbarschaft Europas anrichten, kann Europa nicht mehr leben. Die europäischen Staaten müssen hier versuchen, konstruktivere Rollen zu spielen. Angesichts ihrer eigenen kapitalistischen Ausbeutungsinteressen, die plastisch hervortreten z.B. in Fortsetzungsformen der früheren Kolonialpolitik Großbritanniens und Frankreichs, ist das keine unkomplizierte politische  Situation.

Sehr wichtig sind auch die kulturellen Fragen, bspw. wie man in Medien, Kultur und Alltag mit Fragen der islamischen Kultur und Mentalität umgeht. Angesichts der üblen imperialistischen Vergangenheit auch der europäischen herrschenden Klassen gegenüber den vorwiegend vom Islam geprägten Völkern des Vorderen und Zentralen Orients sind hier vor allem erst einmal Zurückhaltung und Sensibilität gefragt. Wie jede Kultur und Religion hat die islamische ihre konkreten Wurzeln in bestimmten Lebensverhältnissen, über die die Menschen selbst keine oder wenig Kontrolle gehabt haben und noch haben. Man kann die Menschen außer in individuellen Fällen nicht verantwortlich machen für Rückständiges – dessen es im übrigen auch in Europa noch mehr als genug gibt -, sondern muss sich auch selbst reflektieren, wenn man das Rückständige bei anderen kritisiert.

 

 

 

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Zum Andenken an Hartmut Dicke (Klaus Sender) – Politische Kreativität und kulturhistorische Sensibilität

Hartmut Dicke hat seine politische Tätigkeit im Rahmen der  – vorwiegend studentischen – revolutionären Aufwallungen Ende der 60er Jahre, vor rund 50 Jahren begonnen. Er wurde aufgrund seiner Einsatzbereitschaft, seiner Geradlinigkeit und intellektuellen Schärfe bald zu einer wichtigen Person in den zahlreichen Auseinandersetzungen innerhalb der damals entstehenden „ML“-Bewegung („Marxisten-Leninisten“) und der folgenden Bemühungen, eine KPD/ML zustande zu bringen.

Der letztliche Misserfolg dieser Phase,  der bald in einen Zustand organisatorischer Getrenntheit mehrerer KPD/MLs auslief, zwang ihm und einem Kreis von Mitkämpfern zunächst die ungewollte organisatorische  Form einer separaten KPD/ML mit dem unterscheidenden Zusatz „Neue Einheit“ auf.

Diese Organisation schaffte es in ständigen und scharfen Auseinandersetzungen mit dem politischen System der BRD  und mit anderen sich auf „den ML“ stützenden kommunistischen politischen Organisationen nicht einfach nur sich zu halten, sondern sich rasant politisch eigenständig zu entwickeln. Das wesentliche Verdienst liegt bei Hartmuts ständiger Arbeit an der politischen Analyse und seiner straffen organisatorischen Führung. Mitte der 90er Jahre benannte die Organisation sich um in „Gruppe Neue Einheit“.

Anfänglich in der ML-Bewegung von einer politischen Doktrin ausgehend, die auf dem theoretischen Studium früherer kommunistischer Bewegungen  und teilweise abstrakten oder irreführenden  Lehrsätzen fußte, entwickelte Hartmut Dicke im Rahmen der von ihm geführten Organisation vieles weiter, immer in Richtung größerer gesellschaftlicher Konkretheit und auch historischer Neubewertungen.

Die Auseinandersetzungen mit den jeweils aktuellen allgemeinen politischen Fragen hatten jederzeit große Spannweite. Sie reichten von der gewerkschaftlichen Arbeit im eigenen Land  zu den Fragen der Entwicklungen in China und zu der gesamten internationalen Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Imperialismus und Sozialimperialismus. Immer zielte sie auf die Entwicklung einer internationalistischen revolutionären proletarischen Bewegung.

Die Stringenz der Beziehung auf die Gesamtheit des internationalen Klassenkampf  verschaffte der Organisation unter Hartmut Dicke im Lauf der Zeit immer mehr reales Wissen und die Fähigkeit zu treffenden Analysen.

Herausragende Beispiele hierfür bereits aus der Zeit ab 1975 sind z.B. der Kampf gegen die beginnenden Produktionsverlagerungen, gegen die sog. „Kampagne gegen Kernenergie“ und überhaupt gegen grün-alternative Vorstellungen, deren innerster Antrieb aus der vergeblichen Hoffnung sich speist, den Kapitalismus irgendwie letztlich zu konsolidieren – und die verblödende imperialistische Privilegiertheit reicher Nationen auf die Spitze zu treiben.

 

Hartmut Dicke stieg bis zu seinem überraschenden und noch immer ungeklärten Tod im April 2008 immer tiefer auch in übergeordnete Fragen der Entwicklung des Sozialismus und Kommunismus weltweit ein. Es entstanden bspw. Analysen der zum Sozialimperialismus degenerierten Sowjetunion,  zur Rolle Mao Zedongs und insbesondere der Kulturrevolution in China und zur Entwicklung des Drei-Welten-Schemas der internationalen Politik unter Mao.

Viele dieser Ergebnisse wurden im Rahmen der Möglichkeiten der Organisation in die öffentliche Diskussion eingebracht, dazu zählen auch Millionen im Lauf der Jahrzehnte verteilte Flugblätter für Betriebe und andere Teile der Öffentlichkeit. Ab Ende der 90er Jahre gewann dann die Propaganda im Internet immer mehr an Bedeutung.

Die Organisation beteiligte sich auch  immer wieder an gemeinsamen Aktionen, Demonstrationen, Kampagnen zusammen mit anderen Kräften, so z.B. gegen die Unterdrückung der Palästinenser (1982), gegen die Irak-Kriege der USA und Verbündeter 1991 und 2003, gegen den NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999, gegen die Hartz-Gesetze usf. Sie war jederzeit auch stark praktisch engagiert.

 

Aus  dieser Entwicklung muss aber jedenfalls eine Reihe ungewöhnlicher historischer und kulturkritischer Ausarbeitungen Hartmuts besonders herausgehoben werden, die seit 1989 bis 2008 entstanden sind und meiner Meinung nach weiterhin für linke und demokratische Kräfte wichtige Grundlagen, jedenfalls aber enorme Anregungen bieten. Sie haben große Bedeutung, und dies auch  im internationalen Rahmen  .

Hier ist vor allem die Schrift „Leninismus und Zivilisation, Einführung zur Kritik“ zu nennen  (1989, erschienen noch unter dem Pseudonym Klaus Sender).

In der Auseinandersetzung mit Lenins Weg in der  Agrarfrage Russlands, zentriert um die Frage der russischen Dorfgemeinschaft und um die Gegensätze zwischen Lenin und den Bolschewiki einerseits, Marx und Engels andererseits, legte Hartmut Dicke Grundlagen dar für das Verständnis der Entwicklung der europäischen Kultur im allgemeinen wie auch der speziellen Grundprobleme der weiteren Entwicklung der russischen Revolution.

(Meines Erachtens ist die Sowjetunion letztlich auch, und vielleicht gerade wegen, schwerer Fehlentwicklungen in der Agrarfrage  vom revolutionären Entwicklungsweg immer mehr abgekommen und von Bürokratismus, Schematismus und Chauvinismus  schließlich überwunden worden.  Das steht so nicht bei Hartmut Dicke, aber er liefert mehr als nur Hinweise, dass die Entwicklung von solchen Ausgangspunkten aus aufgeschlüsselt werden könnte.)

Eine andere bedeutende Arbeit: „José Carlos Mariátegui und kulturelle Fragen der peruanischen Revolution“ (1997, ebenfalls noch unter dem Pseudonym Klaus Sender).

Mit der Arbeit „Über die Herkunft des Judentums – Entwicklung und Bedeutung“ (2003) hat es Hartmut Dicke unternommen, kulturelle Grundfragen, die uns bis heute in vielfältiger Form bewegen, von ihrer Entstehung her zu beleuchten, die im 2. und 1. Jahrtausend v.u.Z. anzusiedeln ist.

Überhaupt befasste sich Hartmut Dicke, neben ständig fortgesetzter tagespraktischer Tätigkeit, immer intensiver mit langzeitigen kulturellen und historischen Voraussetzungen der Möglichkeit heutiger revolutionärer Bewegungen. Sein umfangreiches und präzises historisches Wissen und seine Feinfühligkeit in kulturellen Dingen unterscheiden ihn von Schematikern.

Neben der Kritik an Lenin sind hier zu nennen mehrere Komplexe, die intern bearbeitet und diskutiert wurden, aber leider nicht mehr das Stadium abgeschlossener öffentlicher Beiträge erreicht haben: so zur chinesischen Geschichte und Kultur, zu modernen weltanschaulichen Richtungen wie der „Frankfurter Schule“, und schließlich, wohl das wichtigste Projekt überhaupt, zur Kritik an Marx.

Hartmut Dicke zeigte sich fähig alles zu prüfen und, wenn notwendig, scharf zu kritisieren, was ursprünglich unter dem Stichwort „Marxismus-Leninismus“ als Grundlage und Ausgangspunkt genommen worden war und hatte gelten müssen. Die historische Konkretheit und damit die Tauglichkeit für die Fortsetzung der Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, in welchen Formen auch immer, setzte er für seine Arbeit und die der Organisation fortschreitend durch.

Internationale kulturelle und kulturgeschichtliche Aspekte rückten dabei sehr stark ins Zentrum.

Diese sind weiterhin höchst produktiv; dem grassierenden linken (oder schon länger kaum noch linken) Dogmatismus und Ökonomismus gegenüber erst recht. Die Rolle der USA und des von ihnen vertretenen – und bis jetzt noch geführten – internationalen Kapitalismus hat eben auch sehr spezielle eigene kulturelle Grundlagen, ebenso die chinesische Revolution, und nicht zuletzt der heutige Aufstieg des auf seine eigene sehr spezielle Weise kapitalistischen, herausfordernden China.

Kurz vor seinem Tode konnte Hartmut Dicke noch eine Analyse zum Verhältnis von proletarischer Revolution und nationaler Frage Deutschlands veröffentlichen, unter dem  Titel „Die Doppellage am Ausgang des 1. Weltkrieges“ (2008).

Niemand ist ohne Fehler: Hartmut Dicke zögerte manchmal zu lange, sich von lange gehegten Anschauungen zu trennen; er beklagte selbst mitunter, dass er mit wichtigen Arbeiten zu spät in die Öffentlichkeit gelangt sei. Eine der Ursachen dürfte in einer gewissen Ablenkbarkeit und Provozierbarkeit durch nebensächlichere Felder von Auseinandersetzungen zu suchen sein. Ein besonders problematischer Fall einer zu lange konservierten persönlichen Beziehung gehört mit zu seinen Hemmschuhen.

Der nach Hartmut Dickes Tod bis heute noch unter „Gruppe Neue Einheit“ bzw. „Verlag Neue Einheit“  firmierende Restbestand an Personen, von dem ich mich ab dem Jahre 2010 getrennt sehen musste, hält immerhin das publizierte Erbe Hartmut Dickes öffentlich verfügbar. Was den eigenen Anspruch dieser Leute auf Fortsetzung seiner Politik betrifft, sieht es allerdings kümmerlich aus.

 

 

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Interview mit einem arabischen Journalisten

Interview mit dem arabischen Journalisten Aktham Suliman über die sog. Anti-IS-Rückeroberung von Raqqa in Syrien durch USA etc. und,  wichtiger, über die Vorgeschichte von Kriegen und Islamismus von Afghanistan bis Libyen  in der Region seit 1991.

 

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Die Krise Griechenlands und der EU, wie sie ein Funktionär der finanzkapitalistischen Ordnung sieht – und Oligarchen, Kriminalität und Korruption auf höchster Ebene ausblendet

 

Notizen  zu dem Buch von Giorgos Papakonstantinou „Game Over. Griechenland in der Krise:  Der Insiderbericht“. Or. Engl., 2016 Kyriakos Papadopoulos Publishing S.A , dt.Kolchis Verlag Wettingen (CH) 2017

Das Buch ist über längere Passagen hin interessant und flüssig geschrieben.

Allerdings müssen die Grundkategorien des Autors sehr kritisch beleuchtet werden.

Den Autor interessiert nicht primär die griechische Gesellschaft, insbesondere die Masse der Bürger, sondern das standing Griechenlands, d.h. seiner zeitweiligen Regierung unter Führung der Partei PASOK, gegenüber den internationalen „Finanzmärkten“.

Anders ausgedrückt: welche Politik hat er als Finanzminister dieser Regierung gemacht, und welche Politik hält er im weiteren für richtig, damit Griechenland trotz seiner unendlichen Verschuldung, seiner international ständig defizitären Ökonomie  und der geringen eigenen Finanzkraft (soweit sie sich im Regierungsbudget niederschlägt), weiterhin Geld von den sog. Märkten bekommt.

Reformen des griechischen Systems interessieren ihn vorerst unter dem Aspekt, ob sie geeignet sind, den „Märkten“  das Bild zu vermitteln, man bekomme sein Geld – natürlich mit Gewinn –  wieder zurück, wenn man z.B. griechische Staatsanleihen kauft oder in die griechische Ökonomie inverstiert.

Die sozialen Katastrophen, denen die griechische Gesellschaft im Laufe der Krise Griechenlands  und der EU unterworfen wurden und weiterhin werden, werden von Papakonstantinou  zwar nicht völlig ausgeblendet, sondern durchaus erwähnt und mit einigen teilnahmsvollen Sätzen gewürdigt. Allerdings behauptet er, sie seien unvermeidlich, weil die früheren Regierungen Griechenlands mit ihrer unverantwortlichen Politik   das Land in die staatliche Zahlungsunfähigkeit geführt hätten und seiner eigenen Regierung (ab 2009) nichts übrig gelassen hätten, als zunächst einmal der griechischen  Gesellschaft gegenüber Härte zu zeigen und das Vertrauen der Märkte neu zu erobern.

Er bemerkt zutreffend: auch das Management der EU hat die griechische Misswirtschaft bis zu dieser Zeit laufen lassen. Ökonomisch starke Länder wie Deutschland  und Frankreich hätten durchaus von ihr mitprofitiert – bis dann eben Ende 2009 mit dem Antritt der Regierung Andreas Papandreou  und ihrem Finanzminister Papakonstantinou  offenbar gemacht werden musste, dass die Kreditwürdigkeit Griechenlands null und der Zusammenhalt der EU in Frage gestellt waren.

Eigentlich aber kann man das Buch in die Tonne kloppen, weil  Papakonstantinou  ein Grundproblem, wenn nicht sogar das Grundproblem Griechenlands und aller Rettungen durch EU und IWF nicht einmal anspricht: die Sonderstellung der sog. Oligarchen, der Inhaber von Reedereien, Medien, Fußballklubs, Flughäfen, Bergwerken u.v.a.m., die in diesem Land außerhalb des Gesetzes und über demselben stehen.

Das griechische Parteiensystem gehört zu ihrer Klientel, sie bearbeiten die Mentalität des griechischen Volkes mittels der Medien, die ihnen anscheinend überwiegend gehören.

Ihre Vermögen liegen in der Schweiz, Liechtenstein, Monaco und anscheinend v.a. in London. Dass sie dort ebenfalls über den Gesetzen stehen, darf man mit einigen Gründen vermuten. Dass auch EU-interne Steueroasen wie Luxemburg oder die Deutsche Bank mit von der Partie sind, will ich mangels Kenntnissen weder bestreiten noch ausschließen.

Im Jahre 2015 kam es im Zusammenhang mit dem Amtsantritt  der Regierung Tsipras (Syriza) und ihres ersten Finanzministers Varoufakis zu einigen erneuten Hinweisen auf diese Strukturen, in internationalen und auch deutschen Medien. Man tippe in die Suchmaschine „Griechenland Oligarchen“, um solche Beiträge nachzulesen.

Beleuchtet wurden im Grundzug folgende Strukturen: die finanzielle Schwäche des griechischen Staates ist im Spiegelbild die finanzielle Stärke der Auslandsvermögen der Oligarchen sowie auch weiter unten stehender Vermögender Griechenlands, reicher Anwälte, Ärzte usf., die alle keine oder kaum Steuern zahlen und im Verlauf der Krise erst recht ihre Gelder aus dem Land abziehen.  Es ist von Vermögen von 60 Milliarden Euro die Rede. Wahrscheinlich ist das eine zu geringe Zahl.

Papakonstantinou  erwähnt zwar die unteren Schichten Vermögender und spricht auch von einigen Maßnahmen, hier  endlich ein paar Steuern einzutreiben, er erwähnt aber die Oligarchen nicht.

Keine bisherige Regierung, auch nicht die von Tsipras trotz ihrer Ankündigungen von 2015, hat hier etwas zustande bekommen.

Das Thema verschwand dann auch aus den Medien, die es 2015 für kurze Zeit aufgenommen hatten – wohl um die Regierung Tsipras zu stützen, die eigentlich Anti-EU war und dem gesamten Rettungsprogramm der EU ursprünglich den Todesstoß versetzen wollte. Das entsprach einer starken Linie innerhalb eben dieser bestimmten Medien.  Bald wurde Tsipras von der EU gezwungen, damit etwas zurückzustecken.

Auch in schwerstkriminelle Aktivitäten wie Heroinschmuggel und andere umfangreiche Schmuggeleien sollen zumindest bestimmte Oligarchen verwickelt sein.

Die Spitze der Anschuldigungen von 2015 besteht in der Aufdeckung, dass die Rettungsprogramme der EU genau die Oligarchen erneut bereichert haben, die eigentlich an derjenigen  Misere die Kernschuld tragen, die doch von den Rettungsprogrammen angeblich geheilt werden soll.

Bspw. wurden ihre Banken mit EU- und IWF-Geldern rekapitalisiert, und die von der EU und dem IWF geforderten Privatisierungen griechischer Unternehmen und Ressourcen sollen ihnen zusätzliche fette Beute in ihre Konglomerate spülen. Mit dem aus dem griechischen Volk in der Krise unter den Austeritätsprogrammen zusätzlich ausgesaugten Reichtum investieren sie weiter in das internationale Finanzsystem, das an den Rettungsprogrammen seinerseits weiter verdient und sich noch größere Teile der griechischen ökonomischen Substanz aneignet.

Man kann sich kaum vorstellen, dass die verantwortlichen Politiker der maßgeblichen EU-Länder wie Deutschland und Frankreich und in der EU-Bürokratie von diesen Zusammenhängen nichts oder wenig wissen.

Natürlich wissen sie davon, weil der Reichtum der Milliardäre in und außerhalb der EU, der legale, der halblegale, der kriminelle und der schwerkriminelle Reichtum, einschließlich auch der zig-Milliarden der verschiedenen Mafien, Camorren, der Drogen- und Menschenhändlerkartelle, die Europa ebenso durchziehen wie die Welt außerhalb, –  weil  diese ganze Mischung der Gelder die  Substanz des finanzkapitalistischen Systems bilden, von dem ihre Staatshaushalte  leben –  das sie letztlich selber bezahlt.

Die Aktivitäten eines selbst vom internationalen Finanzkapitalismus abhängigen Systems wie der EU, insbesondere der Eurozone, zur Stabilisierung Griechenlands und anderer Mitglieder, letztlich zur Stabilisierung auch Deutschlands und der anderen etwas stärkeren Ökonomien sind Aktivitäten zur weiteren Bereicherung der Milliardärsschichten und zur Absicherung des von ihnen kontrollierten kapitalistischen Systems.

Dieses System befindet sich nun allerdings, nach Jahrzehnten einer relativ einhelligen und einvernehmlichen Globalisierung unter klarer Führung der USA und überhaupt des „angelsächsischen“  Blocks,  in einer Phase des Zerfalls, der Neuaufteilung der finanziellen Schwergewichte.

Vor allem der Aufstieg Chinas zum Herausforderer auf industriellem, finanzkapitalistischem und militärischen Gebiet markiert die Herausbildung von Fronten innerhalb des globalisierten Systems. Die EU, selbst ein nicht unwichtiger Teilhaber am internationalen Reichtum, d.h. der internationalen Ausbeutung unter dem Schirm der bisherigen Globalisierung, und selbst von den finanzkapitalistischen Strukturen im Innern stark geprägt und kontrolliert, muss nunmehr ihre Haut retten. Sie gerät zwischen China und den USA, mit denen beiden sie äußerst stark verblockt ist, in eine prekäre Position über verschiedenen möglichen Abgründen, seien diese heiße militärische Konfrontation zwischen beiden Supermächten, seien sie ein gemeinsames Spiel beider gegen Europa. Die USA haben den militärischen Block im Prinzip aufgekündigt und treten auf verschiedenen Schauplätzen, z.B. im Falle Syrien, seit längerem schon in offenen Gegensatz zu europäischen Interessen.

Es ist dieser Hintergrund, vor dem sich der Prozess eines stärkeren finanzkapitalistischen und politischen Zusammenschlusses Europas vollzieht. Die griechische Krise sowie die mehr oder weniger zeitgleichen spanischen, portugiesischen, irischen Krisen usf. bilden die Katalysatoren dieses Einigungsprozesses, aber die übermächtigen Motoren desselben liegen in der internationalen geostrategischen Rivalität, die sich neu entfaltet und neue Bruchlinien bekommt.

Bei Papakonstantinou  findet man kaum Erwähnung dieser übergeordneten strategischen Fragen.

Die europäische Einigung schafft nach innen hin keine Besserung hinsichtlich der Abhängigkeit vom Finanzkapital und seiner gemischtkriminellen Struktur.

Erkennbar ist zwar die Herausbildung eigener europäischer finanzkapitalistischer Schwergewichte, eigener Agenturen wie der verschiedenen Rettungsfonds, und der Kurs auf eine Politik zunehmender Vergemeinschaftung von Schuldenwirtschaft, Staatshaushalten, Bankenkontrollen etc. Das Buch von Papakonstantinou  ist einerseits ein anschaulicher Bericht über die Kämpfe, die in diese Richtung sich anlässlich des Bankrotts seines eigenen Landes und anderer Länder entwickeln, andererseits aber ein trauriges Beispiel für die Konservierung der üblen korrupten, kriminellen und gemischtkriminellen Strukturen im Innern der EU.  Ob diese in der weiteren Entwicklung vielleicht etwas mehr beleuchtet und bekämpft werden, ist offen. Das Buch weist leider nicht in diese Richtung.

Bezeichnend ist u.a. die Art, wie Papakonstantinou das Phänomen „der Märkte“ behandelt. „Die Märkte“ sind in seinem Verständnis die internationalen Finanzmärkte, aus denen sich u.a. die Staaten, auch die Staaten Europas, finanzieren. Man muss es eigentlich so ausdrücken: von denen ihre bankrotten Staatshaushalte und damit ihre gesamte Politik abhängen.

Papakonstantinou  vermeidet es, diese „Märkte“ zu analysieren. Welche Rolle spielen darin bspw. die bisherige „angelsächsische“ Dominanz (USA+London), in welchem Maße dient diese Dominanz den geostrategischen Interessen der USA, auch und gerade wenn diese im Gegensatz zu europäischen Interessen sich entwickeln?

Von den Störfeuern, die diese „Märkte“ und die von ihnen abhängigen Medien immer wieder gegen die europäische Rettung Griechenlands, letztlich sogar in manchen Phasen gegen die EU-Zugehörigkeit  Griechenlands zu zünden wissen, gibt er zwar viele einzelne Beispiele, ohne aber einen analytischen Zusammenhang zu versuchen.

Papakonstantinou  erklärt „die Märkte“ für „irrational“. Das sind sie nur, wenn man ihnen selbst untergeordnet ist, in ihnen und für sie zu funktionieren hat und nicht beabsichtigt, aus solchen Abhängigkeiten herauszutreten, sie politisch-wissenschaftlich zu analysieren und der Gesellschaft Instrumente an die Hand zu geben, sich selbst aus solchen Abhängigkeiten zu emanzipieren.

 

Das Buch ist ein Lehrbeispiel für die Abhängigkeit europäischer Regierungen und des EU-Systems insgesamt von diesen sog. Märkten. Es zeigt aber auch umgekehrt auf, dass europäische Regierungen mit ihren Entscheidungen fallweise die Märkte beeinflussen können und Finanzströme zum eigenen Nutzen – so wie sie ihn verstehen – anzapfen können.

(Ob andere Regierungen mächtigerer und wesentlich monolithischerer Länder, der USA und Chinas, in ähnlicher Weise von diesen Märkten abhängen bzw. ob sie von anderen Finanzquellen abhängen, und wie stark sie ihrerseits Einfluss darauf haben, von wem und wieviel und zu welchen Konditionen sie Geld bekommen, muss hier ausgeblendet werden. Ich nehme an, dass erhebliche Unterschiede bestehen.)

 

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