Die Laufzeitverlängerung

Mit der Bestätigung des Ausstiegs aus der Kernenergie und mit „erneuerbaren Energien“ aus der Krise?

Walter Grobe, 05.09.2010

Der heute zu erwartende Regierungsbeschluß widerspiegelt die Politik, auf die sich die Mehrheit der deutschen Wirtschaftschefs und die Merkel-Regierung offenbar geeinigt haben. Es soll beim Ausstieg aus der Kernenergie  bleiben, der Umstieg auf die sog. erneuerbare Energien soll forciert werden, gerade indem man mit etwas verlängerten Laufzeiten das Geld dafür abzuschöpfen hofft, das anderwärts knapp wird.

Trotz Protesten von SPD, Grünen etc. und einigen plakativen Aktionen wird der Beschluß im großen und ganzen akzeptiert werden. Wahrscheinlich folgen allerdings noch einige langwierige Gerichtsverfahren z.B. vor dem Bundesverfassungsgericht, die aber wohl nur Einzelheiten modifizieren werden – wenn nicht die politische Gesamtszene sich deutlich ändern sollte.

Der grundsätzliche Feldzug gegen die Kernenergie in Medien und Politik wird auch nach dem Beschluß weitergeführt werden, um die Umstellung auf die sog. erneuerbaren Energien noch weiter zu forcieren.

Die deutsche Bourgeoisie strebt in ihrer Mehrheit tatsächlich eine viel weitergehende Umstellung der Energieversorgung auf die sog. erneuerbaren Energien, auf Windräder, Solarpanels, Gärgase und dergleichen an als sie heute erreicht ist. „Die ökologische Ausrichtung unserer Energieversorgung ist richtig. Erneuerbaren und CO2-freien Energien gehört die Zukunft“, heißt es eingangs des „Energiepolitischen Appells“ führender Manager, einiger Politiker, Journalisten und Verbandsfunktionäre, der vor einigen Wochen mit großem Paukenwirbel veröffentlicht wurde als ang. Opposition gegen Merkel und Röttgen. So sieht nach den Maßstäben dieser Herrschaften eine „moderne und sichere“ Energiewirtschaft aus, und der Rest der Welt wird sich, geben sie vor, nach diesem Vorbild richten und den deutschen Unternehmen den Kram massenhaft abkaufen, wenn es mit den Autos und anderen bisherigen Exportstützen nicht mehr so läuft.

Diese Politik ist seit einer ganzen Reihe von Jahren im Grunde schon maßgeblich. Mit dem jetzigen Beschluß der Bundesregierung wird in diesem Sinne der Ausstieg aus der Kernenergie bekräftigt sowie ein Zeitplan und ein Finanzierungsmodus der Umrüstung auf die erneuerbare Energien skizziert, wie er der Mehrheit der wirtschaftlich und politisch an hoher Stelle Verantwortlichen unter heutigen Bedingungen gangbar scheint. Politisch will man die Opponenten des Ausstiegs weiter an den Rand drängen, gleich ob es sich um bestimmte Kapitalisten, Wissenschaftler, Volkswirte oder auch um sozial Engagierte und Revolutionäre handelt, die den Ausstieg im Gegensatz zum linken mainstream immer vehement kritisiert haben.

„Mut und Realismus für Deutschlands Energiezukunft“ heißt die Überschrift. Welche Art von „Mut“  beseelt diese Menschen, wie stellen sie sich der Realität? Man muß schon von ganz besonderem Holz sein, wenn man sich der ganzen übrigen Welt gegenüber derart in Positur wirft wie die Herren, die diesen Appell unterzeichnet haben. Es gibt heute kein wichtiges Land mehr, das nicht im Gegensatz zu Deutschland die Kernenergie  installieren bzw. weiter ausbauen will. Weiterentwicklung, Ausbau und Neuinstallation von Kernkraftwerken wird heute betrieben nicht nur in allen wichtigen sich entwickelnden Ländern wie China, Indien, Brasilien, Türkei, Iran usf, sondern auch in allen älteren Wirtschaftsmächten wie USA, Frankreich, Großbritannien und zahlreichen kleineren europäischen Ländern wie Finnland, Tschechien und den baltischen Staaten; Russland und selbst arabische Golfstaaten nicht zu vergessen. Viele neue Techniken werden entwickelt, neue Reaktortypen, neue Brennstoffe usf.

Mit dem Realismus der deutschen Energie- und Exportpolitik kann es nicht sehr weit her sein, wenn man meint, sich von derjenigen Energietechnik abkoppeln zu können, die die Welt immer mehr als Rückgrat der Stromversorgung sieht. Mit Randphänomenen von vergleichsweise primitiver Technik wie Windrädern aber den großen Reibach zu machen wird der deutschen Bourgeoisie nicht gelingen. Bisher hat deutsche Technik noch immer auf manchen Gebieten einen guten Ruf. Mit Windrädern wird sie den nicht mehr lange bewahren können.

Eine höhere Logik

Der vermeintliche Realismus der Herrschaften hat einen anderen Hintergrund, der freilich nicht genannt wird. Der Ausstieg ist kein purer Wahn oder Unverstand, wie manche seiner Kritiker immer wieder versucht dargelegt haben. Er hat für eine bestimmte Kapitalistenrichtung durchaus eine eigene wirtschaftliche Logik, zumindest nach ihrer Meinung. Der kommen die Kritiker auch mit dem tausendsten Nachweis der technischen und ökonomischen Widersinnigkeit der Abschaffung der Kernenergie  und der Umstellung auf die erneuerbare Energien nicht bei. Diese Logik liegt auf einer höheren Ebene.

Um zu verstehen, was diese Kreise politisch treibt, muß man auf die kapitalistische Krise eingehen. Nicht nur auf die derzeitige manifeste Weltwirtschaftskrise, sondern auf die grundsätzlichen Faktoren von Wirtschaftskrisen und -katastrophen, die dem Kapitalismus innewohnen und weiter innewohnen werden, auch wenn er die kommende Phase – in der es freilich erst noch richtig zur Sache gehen wird –  als Gesellschaftssystem irgendwie überstehen sollte.

Den Kapitalismus mit organisierter Kapitalvernichtung retten ?

Kapitalismus bedeutet grundsätzlich die ständige Höherentwicklung der Produktivität der menschlichen Arbeit, die Entwicklung von produktiven Möglichkeiten, die den Milliarden der heutigen Weltbevölkerung ein wesentlich besseres Leben ermöglichen würden als sie heute führen müssen – wenn nicht der Kapitalismus selbst dem entgegenstünde. Unter den Bedingungen der Niedriglöhne und des Raubbaus am Menschen und an der Natur,  den Bedingungen der Armut der großen Mehrheit der Weltbevölkerung kann nicht genug der wachsenden Produktion abgesetzt werden, können große Teile des akkumulierten Kapitals nicht mehr verwertet werden. Da aber ebendieselbe Armut der großen Mehrheit der Menschen wesentliche Bedingung für ihre Unterwerfung als Arbeitskraft für das Kapital ist, wird sich an diesem grundsätzlichen Widerspruch auch nach der 15. oder 20. Krise nichts ändern, es sei denn, das kapitalistische Eigentum würde durch gesellschaftliches Eigentum ersetzt. Solange das sich nicht durchsetzt, bleibt nichts übrig als immer wieder den kapitalistischen „Reset“ zu versuchen. Kapital wird vernichtet, Anlagen stillgelegt, Arbeitskräfte entlassen und Armut vertieft, bis die Bedingungen wieder so profitabel erscheinen, daß eine Trendwende möglich wird.

Diese Zusammenhänge haben die hohen kapitalistischen Verfechter der „erneuerbaren Energien“ irgendwie vor Augen. Sie betreiben fundamental die Vernichtung technisch besonders fortgeschrittener, besonders produktiver Kapitalanlagen, hier insbesondere der Kernenergie – und der ganzen Wissenschaften und Betriebe, die damit zusammenhängen.  Diese Anlagen sind nicht nur hinsichtlich ihrer eigenen Produktivität eine der Spitzen der heutigen weltweiten Entwicklung, sondern mit dem billigen Strom, den sie abgeben, steigern sie tendenziell die Produktivität der gesamten Wirtschaft nicht unerheblich.

Wir haben hier den bemerkenswerten Fall einer Kaste von Wirtschaftsführern, die nach Mitteln und Wegen sucht, die unter ihrer eigenen Händen herangewachsene Produktivität des Kapitals künstlich zu reduzieren. Sie meinen wohl einen Krisenfaktor dadurch besser in den Griff zu bekommen. Hier wird in einem Ausmaß organisierte Kapitalvernichtung betrieben, das weltweit einzigartig sein dürfte – aus Furcht vor der unorganisierten, die ihnen von der Krise ins Haus getragen wird.

Da es aber hier das eigene Kapital ist, das vernichtet wird, muß Ersatz geschaffen werden. Der Rubel muß weiter rollen. Ersatz soll der Staat schaffen, und schafft er in der Tat seit einer Reihe von Jahren bereits im Umfang von hunderten von Milliarden Euro durch die gesetzliche Erzwingung von Subventionen für die erneuerbare Energien. Ein ständig wachsender Teil der Löhne und Einkommen, auch des kleineren Immobilienbesitzes, des Kapitals vieler Unternehmen und sonstiger Vermögen wird über die immer weiter steigenden Strompreise, über alle möglichen Ökogesetze und Steuern abgeschöpft und in erzwungene Kapitalinvestitionen von rückwärtsweisender Technologie geleitet. Diese nehmen selbst für eine Ökonomie von der Größenordnung der deutschen bestimmendes Ausmaß an und führen zu einer weiteren umfassenden staatsbürokratischen Umstrukturierung der Gesellschaft.

Der RWE-Chef Großmann sagte in einem Interview der FAZ v.5.9.2010 u.a.:

“Damit die erneuerbaren Energien die Hälfte der Stromerzeugung übernehmen, ist ein völlig neues intelligentes Hochspannungsnetz erforderlich. Das ist, als wollte man alle Autobahnen in Deutschland 16-spurig machen.“

Man sollte meinen, hier will jemand die Blödsinnigkeit  des Konzepts veranschaulichen, aber nicht so Großmann, die übrigen Herren des „Energiepolitischen Appells“ und ihre „Mutti“. Sie gedenken damit diejenigen Milliarden, ja Billionen in die Hand zu bekommen, die sie auf dem Weg der kapitalistischen Konkurrenz, des Marktes etc., der Höherentwicklung von Technik und Produktivität nicht mehr realisieren können, die sie auf diesem Weg vor allem auch gar nicht mehr realisieren wollen. Dem Kapitalismus elementar eigen ist die Austragung der Konkurrenz gerade auch durch die bessere Technik und die höhere Produktivität. Dieses Gesetz wollen die Merkel, Röttgen, Ackermann, Großmann etc. außer Kraft setzen. Wenn das nicht gelingt, dann würden sie selbst die kapitalistischen Widersprüche noch weiter verschärfen, fürchten sie. Also lieber die staatlich unterfütterte Selbstkastration.

Die Opposition gg. die Kernenergie  ist politischer Natur, sie soll den Kapitalismus konservieren. Der jetzige Beschluß der Bundesregierung im Einklang mit dem „Energiepolitischen Appell“ ist eine Art Sonderweg der deutschen Bourgeoisie im Kampf um die Erhaltung des Kapitalismus trotz Krise und um die Sicherung des Reibachs für bestimmte führende deutsche Firmen.

Im übrigen ist sie auch ein Werkzeug der internationalen kapitalistischen Konkurrenz, des zumeist untergründig ausgetragenen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Krieges anderer Mächte wie der USA und Russlands gegenüber Deutschland. Der Ausstieg in Deutschland wurde auch durch internationalen Druck erzwungen. Wahrscheinlich wurden anläßlich der deutschen Einheit von der deutschen Bourgeoisie entsprechende Zugeständnisse gemacht. Jedenfalls stammen die entscheidenden Beschlüsse in Deutschland gegen die Kernenergie  aus den Jahren, in denen diese Einheit international vorbereitet und abgesegnet wurde. Hier und nicht nur hier beteiligt sich die deutsche Bourgeoisie am Krieg gegen das eigene Volk.

Bleibt hier festzuhalten, daß dieses Konzept schon aufgrund der internationalen Konkurrenz scheitern wird. Gleichzeitig ist es auch ein Konzept verschärften Raubbaus nach innen, kombiniert mit staatlicher umverteilender Begünstigung bestimmter Kapitalgruppen und Bevölkerungskreise – nicht wenige Bauhandwerker und Klempner profitieren von den Ökoprogrammen, um nur ein Beispiel ‚von unten’ zu nennen. Es unterminiert auch von innen her die Position des deutschen Kapitalismus. Man darf daher auch von dieser Frage her weitere und fundamentaler werdende Auseinandersetzungen erwarten.

Der heutige Beschluß hat den kleinen Vorteil, daß etwas länger Zeit bleibt, in der es wahrscheinlich immerhin noch etwas Kernenergie in diesem Land geben wird und eine Umkehr leichter möglich bleibt. Mancher der Unterzeichner des „Energiepolitischen Appells“ mag derartige Motive hegen. Dem steht wiederum entgegen, daß möglicherweise der Druck, sog. alte Anlagen mit dem blödsinnigen Argument der Terrorismusabwehr sogar früher zu schließen als bisher geplant, zunimmt. Die konkreten Details werden erst in der nächsten Zeit bekannt werden. Jedoch scheint es mir besser, noch einmal im Vorfeld den schädlichen Charakter der ganzen Richtung, die hier nochmals bekräftigt wird, zu betonen.

Derzeit wird eine andere Frage, wie üblich mit allen Tricks der Unehrlichkeit, der Demagogie und Provokation aufgerührt, die Bevölkerungsfrage, und soll wohl auch die Kernenergiefrage und den fragwürdigen Charakter der jetzigen Entscheidung in den Hintergrund befördern. Man sollte sich mit beiden Fragen befassen und den fundamentalen Zusammenhang beider Fragen mit der kapitalistischen Ordnung zum Thema machen.

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Weiteres zum Urteil des Bundesgerichtshofs zur sog. Sterbehilfe

“Selbstjustiz am Krankenbett” überschreibt Oliver Tolmein eine kritische Analyse des Urteils des Bundesgerichtshofs zur sog. Sterbehilfe.

http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EEE25EC187EF7440E95A27FA8D9C52767~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Tolmein erörtert mehrere Aspekte dieses Urteils, die meine allgemeine Einschätzung v. 25.6.2010 „Bundesgerichtshof erleichtert willkürliche Tötungen“ bestätigen.

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Zu Afghanistan. Abzug der USA? Regierungsbeteiligung von sog. Taliban? Was wird aus Pakistan? Zur Rolle Deutschlands und anderer europäischer Länder

In den letzten Monaten wird viel über Vorbereitungen eines angeblichen Abzugs der USA aus Afghanistan und eines sog. Friedensschlusses geschrieben. Manche Äußerungen kommen mißmutig daher, daß es noch immer nicht und wahrscheinlich nie gelinge, den Krieg dort zu gewinnen, daß man leider gezwungen sei, mit gewissen „Taliban“ Kompromisse zu schließen, sie irgendwie an irgendwelchen zu schaffenden Machtstrukturen zu beteiligen und die ganze Sache auslaufen zu lassen …

Aber dort einen Krieg gegen  „Al-Qaeda“ oder „Taliban“ oder wen auch immer zu gewinnen war doch in Wirklichkeit garnicht die Absicht, war auch wohl kaum je überhaupt eine reale Möglichkeit.

Die wirkliche Absicht war, durch militärischen Terror, allmähliche Etablierung immer größerer Stützpunkte, durch Infiltration der ganzen Gesellschaft, durch die Gewinnung von warlords und Drogenbaronen, durch das ganze Arsenal der Bestechung die politischen Bedingungen für eine dauerhafte Festsetzung der USA zu schaffen. Daß dies mit unaufhörlichem weiteren Unfrieden im Lande, Terrorismus und Widerstand einhergehen mußte und wohl auch weiterhin wird, daß solche Dinge auch weiterhin als Begründung für weitere massive militärische Aktivitäten genutzt werden, ist wahrscheinlich längst eingeplant. Muß man noch erwähnen, was von verschiedenen Quellen längst behandelt wird, daß bestimmte terroristische Gruppierungen in Afghanistan, auch in Pakistan und Indien, mehr oder weniger unter Kontrolle der USA selbst ihre zerstörerischen Aktivitäten leisten und ihnen politisch-militärisch zuarbeiten?

Umfangreiche Militär- und Spionagestützpunkte wurden aufgebaut, die sich v.a. gegen China richten, den kommenden wahrscheinlichen weltpolitischen Hauptrivalen der USA auf lange Sicht. Daneben hat auch Russland Grund zu Befürchtungen – und steckt wohl seinerseits in parallelen Aktivitäten.

Mit „Truppenabzug“ (der genau gelesen von vornherein nur ein teilweiser sein soll) und politischem Friedensschluß ist in Wirklichkeit gemeint, daß bestimmte tonangebende Kräfte Afghanistans als politische Mitträger einer solchen zweifelhaften Zukunft eingebunden werden, sei es durch Eskalierung des Kriegsdrucks gegen sie, sei es durch Gewinnung als Bundesgenossen in einem Krieg gegen andere konkurrierende Gruppierungen. Diese Auseinandersetzungen sind in vollem Gang, ihre Ergebnisse offen. Auch Regierungen etc. von Nachbarländern müssen mitspielen, bspw. von Pakistan, wenn die US-Pläne vorankommen sollen.

Die Bestechung durch sog. finanzielle Hilfen findet umso mehr Ansatzpunkte, je kaputter die ökonomische Basis das Landes und überhaupt der gesellschaftliche Zusammenhalt ist.

Mittlerweile dauert der Krieg der USA schon fast neun Jahre, manchmal heißt es, das sei länger als jeder andere Krieg der USA. Zuvor herrschten seit 1979/80 der Krieg gegen  die russische Besatzung sowie die späteren Kriege islamistischer und ethnischer Cliquen gegeneinander. Die weitere wirtschaftliche, kulturelle und moralische Ruinierung des Landes war ständiges Mittel der strategischen Absichten der USA. Es geht auch nach neun Jahren weiterer Zerstörung und Zermürbung nicht um wirklichen Frieden und Wiederaufbau,  sondern um politische Zwischenergebnisse, die den USA eine Konsolidierung ihrer politischen Basis in der Region und eine Verminderung ihrer in Afghanistan derzeit noch gebundenen Kampftruppen einbringen sollen. Bestimmte Spielarten des „Terrorismus“ werden weiterhin als sog. Legitimation von den USA und anderen genutzt und gefördert werden.

Die Chancen für die Pläne der USA stehen allerdings nicht rundum gut.

Wer kann in Afghanistan und den maßgeblichen Nachbarländern für die Pläne der USA gewonnen werden, wer ist  endlich weichgekocht genug, damit dort nunmehr so etwas wie im Irak erzielt werden kann, eine angeblich stabile Regierung, die ein paar politische Kräfte hinter sich arrangiert, aber vor allem als Deckmantel und Garant der permanenten US-Militärpräsenz in dem Land zu fungieren hätte? Es ist durchaus fraglich, ob die Karsai-Gruppe diese Rolle übernehmen kann und will. Karsai hat sich mehrfach mit den USA angelegt und unterhält bspw. demonstrativ relativ enge Beziehungen zu Iran. Und ob das Modell für Afghanistan, die sog. Exitstrategie der USA im Irak, die in Wirklichkeit die permanente Etablierung riesiger US-Basen auch in jenem Lande absichern soll, über die nächsten Jahre Bestand hat, wird man sehen. In mancher Hinsicht ist die Entwicklung in beiden Ländern vergleichbar.

In und um Afghanistan gibt es reichlich Kräfte, die einer derartigen „Lösung“ im Prinzip entgegenstehen.

Natürlich sehen andere Länder wenigstens zum Teil, wenigstens was ihre eigenen unmittelbaren Interessen betrifft, was die USA dort treiben. China weiß, was die USA dort wie auch anderswo an militärischem Aufbau gegen China treiben, wenngleich in der chinesischen Bourgeoisie auch weiterhin starke Motive wirksam sind, die Konfrontation mit den USA zu mildern, jedenfalls hinauszuschieben, sich – auf Kosten anderer, beispielweiste Russland, Europas  – noch weiterhin mit den USA zu arrangieren, vielleicht sogar eines ferneren Tages die USA sich seinerseits unterzuordnen. Die chinesische Regierung rüstet intensiv auf, um bspw. der US-Navy in den Nachbargewässern Chinas die Stirn bieten zu können …..

Was man in Russland bezüglich der Festsetzung der USA in Afghanistan und Zentralasien weiß und treibt, ist noch unklarer, weil die Rolle des schwachen Russland eher die eines Jokers in zukünftigen möglichen internationalen Kombinationen ist. Es kann mit China gegen die USA, es kann mit den USA gegen  China, es kann mit Indien und wem auch immer gegen wen auch immer zu kombinieren versuchen, es kann auch selbst zum Schlachtopfer werden. Interessanterweise hat Russland in der letzten Zeit sich deutlich gegen bestimmte Vorhaben der USA ausgesprochen, islamistischen Terrororganisationen in und um Afghanistan eine sog. Rehabilitierung zuteil werden zu lassen.

Nicht unwichtig ist auch die Rolle der Europäer in der Region. Meiner Einschätzung nach haben bspw. Deutschland  und Frankreich spätestens 2001 gesehen, daß im afghanisch-zentralasiatischen Raum weltpolitische Knoten  geschürzt und große Konflikte vorbereitet werden, und den Schluß gezogen, dort trotz der Abenteuerlichkeit des Vorhabens für solche militärisch relativ schwachen Mächte gleichfalls präsent sein zu müssen.

Pakistan in der Zerreißprobe

Ein ganz schwieriger Fall, an dem die Gegensätze, auch nach innen hin, sich zunehmend deutlich zuspitzen, ist Pakistan. Das Land hatte früher eine viel komfortablere Position als heute, diese hat sich mittlerweile in das glatte Gegenteil von komfortabel verwandelt. Pakistan befindet sich in der Zerreißprobe.

Als die USA 1979 bis 1985 Afghanistan zum Austragungsort von Kämpfen gegen  die Sowjetunion nutzten, die vor Ort maßgeblich von sog. Mudjaheddin a la bin Laden und Hekmatyar, finsteren islamistischen Reaktionären und CIA-Komplizen, getragen wurden, von Pakistan aus mit Menschen und Nachschub versehen in Kooperation des pakistanischen Militärs und Geheimdienstes mit den USA (Saudi-Arabien nicht zu vergessen), da bekamen die etablierten Kräfte  Pakistans nicht wenig Geld und politische Unterstützung von den USA und anderen. Sie saßen fest im Sattel, konnten dabei auch noch eigene machtpolitische Ziele in Afghanistan unterderhand verfolgen, indem sie auf die Etablierung von solchen Kräften in Afghanistan setzten, die unter dem Namen Taliban bekanntlich großenteils aus Pakistan kamen und mit dessen Regierung wenigstens zum Teil kooperierten. Der soziale Druck von unten gegen das halbfeudale und militärbürokratische System in Pakistan konnte so zu einem Teil umgeleitet werden. Außerdem durfte Pakistan hinsichtlich Nuklearwaffen, internationaler islamistischer Umtriebe und Aufrechterhaltung des Spannungszustandes mit Indien sich einiges erlauben. Auch seitens Chinas erfuhr Pakistan konstante Unterstützung – freilich anderer Art als durch die USA – v.a. wegen seiner Konfrontation mit Indien, zu dem China seinerseits in einer gewissen fundamentalen Konfrontation steht.

Heute steht das pakistanische Establishment vor schweren Herausforderungen, sie sind so heftig, daß sogar der Bestand dieses Establishment oder des Staates als solcher in Frage steht. Wird Pakistan mit der festen Etablierung der USA in Afghanistan leben können und wollen? Wird es sie genügend unterstützen, um nicht noch mehr Druck der USA sich auszusetzen, der die innenpolitische und die ökonomische Katastrophe noch mehr zuspitzen muß? Wird es nicht noch mehr Zorn der eigenen Massen wegen der Komplizenrolle mit den USA auf sich ziehen? Erhebliche Teile der Massen in allen diesen Ländern sind gegen die USA und überhaupt das internationale kapitalistische Regime und nicht in der Stimmung, sich damit zu arrangieren. Ein Teil des Islamismus kocht sein Süppchen auf der Wendung gegen die USA und versucht bei den Massen damit Punkte zu sammeln. Er fordert das Establishment in Pakistan wegen seiner gottlosen Anbindung an die USA heraus und versucht, stärker in die Machstrukturen einzudringen. Die Opposition gegen die Rolle der USA in Pakistan ist weitverbreitet und keineswegs bloß eine islamistische.

Heute ist man Zeuge einer Kette von Militäraktionen, die einerseits die USA in Pakistan, andererseits auch die pakistanische Regierung gegen oppositionelle Kräfte im Lande unternehmen. Terrorakte unklarer Gruppen, die Aktitvitäten amerikanischer Spione und Killer im Lande beunruhigen das Volk noch mehr. Die hochrangigen Besucher aus den USA in Pakistan geben sich die Klinke in die Hand und bringen finanzielle Zuwendungen und Druck auf die Regierung mit, bestimmte Militäraktionen zu unternehmen oder zu unterlassen und sich dabei den Wünschen der USA besser anzupassen.

Dabei kann man m.E. beobachten, daß die beiden Seiten zu erheblichen Teilen recht unterschiedliche Sichten auf Freund und Feind pflegen. Die USA verlangen, daß Pakistan in seinem eigenen Land und wohl auch in Afghanistan gegen  diejenigen politischen Elemente vorgeht, die den USA querkommen –  aber das sind keineswegs immer dieselben, mit denen die pakistanische Regierung ein Hühnchen zu rupfen hat. Bestimmte islamistische Gruppierungen sind Stützen der Strukturen in Pakistan, werden aber von den USA unter Drohnenbeschuß genommen, um mehr Kooperation in Afghanistan herbeizubomben; umgekehrt gibt es solche, die die pakistanische Regierung unterdrücken will, die sich aber bei den USA einschmeicheln.  Progressive organisierte politische Kräfte in Pakistan, die auch für die soziale Umwälzung des halbfeudalen Systems und die Modernisierung des Landes kämpfen, sind, soweit man von außen einen allgemeinen Eindruck überhaupt bekommen kann, relativ schwach, aber es gibt jedenfalls großen Druck der Massen.

Indiens Führung scheint derzeit relativ gut mit der USA-Etablierung in Afghanistan sich arrangieren zu können. Ob das so bleibt, hängt aber von der weiteren Entwicklung ab, z.B. davon, wer in Afghanistan die künftigen Machtpositionen einnehmen wird und was die Rolle Pakistans sein wird. U.U. kann auch Indien dort störend aktiv werden, eventuell in Koordination mit Russland. Nicht außeracht zu lassen ist jedoch, daß erhebliche Teile der indischen herrschenden Kreise relativ eng mit den USA und auch mit Israel kunkeln.

Der drohende Zerfall Pakistans rückt die äußerst grundsätzliche Frage der Spaltung zwischen Indien und Pakistan umso mehr wieder in den Blick.

China

Aber vor allem China spielt in Afghanistan inzwischen sehr aktiv mit, kein Wunder. Es fühlt die Bedrohung seiner eigenen Grenzen durch die USA. Es ist in Afghanistan inzwischen massiv präsent mit Bergbau- und Verkehrsprojekten und hat mit benachbarten zentralasiatischen Ländern (Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan usf.) begonnen, gewichtige ökonomische und politische Kooperations-Strukturen aufzubauen. Diese Länder sind sowohl als Rohstofflieferanten (Öl und Gas aus diesen Ländern bzw. durchgeleitet durch Pipelines dieser Länder) wie auch als Partner von sog. Seidenstraßenrouten nach Europa essentiell für Chinas Ökonomie. Auch industriell verspricht diese Verbindung für diese Länder einen gewissen Anschub. Diese Verbindungen werden umso wichtiger, je deutlicher die Bedrohung der USA für die Seeverbindungen Chinas sich herausbildet. Diese Staaten muß China gewinnen und als Partner erhalten entgegen den Absichten und Machenschaften der USA, die ihrerseits dort überall fester Fuß zu fassen sich anstrengen, wie man beispielhaft an den Unruhen in Kirgistan, einem direkten Nachbarn Chinas, ablesen kann.

Die Europäer in Afghanistan

Nicht zuletzt muß das Engagement Deutschlands und wohl auch Frankreichs – vielleicht auch anderer europäischer Länder- in Afghanistan beachtet werden. Dies war den USA trotz aller NATO-Solidaritätsbekundungen und –kooperationen immer auch etwas Unangenehmes, weil es trotz aller politischen Manöver nie vollständig gelang, diese Länder auf dieselbe politische Linie festzulegen, wie sie die USA verfolgen. Insbesondere Deutschland stellte immer ein gewisses Gegengewicht zu den USA in Afghanistan dar mit eigengeprägtem Vorgehen, traditionellen Verbindungen und eigenen „Freunden“ im Lande und drumherum,  die nicht unbedingt in gleichem Maße Freunde der USA sind, eigenen Beziehungen zu China und Russland usf. Damit kann Deutschland bzw. können Deutschland und europäische Partner zum Beispiel eine Rolle als stille oder offene Verbündete Chinas oder auch Rußlands im Fall von Handlungen der USA gegen  diese Länder einnehmen. Das ist ein Unsicherheits- und vielleicht sogar Störfaktor im afghanisch-zentralasiatischen Ringen in der Sicht der USA. Das ist eigentlich nicht zu übersehen.

Die Forderung, die Deutschen sollten dort endlich abziehen, ist zu einem erheblichen Teil eine Forderung der USA, nicht unbedingt eine der wichtigen afghanischen Kräfte oder der unabhängigeren Kräfte in Deutschland selbst. Wer diese Forderung in Deutschland zum gegenwärtigen Zeitpunkt unterstützt und warum, wäre einmal ein interessantes Thema. Wenn die Deutschen aber dort bleiben, müssten sie nach Meinung der USA wenigstens besser in ihre Politik eingebunden werden, müssen notfalls mehr „Taliban“ in die Nordprovinzen gekarrt werden und die deutschen Garnisonen von überlegenen US-Kampftruppen umgeben werden. Derzeit bauen die USA in aller Eile eine ihrer bisher größten Militärbasen bei Mazar-el-Sharif, der Region Afghanistans, die früheren Absprachen zufolge von Deutschland beaufsichtigt werden sollte… Von solchen Widersprüchen und Machenschaften erfährt man natürlich in den deutschen Medien so gut wie nichts, das heißt aber, wie üblich, nicht, daß sie nicht existieren und sogar wesentliche Reibungspunkte bilden.

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Der Aufbau der „Perlenkette“ von Militärbasen der USA entlang den zentralasiatischen Grenzen Chinas und Rußlands und anderswo gehört zu den zentralsten strategischen Vorhaben der USA seit einer Reihe von Jahren und wird hartnäckig fortgesetzt. Verknüpft sind diese Dinge u.a. auch mit der Iranfrage. Aber es gibt enorme soziale Unruhe in vielen der betreffenden Länder, darunter auch in Pakistan, Indien und anderen, und die internationalen Widersprüche sind höchst virulent und in Bewegung befindlich, darunter auch der zwischen Europa und den USA. Es ist zu hoffen, daß diese Faktoren in der richtigen Weise sich zur Durchkreuzung derartiger Pläne der internationalen kapitalistischen Militärbarbarei unter Führung der USA kombinieren und die stinkenden reaktionären Strukturen der Länder selbst möglichst weitgehend in Mitleidenschaft ziehen.

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Kirgistan, die USA und China

In einem Artikel des bekannten Kommentators M. K. Badhrakumar, eines früheren indischen Diplomaten,  auf der website „Asia Times Online“ wird die neueste Entwicklung im Zusammenhang der Unruhen in Kirgistan, einem Nachbarland Chinas sowie Usbekistans, Kasachstans und Tadschikistans beleuchtet.

Der Autor vertritt die Sicht, daß mit der kürzlichen Initiative der USA, dort die OSZE als sog. obersten Krisenschlichter zu stationieren, d.h. vorwiegend den USA selbst und der NATO eine international anerkannte politische und militärische Präsenz einzuräumen, Rußland und China kalt erwischt und an die Seite gedrängt wurden. Die USA strebten, so der Autor, analog zur Politik gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien, ein neues „Kosovo“ an – ein aus sog. ethnischen Unruhen geborenen neuen „Staat“, der vor allem den USA als neue feste Militärbasis dienen würde gegenüber China und Rußland.

Eine Schwäche des Artikels ist allerdings, daß er lediglich Probleme der Beziehungen zwischen Russland und den USA erwähnt, die von diesen neuesten Entwicklungen tangiert werden, während er die Rolle Chinas und dessen mögliche Antworten nicht behandelt. Hierzu dürfte in der nächsten Zeit Neues zu erwarten sein.

http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/LH07Ag01.html

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