Das Schulwesen in NRW leidet seit langem unter Unterrichtsausfällen – und offenbar soll das auch so bleiben

Der Unterrichtsausfall an den Schulen des Bundeslandes NRW ist seit langem ein wichtiges Thema.

Die Lehrerkollegien sind in vielen Fällen seit  langem so knapp besetzt, daß schon wenige Krankmeldungen von Lehrern zu Lücken im Stundenplan führen, die nicht gefüllt werden können. Oft fallen die Stunden völlig aus, oder es erscheinen Vertretungslehrer, die das Fach nicht unterrichten können und irgendeine Beschäftigung anordnen. Erhebliche Ausfälle zu Schuljahresbeginn an Gymnasien, wenn turnusmäßig Studienfahrten etc. anstehen, sind gleichfalls nicht selten, obwohl es sich hier, anders als bei Krankheitswellen, um planbare Mängel von Lehrkräften handelt.

Seit langem wird von Elternvertretern und mittlerweile auch vom Landesrechnungshof gefordert, daß das Ministerium seine lächerlichen Erzählungen, der Unterrichtsausfall sei äußerst gering, mit einer Buchführung über die tatsächlichen Ausfälle belegt, und immer wieder wird diese Forderung abgelehnt. Wären die Ausfälle aber tatsächlich im Bereich von bloß 2 oder 3 Prozent, wie das Ministerium behauptet, dann müßte es seinerseits längst eine solchen Statistik erstellt haben, um mit harten Zahlen die angeblich ungerechtfertigten Kritiken zurückweisen zu können. In Wirklichkeit gibt es an nicht wenigen Gymnasien immer wieder Zeitabschnitte, in denen mehr als zehn Prozent, manchmal ein Viertel bis ein Drittel des Unterrichts ausfällt und nur teilweise vertretungsweise erteilt, d.h. oft bloß formal abgehalten wird. Und wenn es sich dabei um Besonderheiten bestimmter Schulen handelte, die im landesweiten Durchschnitt letztlich wenig ins Gewicht fallen, wäre das eben statistisch zu beweisen.

Die wiederholte Weigerung des Ministeriums, die Ausfälle überhaupt zu registrieren, ist ein Beleg für die Berechtigung der Klagen.

Nun geht das Ministerium, das mittlerweile unter der Leitung von Sylvia Löhrmann (Grüne) steht, noch einen Schritt weiter. Es hat sich ein Gutachten aus der Ruhr-Uni Bochum bestellt, das dem Ministerium empfiehlt, sich weiterhin der Forderung nach einer Statistik der Ausfälle zu widersetzen. Anscheinend sind in dem Gutachten auch erstklassig doofe Begründungen dafür  enthalten, wenn ein Bericht der „Ruhr-Nachrichten“ v. 23.1.2014 inhaltlich richtig ist: angeblich müßten landesweit 700 Lehrer abgestellt werden, um den Ausfall adäquat zu messen. 700 pädagogische Vollarbeitskräfte würden benötigt, um die Klassenbücher periodisch, vielleicht vierteljährlich durchzusehen, die Ergebnisse in Tabellen zu schreiben und ans Ministerium zu schicken? Das wirkt wunderlich. Solcherlei wäre jedenfalls Sekretariatsarbeit und würde dem landesweiten Volumen der Lehrerstunden wohl kaum auch nur annähernd einen derartigen Abbruch tun.

 

Aber es kommt noch dreister. Das Gutachten, so schreibt die Zeitung,  relativiere auch die Bedeutung des Themas Unterrichtsausfall, es habe nämlich die tatsächliche Unterrichtszeit nur mittelbar mit dem Lernerfolg der Schüler zu tun. Vielmehr komme es auf die Qualität des Unterrichts an.

Das ist in mehrfacher Hinsicht eine Selbstparodie der Landesregierung. Es handelt sich formell zwar nur um ein Gutachten, aber man darf ja wohl wie fast immer bei Gutachten, Umfragen und dergleichen davon ausgehen, daß sie als Auftraggeber nicht ganz unbeteiligt an einer Zielformulierung für das Gutachten war.

Wenn es ihr tatsächlich um die Qualität des Unterrichts ginge – die in der Tat mindestens so wichtig ist wie die vollständige Erteilung der im Lehrplan vorgeschriebenen Stunden – dann hätte sie nicht gerade erst schwerwiegende Qualitätsverschlechterungen der Lehrerausbildung verordnen dürfen. Es handelt sich hier bspw. um die Verkürzung des Referendariats von zwei auf eineinhalb Jahre und die Erhöhung des Mandats an selbständigem Unterricht, den die noch kaum ausgebildeten Referendare.zu erteilen haben.

Und wenn der Unterrichtsausfall in Wirklichkeit zahlenmäßig so unbedeutend wäre, wie die Regierung immer behauptet, dann wäre dieses Argument vom Vorrang der Qualität des Unterrichts vor seiner zeitmäßigen Erfüllung überflüssig.

 

Was für sich betrachtet wie eine Posse degenerierter Bürokraten erscheinen könnte, sollte mE im politischen Zusammenhang gesehen werden. Die systematischen Unterbesetzungen der Lehrerkollegien mit den unvermeidlichen Folgen größerer Unterrichtsausfälle sind ja nur ein Teil der nachteiligen Entwicklungen im Schulwesen. Eine andere Seite der ungenügenden Ausstattung des Schulwesens mit Lehrern sind die zu großen Klassen. Gerade in Gebieten mit großen sozialen und bildungsmäßigen Unterschieden zwischen den Schülern – und die nehmen bekanntlich aufgrund der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung noch weiter zu – sind Klassen um die dreißig oft viel zu groß. Nur pädagogische Genies schaffen es, vielleicht, den ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Anforderungen der Kinder und Jugendlichen in solchen Klassen auch nur annähernd gerecht zu werden. Normales Personal ist damit auch bei viel gutem Willen und guter Ausbildung überfordert. Das Lernniveau muß unter solchen Bedingungen längerfristig und unaufhaltsam nach unten gehen. Dem wird dann, nebenbei bemerkt, mit dem „Inklusions“-Gesetz der Landesregierung noch eins draufgesetzt.

Man fragt sich natürlich, ist diese Tendenz unvermeidlich, weil „gespart werden“ muß, oder gibt es andere Motive? Das Argument von den Sparzwängen der öffentlichen Haushalte kann als erledigt gelten – es gibt ja mittlerweile genug Mitbürger, die sich angesichts der Hunderte von Milliarden, die einem korrupten und betrügerischen Bankenwesen von den Regierungen in den Rachen geworfen wurden und weiter werden, einen solchen Schwachsinn nicht länger erzählen lassen wollen. Es fragt sich, ob die verantwortlichen politischen Parteien und Ministerialbürokratien überhaupt eine Aufwärtsentwicklung im Schulwesen tatsächlich wollen. Sind die Symptome vielleicht derart zu deuten, daß ihnen schon eine Konservierung der breitflächig zu konstatierenden Mittelmäßigkeit des Schulwesens genügt? Oder muß man nicht angesichts seiner langjährigen Abwärtsentwicklung sogar noch härter fragen, nämlich ob diese politisch gewollt ist?

Ich vertrete seit längerem die Meinung, daß die herrschenden politischen Kräfte in Deutschland für die fortschreitende Abwärtsentwicklung des Landes stehen – Einiges dazu in meinem Beitrag „Der Ruin Deutschlands – System und Ziel“

http://www.waltergrobe.de/2011/07/10/der-ruin-deutschlands-%E2%80%93-system-und-ziel/

Das Schul- und Bildungswesen ist hierbei ein besonders empfindlicher Indikator. Nicht nur das: es dürfte wenige Methoden geben, dieses Land längerfristig zugrundezurichten, die so zentral und wirksam sind wie die Verschlechterung seines Bildungswesen.

 

 

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